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Porträtfoto: © Ann Weitz, Düsseldorf

Gino Bühler

Sensationen am Wegrand

Alles ist – bildfüllend, die Spannweite eines Menschen umfassend – Natur, Blatt­werk, zum Betrachter hin ausgerichtet, ein verhalten lebhaftes All-Over, eine Ver­­führung zum Sehen. Die Blätter sind in Ausschließlichkeit und im Ausschnitt abge­bildet, wiedergegeben in hoher Tiefenschärfe, so dass sie aus dem fotografischen Bild schier herausragen oder im schwarzen Grund versinken. Sie wirken samtig, starkfarbig und in dieser Größe wie körperlich und, eingebettet in ihren Kontext, vertraut und doch überraschend.

Das gilt entsprechend für „Hofgarten. Straußenfarn (Matteuccia struthiopteris), Düsseldorf 2019“. Der Titel der Fotoarbeit von Gino Bühler signalisiert Feierlichkeit, Erhabenheit, vor allem aber teilt er den Standort der fotografierten Pflanze und ihre naturwissenschaftlichen Benennungen mit. Indem sich die spitz zulaufenden Farn­blätter umfangen und umspielen, sanft berühren, zudecken, voreinander schie­ben oder verhaken, so dass sie nach oben gedrückt werden, lässt sich eine stete Aktivität vorstellen, die hier sorgfältig festgehalten ist. Sie deuten Gesten des Schüt­­zens, aber auch Vereinnahmens an, schließen sich zusammen und fächern auseinander. Schon in der Ausrichtung und in Verbindung mit den wechselnden Grüntönen ist kein Blatt wie das andere, und alle verhalten sich verschieden. Andererseits kennzeichnet sie in ihrer immensen Präzision eine Sachlichkeit, bei der ihre Erscheinungswirklichkeit und ihr tonaler Reichtum ausdifferenziert sind.

Im Gespräch in seiner Ausstellung in der GARAGE erwähnt Gino Bühler Karl Bloss­feld, der mit seinen schwarz-weißen sachlich-magischen Detailschilderungen von Natur berühmt wurde und Pionierarbeit in der fotografischen Darstellung von Pflanzen leistete. Er arbeitete ihre Widerstandsfähigkeit und die symmetrische und serielle Organisation mittels Fokussierung, Isolierung und abstrahierendem Aus­schnitt heraus. Objektiviert stehen die Stängel und Blüten alleine vor einem leeren, neutralen Grund. Das Buch seiner Aufnahmen hat Karl Blossfeld „Urformen der Kunst“ (1928) genannt – ein Titel, den Gino Bühler für seine Pflanzen-Fotogra­fien aufgreift. Er spricht von „Urformen des Lebens“: Erst der Prozess der Photo­syn­these, den die Pflanzen leisten – die Umwandlung von Sonnenlicht in chemisch gebundene Energie – , ermöglicht Sauerstoff und dadurch Leben. Die Pflanzen verfügen mit den Blättern über breite Oberflächen, die sie zur Sonne hin ausrichten.

Jedoch fotografiert Gino Bühler gerade keine Blumen, die augenblicklich ikonographisch und symbolisch gedeutet werden. Auch fotografiert er nicht den Urwald, wie es – mit unterschiedlicher Intention – Thomas Struth oder Axel Hütte getan haben. Nicht das Feierliche oder elementar Überbordende ist Sujet seiner Aufnah­men, sondern das Diskrete und unspektakulär Präsente der Zierpflanzen im vertrauten Raum in Düsseldorf. Die sternförmigen Blüten der Buntnessel auf der Königs­­allee (2018) leuchten seiner Fotografie gelb-grün, bis hin zum Beige, wobei sie in ihrer Dichte und Fülle und ihrer aufleuchtenden Grellheit an ein Feuerwerk am Nachthimmel erinnern. Auch hat Gino Bühler Lebensbäume fotografiert, bei denen die Knospen am selben Ast nebeneinander sterben und wachsen und vielleicht symbolisch für den Kreislauf des Lebens stehen. Die Namen im Titel deuten die ursprüngliche Herkunft aus verschiedenen Ländern und Kontinenten an und weisen damit auf den Warenimport und die einstige koloniale Vereinnahmung, aber auch den Austausch der Kulturen und des Lebens, der hier schon im Peripheren Schönheit und Vielfalt hervorbringt. – Mit seinen fotografischen Bildern müsste Gino Bühler eigentlich auf den Ausstellungen zur Aufmerksamkeit gegenüber der Natur, zum ökologischen Gleichgewicht und Klimawandel und zum Reichtum der Pflanzenwelt vertreten sein, wenn sich sein Werk nicht abseits vom Kunstgeschehen ereignen würde. Immerhin, die Schönewald Galerie hat seine Aufnahmen vor einigen Jahren auf der photo week gezeigt.

