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Porträtfoto: © Nina Fandler

Nina Fandler

Von Bild zu Bild

Eines folgt in dieser Malerei auf das andere und dabei öffnen sich immer wieder neue Türen. Die aktuellen Gemälde von Nina Fandler, die jetzt im kjubh in Köln zu sehen sind, geben auf kleinen, moderaten Formaten unterschiedliche Kleidungsstücke stets alleine, bildfüllend vor einer farblich nuancierten, hellen Fläche wieder. Aber auch die Kleidung selbst wird zum Bildträger für die Malerei. Gefaltete Hemden sind grundiert und anschließend monochrom farbig gestrichen oder mit konstruktiven Linienverläufen als malerische Streifen organisiert: Sie zeigen Hemden, die Hemden wiedergeben und gleichzeitig abstrakt und gegenständlich empfunden sind. Andererseits hat Nina Fandler T-Shirts, die mit Gips verstärkt sind, als Malflächen behandelt. Primär zeichnerisch aufgetragen (und darin eben den Aufdrucken auf T-Shirts oder Hoodies ähnelnd), hat sie die Motive ihrer früheren Malerei entnommen. Zu sehen sind etwa ein Hochspannungsmast, der auf dem Bildformat steil in die Höhe ragt, oder eine Lampe, die eine Zimmerecke fahl beleuchtet. Der Bildgrund dahinter ist kalkig weiß und vermittelt eine vibrierende stumpfe Tiefe, die Fläche und Raum zugleich ist.

Die Malerei von Nina Fandler ist experimentell konzipiert und klassisch fundiert, dabei präzise und zunehmend lapidar. Mit ihren wechselnden Verfahren und Sujets befragt sie die Malerei selbst und ihr Potenzial zur Durchdringung des Sichtbaren und Darstellung von Atmosphäre und Stimmungen. Jeder Werkgruppe gehen ausgiebige Beobach­tungen und konzeptuelle Überlegungen voraus: Wie kann Malerei neu und zeitgenössisch sein, gerade wenn sie in ihrem Realismus und ihrer Motivik zunächst nicht so wirkt? Fortan nimmt man die Dinge und die Situationen, die sich auf ihren Bildern einfinden, anders wahr, schaut genauer hin und wird sich überhaupt über die Komplexität seiner Umgebung ein Stück weiter im Klaren. Zugleich arbeitet Nina Fanderl auf anstehende Ausstellungen – ihre Räume, ihren Ort und ihren Kontext – hin, bis hin zum installativen Arrangement, bei dem sich nicht nur die Bilder als Verwandt­schaften ergänzen, sondern gemeinsam einen eigenen Klang ergeben, der den Betrachter einbezieht.

Nina Fandler wurde in Wuppertal geboren. Sie hat an der Kunstakademie Düsseldorf erst bei Konrad Klapheck und dann bei Jan Dibberts studiert und bei diesem 2002 als Meisterschülerin abgeschlossen. Bereits Ende der 1990er Jahre wird sie zu Ausstellungen eingeladen und schon bald von der Galerie Jürgen Kalthoff in Essen vertreten. Ein erster Katalog heißt „Dream“ (2005) und zeigt die großformatigen gegenständlichen Malereien, mit denen sie zunächst bekannt wird. Diese Bilder, die öffentliche Orte der Bewegung, des Transits und der Kommunikation wiedergeben, halten Wahrneh­mun­gen zwischen An- und Abwesenheit fest. Der Blick stößt auf Scheiben, auf denen das Licht reflektiert und aller Realismus unscharf wird. Oder auf einem fahrenden Bus verwischen der Schrift­zug und die Konturen. Man ist gleichzeitig im Geschehen und auf Abstand zu diesem, die Perspektive wechselt von Bild zu Bild, Langsamkeit wirkt schnell und Geschwindigkeit langsam. Viel­­leicht schwingen ein bisschen die Nacht bei Edward Hopper und der Rausch des Fortschritts der US-amerikanischen Fotorealisten mit. Nina Fandler schildert hier unser Begreifen der Realität mit ihren Codes des Suggestiven, permanent Wiederholten, und sie befragt die Gegenwärtigkeit des Menschen, der hier selbst flüchtig und wie ein Schatten auftritt. Das Licht erhellt und entzieht zugleich die Deutlichkeit der Darstellung, bis hin zur Abstraktion. Dass es bei all dem auch um Malerei und ihre Möglichkeiten, Befähigungen und ihre Einmaligkeit (schon gegenüber der Fotografie) geht, ist evident.

