Vorm Original, gleich im ersten Saal der Kunsthalle Baden-Baden, wirkt „Grand Hotel Tazi“ (2016) natürlich noch eindrücklicher, unmittelbarer und distanzierter zugleich. Allmählich baut der vortastende Blick eine Vertrautheit mit dem Geschehen auf, welches sich sogleich wieder verrätselt. Das Gemälde, gemalt in Öl auf Leinwand, zeigt den Blick in die Lobby und an die Bar des Hotels in Marrakesch. Die Fliesen leiten durch die hohe Halle und leuchten mit den vielen Lampen ihre Verzweigungen aus. Seitlich im Hintergrund führt eine Treppe, von einer Säule und einem Baldachin umfangen, nach oben; die Decke und die Wände sind mit Ornament verziert, zentral öffnet sich eine Kuppel. Einzelne Personen sitzen hier, stehen oder laufen. Sie warten, verbringen die Zeit und beobachten ihrerseits das Geschehen. Vor allem folgen wir dem Mann im gestreiften Hemd, der, als Repoussoir-Figur angelegt, im Vordergrund beschnitten ist. Wir sehen als Zaungast im Überblick, was er nacheinander wahrnimmt. Und dann erschließt sich die Anlage des Interieurs mit der Rezeption und dem Eingangsportal und all den möglichen Geschichten, die außer dem Ein- und Auschecken, dem temporären Verbringen der Zeit hier konserviert sind. Welche Absichten die einzelnen Personen haben oder dass die grünen Flaschen auf den Ausschank von Alkohol weisen, der hier nur selten erlaubt ist, muss man für das Eintauchen in das Bild kaum wissen. Oder immerhin doch, dass sich dieses Hotel im labyrinthischen Altstadtkern mit seinen Märkten – der Medina – befindet und hier zu dessen Spiegelung im Kleinen wird und deren Alltagsgeschehen, gemischt mit dem Transit der Reisenden, aufgreift? Anregend ist schon für sich, wie die Figuren den Raum einnehmen und zu seiner Gliederung beitragen und wie sich in der anhaltenden Betrachtung des Bildes die Raumsegmente allmählich mit Leben füllen. Unterschiedliche Haltungen und gewiss auch Lebensläufe treffen aufeinander, begegnen und verpassen sich.
Wie hingebungsvoll und sorgsam Katharina Wulff ihr Bild gemalt hat, wird in den Figurendarstellungen mit der Genauigkeit der Bewegungen deutlich, den Haltungen der Finger und Hände. Dazu praktiziert sie einen einerseits konkret definierten, andererseits wie entrückten Realismus, zumal im Verhältnis von Figur und Bildraum. Die Größenverhältnisse stimmen nicht immer. Die Perspektive zwischen Vorder- und Hintergrund wechselt, Fluchten in die Tiefe werden gebrochen. Plastisch räumliches Empfinden geht über in flächige Momente. Bestimmte Partien werden unscharf oder sind summarisch aufgefasst, andere wirken durchsichtig und verschleiert, gerade noch – vorm Verschwinden – erfasst. Umso mehr wird der Blick für die so unterschiedlich gelösten Details sensibilisiert, für Kleidung und die Accessoires, für das Verhältnis der Figuren zur Architektur und deren Funktion, für die Formen der Kommunikation und ritualisierte Abläufe. Die Szenen selbst wechseln von Bild zu Bild. Sie zeigen Menschen am Strand, zusammen beim Frühstück auf einem ausgebreiteten Tuch und doch jeder für sich; einzeln oder als Paar in der Landschaft, die sich weich und wie fließend aufbaut, so dass sie in dieser zu schweben scheinen. Dann bei einer Feier im Wald und hier erst recht künstlich und wie Marionetten, überhaupt gibt es auch märchenhafte Darstellungen. Ebenso beim Spielen oder Ausruhen in der Natur vor einem Rohbau, dazwischen eine Steinwüste; oder als einzelne Rückenfigur vor einer Wandmalerei, die einen Dompteur mit Tigern und einem Pferd zeigt; im Zimmer beim gegenseitigen Schminken vor einer gestreiften Tapete. Öfter als bilddominante Porträts, zeitgenössisch in ihrer Kleidung und ihrer Frisur, dann wieder wie aus der Zeit gefallen oder völlig zeitlos. Erinnerung scheint sich in die Gegenwart dieser Darstellungen einzunisten. Dazu tragen die wundersam zarten und hauchdünnen, hellen und oft pastellfarbenen Töne bei, in denen sich Licht und Schatten wiederfinden. Das Inkarnat besitzt eine hohe Bedeutung, überhaupt geht es um den Menschen. Und indem Geheimnisse bleiben, die Orte teils erfunden und wie in der Montage zusammengestellt scheinen und eine heitere Ernsthaftigkeit sich einstellt, finden sich hier mitunter Anklänge an den Symbolismus und den Surrealismus ebenso wie zur Neuen Sachlichkeit mit seiner aufrechten Nüchternheit.