Gino Bühler wurde 1945 in Zürich geboren. Er hat dort an der Kunstgewerbeschule Grafik­design studiert, war anschließend in der Werbebranche tätig und hat 1967-69 bei einer Zeit­schrift in Paris gearbeitet. 1970 ist er nach Düsseldorf gezogen. Im Umfeld des Ratinger Hof ist er u.a. an der Gründung des „Überblick“ beteiligt und entwickelt Werbeprojekte mit Freun­den wie Oliviero Toscani und Peter Lindbergh. So hat er mit diesem ein Konzept entwickelt, bei dem gewöhnliche Passanten in Amsterdam fotografiert wurden. Bis heute konzipieren Ann Weitz und Gino Bühler Porträts, die die Spannung zwischen Auftragsfotografie und Insze­nierung ausloten.
Die Hinwendung zu den Pflanzen aber wird vielleicht gefördert durch die Aufenthalte als Ju­gend­licher mit dem Vater im Engadin. Eine der ersten Werkgruppen heißt „PLAN. Eine Semiotik zur Schneeschmelze“ (2000/2001). Sie umfasst dreizehn Fotografien, die im Aus­schnitt je eine Wiese der Ortschaften im Bergell/Oberengadin zeigen, nach der Schnee­schmelze: „Geglättet, planiert, liegt eine ehemals bunt colorierte Wiese zur Verwesung aus; Be-Erdigung, Zu Erde-Werden findet hier ihre Darstellung“, schreibt Gino Bühler und schiebt zum Nutzen der Schneedecke voraus: „Die empfindlichen alpinen Pflanzenarten ‚überwintern‘ unter ihr in einem permanenten Nullgradbereich. Er sorgt unabhängig von den Außen­tem­peraturen für ihr biologisches Über- und Weiterleben.“ (Edition PLAN, Bergell 2000) In diesen relativ monochromen Aufnahmen, die die Halme und Gräser in verschiedenen Struk­turierungen zwischen Unruhe und System wiedergeben, erfasst er die Gegend und deutet eine Topografie der Vegetation an mit ihrem Wechsel im Abstieg von den Bergen, in der Ver­bindung des Kanton Graubünden mit Italien. Als Titel nennt er jeweils Längen- und Breiten­grad und die einzelnen Orte im romanischen Dialekt Bregagliott. Ausgestellt sind diese kleinformatigen Aufnahmen heute im Hotel Bregaglia in Promontogno.

