Manchmal ist im Frühen schon das Spätere angelegt. Der Werküberblick auf der Website von Marina Bochert beginnt mit einer eindrucksvollen Zeichnungsfolge, die sie 2010 während ihres Studiums der Illustration an der HAW Hamburg, also vor ihrem Kunststudium geschaffen hat. Die expressiv vorgetragenen, düster-dunklen, in mehreren Techniken verdichteten Zeichnungen schildern das sich mit und in seinem Körper Zurechtfinden einer männlichen Figur zwischen Wachwerden und Schlafen, begleitet von einzelnen Textzeilen in Schreibmaschinen-Typo. Auf einem Blatt hängt die Figur an einem Seil gefesselt herab, aber das weiß überstrahlte Haupt hält sich noch aufrecht. Daneben sind im schwarzen Bildraum drei poetisch konzentrierte, knappe Zeilen zum voraussehbaren vertikalen Erschlaffen des Körpers horizontal platziert: wie aus dem Off, aber auch als formales Gerüst, welches das Geschehen stabilisiert. Wie Marina Bochert erwähnt, bezieht sich die Sequenz auf den Modernen Tanz, den sie in Hamburg – etwa mit dem Ballett von John Neumeier – sehen konnte.
2019 hat Marina Bochert mit Gießharz eine Skulptur in einer ähnlichen Ausrichtung geschaffen, die im Titel „Suspiria“ auf den gleichnamigen surrealen Horrorfilm um eine junge Balletttänzerin anspielen könnte. Eingebunden und gehalten in einer Hängekonstruktion aus schwarzen Gurten, igelt sich eine lebensgroße Figur in embryonaler Haltung ein. Der Oberkörper der ansonsten schwarzen Figur ist durch die Beimischung von Pigment blau. Die Körperglieder sind angelegt, das Haupt kippt senkrecht nach unten, zudem reflektiert das Licht schillernd, so dass die Darstellung mehr abstrakt als realistisch erkennbar ist: Die menschliche Figur zieht sich zur Essenz des Leiblichen zusammen und ist mehr als geistiger Befund zu verstehen. Marina Bochert rekapituliert dabei eine Körperhaltung im Butoh-Tanz. Gegeben ist eine meditative Konzentrierung, unterstützt durch das Schweben, eingebettet in die Konstruktion des Gehaltenwerdens und sich Entziehens. Marina Bochert hat unter der hängenden Figur einen breiten Kreis aus Erde mit Laub, Keimlingen und, in der Mitte, Wasser angelegt – über die formale Lösung hinaus bringt die Szene die Verbundenheit des Menschen mit der Natur als Schöpfung zum Ausdruck, aus der sie sich selbst erhebt ohne sie zu vergessen. „Ein bewusster Körper, sowohl in der Wahrnehmung seiner eigenen inneren Prozesse als auch der Bewegung des Atmens, des damit einhergehenden Fallens und des folgenden elastischen Rückpralls“, hat Marina Borchert in ihrem Katalog der Young Artists-Förderung NRW 2021 geschrieben. Alles ist bildhaft, ohne dass es sich um Abbilder, geschweige denn Narration handelt.
Stille, ein in sich Ruhen und der Abstand zu unserer vertrauten Realität kennzeichnet die Skulpturen von Marina Bochert. Sie realisiert diese in der Hauptsache in Stein, auch als Guss mit Steinpulver. Die gleichmäßigen Schnitte und ausformulierten Einkerbungen beschreiben teils bandartige Abfolgen innerhalb einer organischen, oft runden oder ovalen langgestreckten Form. Sie wirken als freigelegtes Inneres und äußere schützende Hülle zugleich. Ausgerichtet nach Symmetrie und Zentrierung treten sie blockhaft wie ein Kultgegenstand auf oder krümmen sich als gelängte Struktur und werden darin zur Illusion und doch lediglich Allusion von Natur, von Lebewesen oder Gewächsen vielleicht. Das Wesentliche an der Skulptur ist jedoch deren Abstrahierung hin zum Unbegreiflichen, das vertraut anmutet, aber für sich steht und ohne Erklärungen auskommt. Marina Bochert verwendet Basalt, Diabas, Granit und Marmor verschiedener Herkunft, Dichte und farblicher Tönung. Außerdem arbeitet sie mit Gießharz, Stahl, Bronze, Beton und mit Gummi, teils zusammen mit dem Stein, so wie sie die Materialien mit ihrer unterschiedlichen Färbung – besonders im Schwarz-Weiß-Kontrast – kombiniert. Über das Volumen und Gewicht der Skulpturen formuliert sich die objekthafte Präsenz weiter. Das Material vermittelt zugleich Härte und Weichheit, aber ohne Nachgiebigkeit. Jede Farbigkeit ist die des Steins, mit seinen Einsprengseln und seiner plötzlichen Buntheit, die die Natur mit der Witterung und der Zeit geschaffen hat. Das Archaische des Steins bleibt spürbar und geht auch durch die Bearbeitung, das Heraushauen und Schleifen nicht verloren. Die Oberfläche ist glatt, teils poliert und verfügt dann wieder über Texturen.