Katharina Wulff lebt seit etlichen Jahren in Marrakesch, im Wechsel mit Berlin. Geboren 1968 in Ostberlin, ist sie in der DDR aufgewachsen und hat zunächst Ballett studiert, dann als Maskenbildnerin beim Film und Theater gearbeitet – und vielleicht hat sie bei all dem dieses sagenhafte Gespür für Körperhaltungen, Kulissen, künstlichen und realen Raum und deren Überschreitung vertieft – und bis 1996 an der Hochschule der Künste studiert. Mit ihrer unangepassten figürlichen Malerei, die mit ihren verschlüsselten Narrationen von Alltagsgeschehen in den Bann zieht, wurde sie zu Ausstellungen wie 2012 im San Francisco Museum of Modern Art und 2019 im Haus Mödrath in Kerpen eingeladen. Trotzdem sind ihre institutionellen Einzelausstellungen eher seltene Ereignisse. Bei den oft großformatigen, stilistisch variierenden Malereien ahnt man, dass die Entschleunigung ihrer Darstellungen Resultat genauer Planung und hohen Aufwandes ist. Zuletzt hat sie in ihren Galerien in Berlin, bei Buchholz und bei Neu, und vor kurzem bei Greene Naftali in New York ausgestellt. Seit dem Wintersemester 2020/21 unterrichtet sie als Professorin für Malerei an der Akademie in Düsseldorf.
In ihren Bildern klingen indirekt die eigenen Lebensräume und die Beobachtungen dort an, als Vergewisserung der Realität und der Fragen der sozialen Beziehungen zwischen Menschen in ihren gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Systemen und der komplexen Rolle etwa von Architektur. Zu den Bildern, die sich auf Marrakesch beziehen, gehört „Tagträumer“ (2005). Ein blondhaariger, nur mit schwarzer Unterhose bekleideter Mann sitzt aufgerichtet auf einem der Flachdächer über der Stadt. Die Beine hängen parallel zusammengerückt herab, die Arme sind angewinkelt. In der linken Hand hält er ein zierliches vierblättriges Kleeblatt. Seine seltsame Künstlichkeit wird unterstrichen durch zwei kleine Hunde in einem Bauelement seitlich hinter ihm und ein Schaf auf einer Terrasse unter ihm, dem er zugewandt ist. Vor ihrer Schlachtung zum islamischen Opferfest werden die Schafe nach oben unter den Himmel gebracht. „In den Tagen vor dem Fest ist über den Dächern der Stadt das Blöken der Schafe zu hören, das am Tag der Opferung plötzlich verstummt.“ (Booklet Baden-Baden 2026) Auch in anderen Bildern kommen die Satellitenschüsseln vor, die hier in ihrer Menge wie Klangfänger, Geräuschverstärker und Echo auftreten. Wiederkehrend sind auch die verzierten Stege, unter deren Überdachung sich die beide Hunde aufhalten: Die Arabeske (mit ihren vielfältigen Bedeutungen und Initiationen, etwa als Mashrabiya zur Trennung von Innen und Außen) erweist sich als ein Leitmotiv überhaupt dieser Kunst. So kehrt sie wieder in den beiden hellen, leicht anmutenden Architekturskulpturen aus Zedernholz, die Katharina Wulff von Handwerkern in Marokko anfertigen ließ. Sie sind Teil der Ausstellung in Baden-Baden. Die eine zeigt ein Ensemble ineinander verschränkter Sitzbänke, die modellhaft eine architektonische Konstruktion einschreiben und mit gegenstandsfreien farbigen Stoffbezügen gepolstert sind. Die andere zeigt einen teilweise gedrechselten Turm aus vier aufragenden zusammengesetzten Stäben, die knapp unter der Lichtdecke mit den Modellen einer Satellitenschüssel und eines Vogels abschließen.