Die Pflanzenbilder ihrerseits entstehen unter dem Titel „Photosynthese“ ab Ende der 1990er Jahre. Ausgehend von Fotoskizzen, mit denen er zunächst die Stelle eingrenzt, fotografiert Fino Bühler mit der Großbildkamera vor Sonnenaufgang. Er arbeitet nur mit reinem Licht. Den Standort geben die Pflanzen vor, die sich für die Photosynthese zur Lichtquelle hin ausdehnen. Bühler spricht von der „Lichtachse“ und der „Lichtperspektive“, nach der er die Kamera vor den Pflanzen platziert und so die Ausrichtung der Blätter festhält. Zugleich benötigt er Windstille für seine relativ langen Belichtungen, die Momentaufnahmen des Unfassbaren ermöglichen und in der Unbewegtheit das Zittern und die Lebendigkeit festhalten. Im Atelier vergrößert er die Datenmengen, eliminiert Fehler der Technik und arbeitet die Tiefe weiter heraus. Die Bilder steigern ihre Unmittelbarkeit, indem sie ohne Glasscheibe präsentiert werden. Umfangen von einem breiten und tiefen Passepartout wird der Blick in die Dar­stellung gezogen. Tau und Farbverfärbungen sind sichtbar und betonen die Ereignisse, die hier stattgefunden haben. Licht erweist sich aber auch als Urquelle der Fotografie, deren Grenzen diese Bilder aufzeigen und zugleich überwinden. Und dann sieht man die Sensa­tionen der Natur. Das Lapidare wird besonders, staffelt und überlagert sich, man beobachtet, wie zarte Zweige das Blatt halten oder sich mit einem Schwung, der Raum definiert, wie ein Fächer nach unten biegen. Wie unterschiedlich jedes Gewächs ist. Verschieden sind schon die Blätter, in die – inmitten des scheinbaren Chaos – Struktur und Symmetrie eingeschrieben sind. Vielleicht so: Gino Bühler zeigt die Porträts der Pflanzen und im Gegenüber offenbaren sie ihr Wesen. Martin Bartelmus spricht zurecht von ihrem „Antlitz“ (Kat. Photosynthese, Düsseldorf 2022ff).

Im Besprechungsraum in der GARAGE wird außerdem eine zweite Werkgruppe vorgestellt, im kleinen Format gedruckt auf DIN A4-Blätter, die „Randnotizen“. In der Auswahl umfassen sie den Zeitraum 2006 bis 2021, aufgenommen meist unterwegs, aus der Hand. Zu sehen ist zum Beispiel eine Deckenlampe in Blütenform, die Gino Bühler im Hotel Bregalia entdeckt hat und die ihrerseits von der Seite angeleuchtet wird („Solar Strom“, 2006). Oder der Blick auf die Alpen führt schräg durch blaue Partyschirme hindurch, die das Logo einer Eis-Marke tragen („Ewiges Eis“, 2011). Ein anderes Foto zeigt eine kitschige Werbewand mit einem posierenden Eisbären vor dem strahlend blauen Wolkenhimmel, davor liegen verstreut Eisblöcke, die sich nach einer Werbeveranstaltung über den Boden ergießen („Klima Wandel“, 2017). Hier wird ganz direkt der fahrlässige Umgang des Menschen mit der Erde thematisiert. Auch die anderen fotografischen Skizzen, die immer ohne Menschen auskommen, legen subtil eine Fragilität frei, die aus der Balance geraten ist, indem Gegenstände verblüffend aufeinandertreffen. Immer kennzeichnet die Situationen aber etwas Unbeachtetes, sich selbst Überlassenes.

Indirekt findet sich das in den Pflanzenbildern wieder. In der Dominanz von Architektur, Ver­kehr, Straßen und Bürgersteigen, Bäumen und Blumen und zu Füßen der Passanten werden die Gewächse leicht übersehen. Mit der Aufmerksamkeit ihnen gegenüber werden dann verletzliche Verhältnisse sichtbar, schon das Spiel der Blätter untereinander offenbart Hierarchien des Daseins. Als Metaphern für den Kreislauf des Lebens stehen die Pflanzen ohnehin, auch vermitteln sie eine Achtsamkeit für die vermeintlich kleinen Dinge, die das Leben am Leben halten. - Die ästhetische Vielfalt und inhaltliche Komplexität der Fotoarbeiten wird erst recht deutlich, indem sie jetzt sowohl vereinzelt für sich hängen als auch in Korrespondenz mit weiteren treten. Groß­artig, dass Thomas Schütte mit seiner Stiftung diesen Raum und die Ausstellungen hier ermöglicht. Großartig, dass Gino Bühler zur Premiere ausstellt.

Gino Bühler, Photosynthese. Urformen des Lebens, bis 29. März,

GARAGE / Thomas Schütte Stiftung
Hüttenstraße 90, 40215 Düsseldorf
Mi-So 14 bis 18 Uhr, außer an Feiertagen.

TH

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