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Jan Stieding
Porträtfoto: © Lola Schlenker

Jan Stieding

Nach der Erinnerung

Bitte reinschauen: Teil der Ausstellung von Jan Stieding im Museum Ratingen sind zwei Vitrinen. Wenn man sich in die unterschiedlichen Materialien, Fotos und überarbeiteten Fotos, Prospekte und Zeichnungen vertieft, entdeckt man etliche Bezüge zu den ausgestellten Gemälden, zum Werk überhaupt, zu seinen Impulsen und zur Biographie des Künstlers. So enthält die vordere Vitrine eine Buntstiftzeichnung mit dem Vater neben einem sprießenden Setzling vor einer weiten Landschaft. Der zarte Stamm ist zu beiden Seiten an Stöcken befestigt. Die Zweige streben kantig auseinander und reichen wie tastende Fühler an den oberen Bildrand. Mithin würdigt die Zeichnung von 1998, die auf einer Fotografie basiert, das Baumpflanzen als Aktion im Leben eines Mannes, lange vor jedem Gedanken an den Beitrag zum Klimaschutz. - In der anderen Vitrine liegt eine lapidare Tuschezeichnung von 1995, bei der im Bildfeld eine männliche Rückenfigur etwas versetzt vor einem einzelnen Nadelbaum steht, der kleiner als sie ist und künstlich summarisch im Grund wurzelt. Plötzlich stellen sich Fragen nach Interieur oder Exterieur, Künstlichkeit und Natur, Nähe und Weite, erinnerter Vorstellung, Aura und gegenwärtiger Präsenz.

Das Sujet des Baumes hält sich – mittlerweile noch reduzierter, konzentrierter und ganz ausschließlich – bis heute, auch in der Malerei mit Ölfarbe auf Leinwand. Entstanden ab 2020 und als Werkgruppe mittlerweile abgeschlossen, hängen im Museum Ratingen etliche Gemälde mit einzelnen Birkenstämmen. Es sind immer Birkenstämme, mittig platziert, oben und unten im Anschnitt. Das Bildformat ist überwiegend quadratisch oder nur leicht hochformatig, es forciert damit zusätzlich eine Lesbarkeit von links nach rechts. Die weiß-braunen Rinden sind malerisch plastisch empfunden und scheinen sich dabei zart mit dem Hintergrundweiß zu verzahnen. Mit den gegenläufigen Verstrebungen aus Ästen und manchmal Seilen ist das Bild rein malerisch komponiert. Eine leichte Unschärfe flimmert wie im Licht. Man möchte auf die Rückseite der Stämme schauen und um sie herumgehen. Die braunen, aufgerissenen Partien interagieren im tonigen Weiß der Rinden miteinander, an einzelnen Stellen wirken die Astlöcher, deren Umgebung breit gezogen ist, wie Augen. All das trägt zur Verlebendigung und zum Einzigartigen von jeder Birke bei, die doch wie eine Figur – oder ein Torso – aufragt und als Stillleben ihre Geschichte erzählt, schon indem von mal zu mal dünne, knorrige oder sich leicht biegende, sich ausbalancierende Zweige sowie geknotete, stabilisierende Seile aus dem Bildfeld herausführen und dabei expressive oder austarierende Gesten beschreiben. Die Werkgruppe hat Jan Stieding in den Corona-Jahren in seinem zweitem Atelier – neben dem in Düsseldorf – gemalt, im heimischen Bad Langensalza in Thüringen: draußen in der Natur, also in Reso­­nanz auf die Witterung, die Lichtverhältnisse und den Rhythmus des Tages und in unmittelbarer, unverstellter Anschauung der Bäume und ihrer Detailstrukturen. Anfänglich hat er immer wieder die selbe Birke gemalt, auch im gleichen Ausschnitt und aus der gleichen Per­spektive. Allmählich sind weitere Birken aus der Region hinzugekommen, „auch noch weiter östlich bis nach Tschechien“, wie er ergänzt. Nur die größeren Bilder sind auf der Grundlage von Zeichnungen im Atelier umgesetzt worden.

Mit der Freilichtmalerei nimmt Stieding eine Tradition der Kunstge­schichte des 19. Jahrhunderts auf. Aber er ist ein Maler unserer Zeit, der die Kategorien von gegenständlich und abstrakt aushebelt, für den das äußere Motiv primär Anlass oder Möglichkeit ist, um in malerisch experimentellen und dadurch wechselnden Verfahren die eigene Ver­fasstheit auszuloten, gesellschaftliche Aspekte zu beschreiben, Geschichte wiederzugeben und die Erinnerung mit der Gegenwart abzugleichen. Seine künstlerischen Verfahren sind so, dass er buchstäblich unter der Oberfläche forscht. Geboren 1966 in der DDR, ist er der Sohn des Bild­hauers Harald Stieding. Er hat zunächst eine Ausbildung zum Steinmetz absolviert und dann, in den Jahren nach dem Mauerfall, 1990-1994 an der Kunstakademie Dresden studiert, wie er berichtet, war das „eher eine Zeit der Reisen und Orientierung“. 1995 ist er an die Kunstakademie in Düsseldorf gewechselt, zunächst in die Klasse von Hubert Kiecol, bei dem er sich bereits der Malerei zuwendet, und dann bei Jörg Immendorff, bei dem er als Meisterschüler abschließt.