Im gleichen Raum hängen drei kleinformatige Porträts von jungen Frauen aus dem Jahr 2023, und in einem von diesem kehrt ein solcher Turm in der Darstellung von Hochspannungsmasten wieder. Jede der Frauen aber befindet sich im Vordergrund vor einer Art Abgrenzung, etwa dem Bordstein des Bürgersteigs, und einem riesengroßen, die ganze Breite einnehmenden Gebäudekomplex. Das Bildnis mit den Hochspannungsmasten zeigt im Vordergrund „Silke“ in einer blauen Jacke mit Knöpfen. Sie hält in der Rechten einen aufgespannten Regenschirm, während die Linke mit einer feinen Geste der zusammengelegten vier Finger, wie als kunsthistorisches Zitat, am oberen Verschluss der Jacke nestelt. Ein weiteres dieser Bildnisse heißt „Frieda“. Der Blick der jungen Frau ist selbstbewusst und ernsthaft, leicht von unten geradeaus zum Betrachter gerichtet. Dazu hat sie die Arme vor dem smaragdgrünen Rollkragenpullover verschränkt, der in ein gleichfarbiges Kleid übergeht und wie ein dichter, zugleich weicher Schutz wirkt. Die Frauendarstellung ist an eine (schwarz-weiße) Fotografie von Sibylle Bergemann aus dem Jahr 1982 angelehnt, welche deren 20-jährige Tochter in Ostberlin zeigt: „Während das ursprüngliche Foto die Frau vor einem Blumenstrauß zeigt, hat Wulff sie vor einem hellblauen Werksgebäude mit Ladezone platziert. In der Produktion sah die DDR ihre Bürgerinnen und Bürger am liebsten“, hat Annette Hoffmann dazu auf artline.org geschrieben. Eine weitere Referenz war für Katharina Wulff Maxi Wanders Buch „Guten Morgen, du Schöne“ (1977), dem die Tonbandaufnahmen von Frauen in der DDR, die sich zu ihren Erfahrungen und Wünschen äußerten, zugrunde lagen.
Dabei wirkt die Malerei von Katharina Wulff, die mit diesen Bildern auch Spurensuche in ihrer Biographie betreibt und die Individualität in prägenden Systemen untersucht, überaus präsent. Referenzen an Gesehenes, kollektive Bilder und Beobachtungen und private Erfahrungen verbinden sich. Wie öffentlich ist das Private und wie privat das Öffentliche? Die Figuren ihrer Gemälde wirken immer besonders, sind Individuen, auch wenn sie gerade nicht handeln. Immer stellt sich die Frage nach ihrem Da-Sein und So-Sein. Noch beim Betrachten der Bilder reflektieren wir unsere Gegenwart mit ihren Zumutungen und Krisen und der eigenen Verantwortung umso schärfer.
Katharina Wulff, Arabesken in Arabesken, noch bis 10. Mai in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, Lichtentaler Allee 8 a, 76530 Baden-Baden
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