In der Malerei ein Jahrzehnt später sind die Orte alltäglich und stabil, gefestigt noch durch Raster. Sie sind gerade dadurch vertrackt. Die Bilder richten den Blick schräg nach unten auf einen gekachelten Fußboden, in dem sich Licht spiegelt. Oder eine Topfblume scheint durch eine gerasterte Glaswand, die links und rechts symmetrisch in olivgrün schillernde Steine eingefasst ist. Dann wieder taucht das Glas­raster im Innenraum eines Treppenhauses auf; ein Apfel liegt auf dem Absatz. Auch beschreibt Nina Fandler die Sicht durch die geöffnete Haustür den langen Flur entlang, seitlich führen Treppenstufen nach oben, der gekachelte Boden leitet daran vorbei, ganz hinten öffnet sich eine Tür nach draußen: Licht strahlt von dort hinein.

Mit der Malerei in Acryl auf Gips – im überwiegend kleinen Format – kommt seit den 2020-er Jahren eine Fragilität hinzu, mit der sich Nina Fandler nun auch dem Außenraum, der Natur und der Nacht zuwendet. Darüber hinaus tauchen auf den Malereien auf Nessel Menschen auf: Es bestätigt sich, dass ihre Malerei auch autobiographisch ist, vom eigenen Erleben und den erlebten Orten selbst handelt. Die Werk­folgen der letzten Jahre zeigen den Mond als zierliche Schei­be inmitten eines stürmischen blau-schwarzen Himmels, auf kleinen Gipstafeln als gleißendes Licht in unermesslicher Ferne oder auf Nessel mit einer Farbsubstanz, die die Form auflöst und mit dem Himmel verschmilzt – ausgestellt in der Galerie von Norbert Arns in Köln – sowie etwas später Rho­dodendron-Büsche in Acryl auf Nessel, ausgestellt im vergangenen Jahr an allen vier Seiten im Maxhaus. Teils im großen Format, teils auch als Tondo verdichtet Nina Fandler die Malerei in changierender Farbigkeit und wechselnder Tonalität. Jede Blüte ist anders, eigen, zugleich verirrt sich der Blick im vibrierenden Dickicht der Pflanzen. Ohne mit der wirklichen Natur zu konkurrieren, geht es doch auch darum, was die Malerei in ihrem händischen Auftrag Strich für Strich zu deren Empfindung beitragen kann. Dass sie noch auf die Komplexität und Einzigartigkeit der Natur hinweist und dass unsere Wahrnehmung von der inneren Gestimmtheit geleitet wird. Und ja, die Büsche befinden sich neben dem Haus in Wuppertal, in dem sie aufgewachsen ist.

Und nachdem zuvor der Mond (im Dunkel und mit einem Licht, das gar nicht seines ist) und die Pflanzen flüchtig und unfassbar waren, kommt jetzt mit den neuen Kleidungsstücken eine vermeintliche Stabilität ins Spiel: mit den gestickten Linien und den Außenformen der Kleidung, die teils vom „verwaschenen“ Violett der Rhododendren unterlegt oder sogar in dieses eingefangen sind, und der Verdichtung der Farbigkeit durch die stofflich textile Präsenz. Zugleich handeln diese neuen Bilder vom Menschen, der selbst abwesend ist, aber hier seine Hüllen als Selbstdarstellung präsentiert. In seiner Aussparung, aber für ihn und mit ihm gedacht, werden die Kleidungsstücke zu Stellvertretern. Und sogleich kommt die Situation ins Spiel, in der der jeweilige Träger die Klei­dungsstücke schnell abgestreift oder hingegen sorgfältig aufgehängt haben könnte. Mit dem Umgang mit ihnen und der Perspektive in ihren Verkürzungen und Verzerrungen, gefaltet, am Kleiderbügel, ge­­knautscht oder nachlässig und ohne System auf den Boden gefallen und dabei spröde und sinnlich zugleich, demonstrieren die Kleidungs­stücke ihre Ding­magie. Dabei handelt es sich um Ober- und Unterbe­kleidung, Pullover, Jeans, Rock und Kragen. Der Verlauf der Knöpfe lässt die Hemden Frauen und Männern zuordnen. Eine Spur des Nostalgischen klingt bei einzelnen Kleidungsstücken an. Mit ihren Reizen des Malerischen (und Zeichnerischen) und ihrer Farbigkeit enthalten sie mitunter aber auch Referenzen an die gegenstandsfreie Kunst. Aber, gibt Nina Fandler im Atelier an der Siegburger Straße noch zu überlegen, wo befinden wir uns dann in dieser Ausstellung, im Kabinett der Malerei oder, gelesen als Kleidung, im privaten Zimmer oder einer Boutique mit Kleidung von der Stange oder als Einzelstücke? Und was teilen die Kleidungsstücke nicht doch alles über uns und unsere Zeit mit.

Nina Fandler, „MAGASIN privé“, eingeladen von Jürgen Menten
28. Februar bis 28. März

kjubh Kunstverein e.V., Dasselstraße 75, 50674 Köln,
Öffnungszeiten
: Freitag und Samstag 15 – 18 Uhr.
Eröffnung:
27.2., 18 bis 22 Uhr

TH

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