Die erste Jahreshälfte 2026 steht in der Johanneskirche ganz im Zeichen des „Staunens“. Neben Konzerten und Vorträgen lädt seit dem 18. April die Ausstellung der Düsseldorfer Fotografin und Künstlerin Katharina Mayer zum Staunen ein. Der Titel ist Programm: Die Ausstellung fordert zum aufmerksamen Entdecken auf.
Bereits beim Betreten des Cafés im Foyer begegnen erste Werke der Künstlerin. Zentral fällt die Fotografie „Gastmahl der Freunde“ ins Auge. Zu sehen sind zwölf obdachlose Menschen, die im Refektorium eines Klosters an einem dreiteiligen Tisch sitzen. Im Schlafgestus ruhen ihre Oberkörper auf den Tischen, während ein Koch in ihrer Mitte einen Teig in die Höhe hält. Der Bildaufbau erinnert an Darstellungen des letzten Abendmahls. Doch Katharina Mayer, die auch Vorsitzende der Obdachlosenhilfe fiftyfifty ist, versteht das Werk nicht als religiöse Nacherzählung. Nicht das Abendmahl, sondern ein Gastmahl steht im Mittelpunkt – eine freie Form von Gemeinschaft und Communio. Die Ruhe der Figuren besitzt etwas Kontemplatives. Die Protagonisten scheinen zwischen Traum und Wachheit zu verharren. Während wir über die geheimnisvolle Atmosphäre der Fotografie staunen, werden wir selbst Teil der Szene. Die Tische und Sitzgelegenheiten des Cafés verlängern den Bildraum in den realen Raum hinein.
Mit dem Betreten des Mittelschiffs erhebt sich in der Vierung die monumentale Installation „Kosmosfrau“. Zwei großformatige Fotografien auf Tuch werden von verzweigten Ästen getragen, die in mit Sand gefüllten Ölfässern verankert sind. Die Äste wirken zugleich robust und filigran und formen eine beinahe schützende Raumstruktur. Auf der Vorderseite steht eine Frau in ruhender Haltung vor einem gigantischen Baum – eine Aufnahme aus Kenia. Fast scheint ihr Körper mit dem mächtigen Stamm zu verschmelzen. Das Bild weckt Assoziationen an Gaia, an die Natur als schöpferische und weibliche Urkraft. Auf der Rückseite begegnet uns die japanische Künstlerin Nobuko Sugai in einem Garten in Oberkassel. Sie trägt ein rotes Narrenkostüm, das Katharina Mayer selbst als Mädchen bei der schwäbisch-alemannischen Fastnacht ihrer Heimatstadt Rottweil getragen hat. In „Kosmosfrau“ treten unterschiedliche Kulturen, Biografien und Traditionen mit dem Wunder der Natur und der Schöpfung in einen Dialog. Die Installation wirkt wie ein Kraftort inmitten des sakralen Raums.
Im gesamten Kirchenschiff begegnen uns Fotografien und Zeichnungen, die zum Entdecken auffordern. Werke wie „Ich ist…“ oder „Runder Tisch im Teppichraum“ lenken den Blick auf das Wunder des eigenen Lebens und die verborgenen Details der Welt. Staunen erscheint hier nicht als flüchtige Überraschung, sondern als existenzielle Erfahrung. Die Ausstellung erinnert daran, dass Staunen keine kindliche Eigenschaft ist, sondern eine Haltung, die wach und lebendig macht. Wer staunt, hält inne und tritt in Resonanz – mit dem Kunstwerk, mit anderen Menschen, mit sich selbst und der Welt.
Noch bis Juni 2026 steht das Veranstaltungsprogramm der Johanneskirche unter dem Leitbegriff „Staunen“. Hervorzuheben sind der Vortrag „Die unterschätzte Superkraft – Über das Staunen“ von Philipp Holstein am 28. Mai 2026 sowie der Performance-Abend „Per Forma“ am 13. Juni 2026 mit Katharina Mayer, Inken Boje und Andrea Isa.
Katharina Mayer: Staunen – Installation, Fotografie und Zeichnung
bis 14. Juni in der Johanneskirche Düsseldorf, Di-Sa 12-18 Uhr.
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