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Porträtfoto: © Tamara Malcher

Salomé Berger

In Bewegtheit

Im Atelier am Höherweg hat Salomé Berger eine Reihe ihrer gerade entstehenden kleinformatigen Malereien aufgehängt, in gleichmäßigem Abstand in verschiedenen Zuständen, die umso mehr die Systematik ihrer Produktion, aber auch das Bedachte und die eigene Geschichte jeden Bildes erkennen lassen. Sie entstehen in zwei Schritten. Zunächst zeigen sie eine erinnerte, nahe gezoomte Vegetation in Ausschließlichkeit. Zu sehen sind landschaftliche Strukturen, Naturstücke mit grünem Boden, einem Baumstamm, Ästen oder abknickenden, faserigen Gräsern, wobei der Pinselstrich den Duktus der natürlichen Gegebenheit aufnimmt. Die Malschicht, die Salomé Berger anschließend setzt und darin verschränkt, reagiert darauf und nimmt mit ihren Farbflächen zurück, fokussiert aber auch, indem sie im kontrastierenden Auftrag einzelne kantige langgezogene, mitunter transparente Partien setzt oder Durchblicke freilässt, das Geschehen verrätselt und dynamisiert und den Wechsel von Positiv und Negativ entzündet, wie Scherenschnitte, die aber doch gemalt sind.

Salomé Berger hat die Bilder, die sie seit einigen Jahren mit Öl auf Leinwand im Format 40 x 30 cm malt, unter dem Titel „New Places“ zusammengefasst. Die Verortung malerischer Ereignisse, die um Landschaft kreisen und die sie als Energie in einem tiefen, oft lichten Farbraum konzentriert, ist ein Leitmotiv in ihrem Werk. Es trifft auch auf die großformatigen neueren Gemälde zu, die sie jedoch anders entwickelt. Für diese entwirft sie zunächst kleinformatige Collagen, die auf Schnip­seln aus Fotografien beruhen. Dabei handelt es sich um Tanzszenen, die in der fotografischen Aufnahme und dann im Ausschneiden zu versetzten schmalen Streifen bereits abstrahiert sind. Ohnehin fungieren diese Collagen mehr als Ideenspeicher und Orientierung, von der Salomé Berger im Malprozess abweicht. Die Körperfrag­mente mit ihren Gliedmaßen treffen in der Malerei unmittelbar auf die Natur. Im symbiotischen Inter­agieren stellen sich Parallelen zwischen den Ar­men oder Beinen und den Gewächsen ein. Die Konstellationen sind bei allem Realismus sinnstiftende Erfindung, die den Blick auf die Anatomie und das Vermögen des menschlichen Körpers richtet, auf dessen Befähigung der Emotion und der Entäußerung und darauf, dass der Mensch als Teil der Natur zu verstehen ist.

All das findet sich bei dem neuen Gemälde „Prisma“, bei dem in der unteren Hälfte ausschnitthaft zwei Menschen in Badekleidung realistisch – mit Verschattungen und Faltungen des Stoffes – ausmodelliert sind und wie im Aus­drucks­tanz zu interagieren scheinen. Die eine Frau fängt die Gliedmaße der anderen über ihrer Schulter auf. Gleichzeitig greift ein weiterer Arm mit einer geöffneten, empfangenden Hand in den Vordergrund aus. Zumal in seiner Verschlingung wird plötzlich klar, dass das alles so nicht stimmen kann. Eine Pflanze ragt zudem mit ihren sternförmig auseinander wachsenden, wie lebendigen Blättern an einem zierlich wirkenden Stamm, vom Bildrand schräg in und vor das figürliche Inein­andergreifen. Irgendwie scheint sie, zumal mit den fahlen, verwelkten Blättern, die kräuselnd nach unten hängen, die Wechselwirkung der Glied­maßen, ihr Abknicken und ihre Spannung wie ein Echo zu zitieren. Die plötzliche Dramaturgie der Inszenierung aber wird durch das Farbspiel dahinter beruhigt. Dieses nimmt selbst verschiedene Ebenen ein und wechselt mit seiner An­sichtigkeit von Fläche zu Raum und zwischen homogenem Farbfeld, expressiver Malhandlung und plastisch anmutender Schichtung. In der Verzahnung wird das Violett des Badeanzugs wieder aufgenommen. Die unscharfen horizontalen Bauschungen im Mittelgrund werden von kleineren vertikal orientierten Pinselbahnen abgelöst, die selbst nach verschiedenen Richtungen zu klappen scheinen. Das figürliche Ensemble und das Raumgefüge mit seinen unterschiedlichen Strukturen verbinden sich bei all dem zur Simultaneität von Ereignissen und Schilderung von Bewe­gungs­abläufen, die sich von der Fläche in den Raum erweitern und ebenso surreal wie reine Malerei sind.