Derzeit ist in der Johanna Ey Foundation – neben zwei weiteren Werken von ihr – „Dear Comrade“ (2025) ausgestellt, eine rötlich-braune, dazu farbig gesprenkelte langgezogene Kopfform aus Stuckmarmor. Mit ihrer ebenmäßigen Form besitzt sie eine idealtypische Schönheit, auch wenn anstelle der Gesichtszüge eine tiefe Mulde herausgeschält ist, die in der Stirn einsetzt. Hier nun liegt das Haupt über einer Sockelkonstruktion aus vier Stahlstäben in einer silbernen Schale. Es ist zum Raum und damit zum Betrachter gewendet und zwar derart, dass sich die Mulde in der Spiegelung zum Profil schließt. Natürlich stellen sich auch mythologische Bedeutungsebenen ein, vielleicht lässt sich hier und bei anderen Skulpturen im Zustand äußerster Verknappung an Brancusi denken: Die Werke von Marina Bochert tragen die Erfahrungen der Moderne in sich und sie verweisen implizit auf andere, nicht-eurozentrische Kulturen, um die es selbst aber kaum weiter geht.
Marina Bochert wurde 1988 in Lippstadt geboren. Nach ihrem Studium in Hamburg ist sie 2012 an die Kunstakademie Düsseldorf gewechselt, an der sie bei Martin Gostner als Meisterschülerin abgeschlossen hat. Dort hat sie auch die Steinbildhauerei gelernt. Zu den Stipendien, mit denen sie ausgezeichnet wurde, gehört ein Arbeitsaufenthalt in Peccia im Tessin, wo sie 2021 mit dem erforderlichen technischen Gerät in direkter Nachbarschaft zum Marmor-Steinbruch arbeiten und die Steinbildhauerei in ihrer antipodischen Verfasstheit zwischen meditativ naturhaftem Prozess mit dem Steinblock als Gegenüber und harter körperlichen Arbeit erfahren konnte. In Bezug auf den Aufenthalt in Peccia hat sie in einem Statement geschrieben: „Ideen, die mich interessieren, beginnen dort, wo die Geschichten enden und wo eine innere, in sich geschlossene Logik in den Formen offenbart wird. […] Gleichzeitig habe ich einen Punkt erreicht, an dem ich meine Werke wieder fast bildlich werden lasse, in gewisser Weise physisch, aber nicht persönlich, also immer versuche, einen festen Kern zu umkreisen, der einen flüchtigen, wandelbaren und subjektiven Moment ausschließt.“
Zu den Skulpturen gehört ihre Präsentationsmöglichkeit. Bochert verzichtet auf den konventionellen, „neutralen“ Sockel im Wissen, dass bei ihren Werken doch alles Teil der Wahrnehmung wird und diese steuert. Die Ansicht wechselt mit dem Ausstellungsraum und dessen Begehung, dem Nebeneinander mit anderen Skulpturen und der jeweiligen Intention der Künstlerin. Dazu gehören die Möglichkeiten der Umrundung und die Höhe als Gegenüber und der Ansicht. Ein Aspekt der Multiperspektivität ist mitunter die Sicht direkt von oben, wie sie selbst einige ihrer Skulpturen fotografiert hat, die noch die Zentrierung umeinander gelegter Objekte und Formen verdeutlicht. Die Auflagemöglichkeiten werden zu Teilen des Werkes: Das betrifft gerade auch die kantigen oder geschwungenen schwarzen Stahlgerüste, die, von Mal zu Mal verschieden, Leerräume umfassen und – etwa auch mit der Befestigung an roten Schnüren – dem eigentlichen Objekt wie einer Mandorla Geborgenheit und Exponierung verleihen. Eine Vitalisierung erzeugen die sich überlagernden Schatten der Stahllamellen auf dem Boden.
Eine langgestreckte weiße Marmorskulptur, die aus zwei gegenseitig aufeinander liegenden, inwendig halbrund eingeschnittenen Segmenten mit rund schwellenden Enden besteht, ist in der Passage eines Gewölbes über Kopfhöhe in gegenläufige Stahlkonstruktionen eingefügt und vermittelt hier vielleicht die Impression eines Sarkophags („alles wiederholt sich in der zeit“, 2017). „Kernstück“ (2016) hat sie eine solche Formkonstruktion aus goldglänzender Bronze betitelt, die sich in einer Fläche aus Altöl spiegelt. Derartige zylindrische Formen lassen u.a. an Architekturelemente, Batterien, Bomben, überhaupt Behältnisse denken. Sie evozieren die Vorstellung von Zeitkapseln und als solche von Datenspei chern, die Informationen für die Zukunft sichern und aus der Vergangenheit kommen.
In ihren Zeichnungen hat Marina Bochert diese Formen als gewölbte und noch wie Rippen geöffnete Sujets weiter erkundet und als plastische Objekte auf der Fläche isoliert, zentriert im großformatigen Blatt. Sie zeichnet mit dem Bleistift, und im Unterschied zur kleinformatigen Skizze, die funktional bleibt und die Skulpturen vorbereitet, setzt sie dabei das ganze Repertoire der zeichnerischen Möglichkeiten mit der harten konturierenden Linie und dem wolkigen Verreiben des Grafits, mit der dunklen Verschattung und dem lichten Verblassen ein. Mithin verhalten auch sie sich als Forschung an einzelnen Formgebilden zwischen Konzentrierung und Expansion, hermetischer Introvertiertheit und systematischer Offenlegung. Sie veranschaulichen zugleich Gesetzmäßigkeiten der Natur und ihre Ordnung als übergeordnete Prinzipien der Schöpfung, aber auch der ästhetischen Wahrnehmung. Und dann wird erst recht deutlich, wie wichtig doch die Naturerfahrung, das Kreatürliche und auch das materialgerechte Arbeiten mit dem Stein für Marina Bochert sind und wie sehr die Objekte das doch alles hinter sich lassen und, ganz unspektakulär, ohne Worte für sich bestehen.
Marina Bochert ist beteiligt bei: »PALERMO – Gegenwart und Glück II«,
bis 17. Juli in der Johanna Ey Foundation, Neubrückstraße 6, 40213 Düsseldorf,
Do und Fr 17-19 Uhr
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