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Porträtfoto (Ausschnitt): © Roland Baege, Essen

Jan Kolata

Formereignisse, die sich zueinander verhalten

Die Malerei von Jan Kolata hat in den 1980er Jahren eigentlich ganz anders begonnen, mit expressiv realistischen Ölbildern, die neben Personen auch Interieurs und sogar das Atelier zeigen. Wieder aufgegriffen hat er das in einer monumental wirkenden Miniatur, die er Ende dieses Jahrzehnts auf die Innenwände eines Objektkastens von Sybille Berke (1949-1998) gemalt hat, so dass sie lediglich durch den Sehschlitz zu erkennen war: als Malerei, die sich über alle Wände fortsetzte und den Raum mit ihren Farbformen erfüllte. Die Malerei als solche trat in den Vordergrund. Vielleicht lässt sich sagen, dass Kolata diesem immersiven Umgang mit Farben und Formen bis heute, in seinen ungegenständlichen, häufig sehr großen, mitunter direkt auf die Ausstellungswände bezogenen Bildern nachgeht. Die Gegen­ständ­lichkeit selbst bleibt ein frühes Kapitel bei Jan Kolata, der 1949 in Immenstadt im Allgäu geboren wurde, an der Kunstakademie Düs­sel­­­dorf als Meisterschüler von Erich Reusch abgeschlossen und als Professor für Malerei an der TU Dortmund gelehrt hat. Auf die Darstellungen im Interieur folgt noch in den 1980er Jahren die Hin­wendung zum Exterieur. Er malt nun Land­schafts­ausschnitte, draußen und deshalb im kleinen Format. Davon ausgehend löst er sich zunehmend vom Gegen­­ständlichen. Verweise auf die Realität liefern das Bildlicht und knappe farbige Setzungen und Konzentrierungen der Farbe, die assoziativ verstanden werden können.

Mitte der 1990er Jahre wechselt Kolata zur Acryl­farbe, zunächst unter Hinzufügung von Kasein. Er streicht die Farbe in unregelmäßig transparenten Bahnen horizontal und vertikal, wie unter Schleiern sind die tieferen Schichten zu erkennen. Maria Engels hat für diese Bilder von der „raumbildenden Kraft der reinen Farbe“ gesprochen (Ausst.-Kat. Berke/Kolata, Aachen-Korneli­münster 2000). Die Gemälde zeigen nichts außer ihrem radikal konzentrierten, trotzdem ausschweifenden essentiellen Bestand. Sie bleiben spontan, sich selbst überlassen und sind doch gesteuert. Jede neue Schicht reagiert auf die vorherigen. Von nun an bestehen die Bildtitel aus der Auflistung von Format, Jahr und der fortlaufenden Nummer innerhalb von diesem. Die Systema­tisierung trifft auf das „Malerische“, das sich in diesen Jahren weiter verdichtet hin zu Schwer­punkten bei gleichzeitiger Bildfüllung. Das kleine Format „040.030.2003.21“ zeigt im unteren Bereich die Ausläufer von zwei senkrechten Strei­fen. Sie sind von horizontalen Bahnen überlagert. Darüber formiert sich eine farbige, wie gewischte Kreisbewegung hin zu einer Scheibenform. Von hier aus erweitert sich das Repertoire schnell. Dorothee Baer-Bogenschütz schreibt zu Kolatas monumentaler Installation im Kunstverein Marburg 2007: „Neben unregelmäßigen Rechtecken, Balken und Streifen fallen neuerdings Ballon- und Kegelformen auf, säckchenartige, beutelhafte Ausbeulungen am Ende von Farbbändern, Amorphes“, und sie spricht von einem „Bezugssystem, in dem Figur und Grund einander buchstäblich umgarnen“. Damit ist das Vokabular, mit dem er noch heute arbeitet, und dessen Vermögen, zwischen Fläche und Raum zu vermitteln, treffend beschrieben: Formen zu bilden und sie begrifflich doch weit genug offen zu lassen. Farbe strömt über die Bildfläche, unterbrochen von – andersfarbigen – festen Form­gebilden, die manchmal noch dunkel wie ein Schatten unterlegt sind. Bänder mit linearen Binnenstrukturen winden sich weich durch das Bild und suggerieren eine skripturale Anmutung und scheinen plötzlich nach vorne zu kippen. Dann wieder sind die Farben zusammengefasst wie eine Wolke oder zu Knäueln, von denen Fäden abgehen können. Eine horizontal gezogene Linienfolge kann den gesamten Bildgrund strukturieren. Zielstrebigkeit trifft auf nachdenkliches Innehalten; in einem lichten Farbfluss dehnen sich langgestreckte Glieder aus, und im Zueinander aller Teile balanciert sich die Kom­po­sition aus.

Im Atelierhaus am Höherweg liegt eine riesengroße Leinwand ausgebreitet auf dem Boden. Kolata gießt, schüttet die Farbe, er läuft – unvermeidlich bei diesen Formaten – um und über die Leinwand. Er arbeitet mitunter die Abdrücke ein, beobachtet das Eigenverhalten der verdünnten Acrylfarbe und reagiert darauf. Er ve­rtreibt, wischt die Farbe und entwickelt aus der Erfahrung und mit seinem Repertoire das Bild weiter, entdeckt neuartige oder vertraute Formen, die er zusammenfasst und noch umreißt, schiebt die Farben in Bahnen, verdichtet oder löst auf. Farbtropfen bleiben stehen. Bei den großen Bildern ist der Ausstellungsraum und damit ihre Präsentation Teil der Konzeption. Die Leinwand ist – als klassisches Tafelbild – auf Keilrahmen gespannt oder sie ist plan an der Wand befestigt, sie reicht bis zum Boden oder hängt mit Abstand über diesem. Die Leinwände können rundum direkt aneinander anschließen, und so ist es in der Ausstellung in Ra­tingen der Fall.

Und dann holt Jan Kolata einige kleinere Leinwandbilder hervor. In der direkten Anschauung wird erst recht deutlich, wie die Großzügigkeit im Farbauftrag und die bildnerische Organisation zusammenwirken und im Fluiden eine räumliche Tiefe evozieren, die von einer brillanten Leuchtkraft erfüllt ist, in der eines auf das andere verweist und der Vorgang der Malerei zum Vorschein kommt. Über die Erzeugung einmaliger Situationen hinaus, in denen auf einer übergeordneten Ebene das Verhältnis von geistiger und stofflicher Welt seinen Ausdruck findet, geht es in der Malerei von Jan Kolata letztlich um das Vermögen der Malerei, schieres sinnliches Erlebnis zu sein.

Jan Kolata – Malen
bis 18. Juni im Museum Ratingen
www.museum-ratingen.de

TH

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