Immer aber findet in diesen Bildern von Salomé Berger ein Zusammenwirken von menschlichem Körper und Strukturen der Natur statt. Oft lassen sich Kontraktionen und Dehnungen, ein Spreizen und Komprimieren erkennen, sichtbar auch im Muskelspiel. Dazu wechseln die Perspektiven und Größenverhältnisse der Pflanzen, auch wenn sie alleine auftreten. Und dann wirken die Stängel und Blüten oder überhaupt die Gewächse bei einzelnen dieser Bilder wie ein Insekt, etwa eine Heuschrecke. Die Figuren bleiben im Über­gang der Handlungen und als kontinuierlicher Prozess begriffen, zumal der Hintergrund als gegenstandsfreier Farbraum mit all seinen farblichen und tonalen Wechseln und dem Kippen von der Fläche in den Raum ihr Agieren wie ein Ping Pong Spiel aufgreift und gleichsam kommentiert. Mit der Entzauberung der vermeintlich schlüssigen, theatralisch verschlungenen Körper aber tritt die reine Farbmalerei in den Vordergrund. Für diese wendet Salomé Berger verschiedene Verfahren des Farbauftrags an. Sie legt lichthelle Farbräume an und zieht den Pinsel expressiv gestisch, verschleift die Ränder der Farbbahnen als Sfumato oder definiert im opaken Vortrag homogene Farbfelder.

Auf ihrer Website gibt es die Rubrik „Index“, welche die Genese ihrer Malerei rekapituliert: Deutlich wird, wie wichtig ihr von Anfang an Landschaften und natürliche Phäno­mene sind, auch im Verhältnis zum Menschen und seiner Architektur. Wie sie anhand der Natur Farbe und den Farbauftrag entwickelt und wie sie zeitweilig anhand von Kissen und Decken die Theatralik des Volumens und des Körperlichen erkundet hat. Deutlich wird auch, dass sie ab den 2020er-Jahren mehr und mehr die Gewächse selbst fokussiert und anhand von ihnen Orte ästhetischer Ereignisse entwickelt, welche auf mehreren Ebenen der sinnlichen Erfahrung, der Reflexion wesentlicher Konstituenten unseres Lebens und der Rolle von Wahrnehmung und Verständnis stattfinden. Salomé Berger wurde 1990 in Bern geboren. Beiläufig erwähnt sie, dass sie sich verschiedentlich mit Ausdruckstanz beschäftigt hat, möchte das aber nicht überbewertet wissen, und dass sie an der Kunstakademie zunächst Akte gemalt hat. Sie hat in Münster bei Cornelius Völker studiert und bei ihm als Meisterschülerin abgeschlossen; seit 2021 lebt sie in Düsseldorf.

Im Atelier zeigt sie ein größeres Gemälde, das um 2018, noch während ihres Studiums entstanden ist und bei dem sich ein Landschaftsstück mit grüner Bewaldung und Bäumen, aber auch Gebirge und Erdklumpen wie ein eigener Planet vom Festland gelöst hat und mit seiner landschaftlich-natürlichen Struktur über sonnenbeschienenem Wasser oder ganz am Himmel zu schweben scheint. Alle Stabilität, alle Sicherheiten sind relativ, die Natur führt ein eigenes Leben. Mit dem Auftreten des menschlichen Körpers in den Bildern danach treten Auflageflächen hinzu, verorten die Menschen in der Schwerkraft und erinnern manchmal an eine Bühne, die erhöht ist und den Bewegungsradius begrenzt. Natürlich weist all das, mit aller malerischen Malerei, auch auf Skulptur und deren Geschichte von Laokoon hin zu den Drehungen impressionistischer Plastik und weiter zur Fragmentierung und Abstraktion der Figur wie dies Henry Moore als Teil der Natur vollzogen hat und später von Tim Scott in seiner „Swimmer“-Serie in Stahl übersetzt wurde. In der Malerei von Salomé Berger treten die verschiedenen künstlerischen Disziplinen, zu denen der Tanz kommt, in eine nie ganz zu enträtselnde Einheit. Was sie vornimmt, ist – wie sie sagt –, das „skeptische Zerschneiden der Wirklichkeit“, für das Max Ernst mit seinen Collagen Pate steht. Sie selbst ordnet die Splitter der natürlichen Welt und der Befähigung des Menschen unter den Aspekten der Verdeutlichung und der differenzierten Wahrnehmung der Natur und der Zivilisation, in der wir uns aktiv bewegen, immer wieder neu. Sie bezieht gerade den Körper in seiner Leiblichkeit und seinem Handeln ein und befragt unser existenzielles Dasein auf der Erde – mit den Mitteln der Farbe und ihrer Setzung, als Formen und Formkontraste.

Salomé Berger, „Verflechtungen“,
16. April - 30. Mai, Eröffnung: 15. April, 18 Uhr
Galerie Troner, Altestadt 10, 40213 Düsseldorf

TH

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