Auf den ganz frühen Bildern von 1995, die jetzt auch in Ratingen ausgestellt sind, befindet sich meist eine vereinzelte Figur, die in ein Geschehen oder eine Handlung eingebunden ist: oft zentriert und aufrecht wie nun, ein Vierteljahrhundert später und in anderem malerischem Duktus, die Birkenstämme. Die frühen Gemälde sind kleinformatig, dadurch zusätzlich konzentriert, mehr summarisch gegeben und ganz auf die Handlung fokussiert – sie betonen dadurch noch das Private des Erlebnisses, das hier festgehalten ist. Ab Ende der 1990er Jahre ziehen sich die Geschehnisse in den Mittelgrund zurück, Menschen kommen zunächst nur noch indirekt vor, eingebunden in Szenerien, die gleichzeitig verlassen, entleert wirken können und doch in Fülle schwelgen. Bis etwa 2010 hat ein Teil dieser Bilder seinen Ursprung in der Jugendzeit in der DDR mit ihren kollektiven, von der Bundesrepublik teils verschiedenen Abläufen. Er wendet sich – in der Rückschau – etwa dem Musikfestival im Freien zu, den Punks im Unter­grund oder dem freiwilligen Arbeitseinsatz im Freien, dem Wehrdienst und der modernen Architektur auf dem Land. Zunehmend rückt eine unscharfe Schicht, die Stieding aus dem fast tachistischen Umgang mit Farbe gewinnt und durch teils offene Leinwände und den Sprühauftrag tiefenräumlich erweitert, die Szenerie weiter auf Abstand, verschmilzt mit ihr und löst sie streckenweise auf. Im Außenraum, gehüllt wie in Nebel und Dunkelheit und durchzogen mit Lichtpunkten, tauchen schemenhaft Figuren und mehr und mehr, nur allmählich erkennbar, Köpfe auf. Eine nackte Frau mit langen blonden Haaren, die Arme im Nacken verschränkt, blickt mit aufgerissenen, gelb leuchtenden Augen und halboffenem Mund starr nach vorne, im Durchgängigen ihrer Kör­­­per­­glieder aufgesetzt in ein grün-blau-weißes Farbgestöber wie das ausgeschnittene Pin Up Girl aus einem Magazin: eine Nixe vor der lebhaften Natur, aber alles ist Malerei und gerade nicht Illustration sondern Innensicht, die – wie immer in Stiedings Werk – aus Klischees und Stereotypen Wirklichkeit herausschält. „Stiedings Bilder sind durchwebt von einer dialektischen Intensität. Angesiedelt zwischen Zweifel und Verheißung, Schönheit und Skepsis überschneiden sich permanent Traumgebilde und Zeitbilder. Ein psychedelisch imprägnierter Realis­mus scheint seine Bildfläche zu bestimmen“, hat Harald Uhr zur Ausstellung in der Kölner Galerie von Sebastian Brandl 2010 geschrieben, gültig auch für die Bilder der darauffolgenden Jahre. Und Katja Schlenker schreibt im Katalog der von Anne Rodler souverän kuratierten Ratinger Ausstellung, gültig auch schon für die neuen Gemälde mit Birkenstämmen: „Die Arbeiten sind wie Tagebuchnotizen, subjektive, aber gemalte, nicht geschriebene Sichtweisen auf eine Wirklichkeit im Ruhezu­stand, die den konzentrierten Blick auf die umgebende Natur und das Private einfordert.“

Jan Stieding verortet das vergegenwärtigende, erinnernde Sehen zwischen persönlichem – und deshalb sogar zeichenhaftem – Erleben und gemeinschaftlicher Erfahrung, nicht als Erledigtes, sondern als etwas, das noch in der Schwebe ist, zu dem eine weitergehende Wertung erst noch aussteht. Die neuesten Bilder nun haben sich nur vermeintlich von jedem zeitgeschichtlichen oder emotionalen Kon­text befreit; sie sind nicht nur Zeugnisse der Vegetation. Sie sind tief empfundene Porträts in einer bestimmten Zeit, jedes für sich und immer wieder aufs neue, und zwar so, wie es keine Fotografie und keine Worte schaffen, sondern nur die Malerei vermag.

Jan Stieding. Draußen
Bis 30. Juli im Museum Ratingen, Grabenstraße 21
Dienstag bis Sonntag 11-17 Uhr

TH

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