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Anne-Marie von Sarosdy
Porträtfoto: Anne-Marie von Sarosdy

Anne-Marie von Sarosdy

Heile Welt

Wie schön diese Bilder doch sind! Wie unschuldig in diesen Zeiten und fast schon ein Heilsversprechen! Der Titel der Werkgruppe – „Heimat“, auch: „ Home Sweet Home“ – bestätigt den Sound. Seit Anfang der 2000er Jahre arbeitet Anne-Marie von Sarosdy an diesen Einzelbildern auf der Grundlage von inszenierten Farbfotografien. Konstitutiv sind idealtypische, im alpenländischen Bergidyll angesiedelte Szenerien mit Akteuren, die Tugenden wie Unschuld, Treue, Fleiß und Natur­verbundenheit verkörpern. Die Harmonie der Bilder ist ungetrübt, und wirklich jedes Detail ist wirkmächtig aufgeladen. Gesteigert und sozusagen kommentiert ist dies durch Umran­dungen, die mit Blümchen durchwoben sind. „Dornrös­chen“ (2008) etwa. Bildfüllend, im frontalen Gegenüber, ist die Büste einer jungen Frau im Dirndl gegeben. Ihr Blick richtet sich schmachtend nach oben, unterstützt durch die Bewegung des Oberkörpers. Dabei wirkt die Rahmung wie ein Fenster oder ein Spiegel; die Frau ist, bei all ihrer leiblichen Präsenz im Vorder­grund, in Gedanken woanders. Und doch: Mit ihren gelockten blonden Haaren, den blauen Augen und der makellosen hellen Haut, in weißer Bluse im roten Dirndl, umfasst von einer Koro­na weißer Wolken im hellblauen Himmel, vereint sie sämtliche Klischees von jungfräulicher Anmut und Lieblichkeit in sich. Der Mund ist leicht geöffnet. Wie eine Monstranz hält Dorn­röschen eine rote Rose mit saftig grünen Blättern. Wie aber passt dazu das leuchtend rote Rinnsal am linken Zeige­finger in seiner Ambivalenz von Sublimierung und Verletzung? Und wie ist es mit der ostentativ vorgetragenen Künstlichkeit, etwa indem das Gesicht in seiner lichten Perfektion wie eine Maske wirkt, die mit den Fingern gehalten ist? Kitsch ist eine Strategie dieser Bilder, die – wohlkalkuliert, aber auch in voller Über­zeugung – unsere Sehnsucht nach Frieden und Glück zum Ausdruck bringen. Und im Kunstbetrieb folglich provozieren.

Anne-Marie von Sarosdy handelt mit Idealisierung in der Konzentration auf Topoi und Stereotypen, die – wie das Märchen – immer eine tiefere, psychologisierende Ebene besitzen. An den Originalschauplätzen mit professionellen Modells aufgenommen, ist jedes Bild nach den Prinzipien von Ausgleich und Symmetrie komponiert. Vorder- und Hintergrund sind klar geschieden, was die Beruhigtheit der Szenerien steigert. Jede Eile liegt den Geschehnissen fern, überhaupt ist Zeit abwesend. Alle Bewegungen und Handlungen sind selbstverständlich, etwa wenn eine weitere Schönheit im Dirndl, mit ausgebreiteten Beinen auf einem Schemel sitzend, eine Kuh melkt, und wenn – wie eine Fortsetzung der Geschichte – ein blonder Hüne mit nacktem Oberkörper eine gefüllte Milchkanne in der Mittagssonne durch das Gehöft trägt. Die lustvollen erotischen Anspielungen sind nicht zu übersehen: Auch in diesem Oszillieren zwischen zelebrierter Naivität und kalkulierter Sinnlichkeit liegt ein Reiz dieser Bilder mit Fotografie.

Zunächst, so berichtet Anne-Marie von Sarosdy in ihrem Studio an der Pionierstraße, habe sie derartige fotografische Aufnahmen rein als Auftrag ge­­schaffen: Von 1988 bis 2010 hat sie für die Cover der Bastei-Groschenromane fotografiert. Im Rahmen ihrer Tätigkeit als Mode- und Werbefotografin deck­­­te sie das ganze Spektrum zwischen Arztroman und Alpenromantik ab. Die Aussage der Bilder sollte der Erwartungshaltung der Leser entsprechen, gefragt war ein Gegenentwurf zum profanen Alltag mit dem Versprechen eines Happy Ends. Eigentlich sind es ja erst solche Coverfotos, die dem Bastei Verlag zu seiner anrüchig legendären Bekanntheit verholfen haben.

Aber was passiert, wenn sich die Bilder vom Heft (dessen Titel, Inhalt und billigem Look) lösen? Tatsächlich, so Anne-Marie von Sarosdy, habe sie nur wenige (frühe) Fotografien aus den Sessions für Bastei in die freie Arbeit übernommen und sowieso durch die Umrandungen verselbständigt. Die heutigen Bilder entstehen ausschließlich im Kunstkontext. Hier werfen sie mit ihrer perfektionierten Ernst­haftigkeit (teils in der Tradition der religiös fundierten Malerei der Nazarener) Überlegungen zur unterschwelligen Beeinflussung durch Bilder und zur Erzeugung von Emotionalität auf. Sie hinterfragen eine entleerte Schönheitsvorstellung und Ver­suche der Weltflucht. Sie befragen aber auch die Vorstellung von Heimat und Nostalgie in einer globalisierten Welt und von Authentizität in Zeiten des Virtuellen und Gefälschten. Und sie wenden sich dazu den tradierten Mythen zu. Anne-Marie von Sarosdy übersetzt Archetypen des menschlichen Bewusstseins in Bilder, die in ihren plakativen Visualisierungen unmittelbar verständlich sind. Sie lässt Träume wahr werden – und weist zugleich darauf hin, dass der Schönheit dieser Bilder mit ihren perfekten Helden und den fabelhaften Kulissen nicht zu trauen ist. Ohnehin arbeitet sie parallel an weiteren Werkgruppen, besonders an Porträts und an Aktdarstellungen, wobei im Ausschnitthaften oder jedenfalls Fokussierten des Leibes besser von Körperfotografie zu reden wäre. Aufgenommen in deutlicher Schärfe in s/w vor neutralem Hintergrund, wirken sie wie ein Gegenentwurf zu den glatten Oberflächen und überzüchteten Akteuren in „Home Sweet Home“ – und sind von deren Absicht und wahrer Inhaltlichkeit doch nicht so fern.

Anne-Marie von Sarosdy nimmt teil an:
30 Bilder aus 30 Jahren.
Eine Initiative der HSL Fachlabor GmbH und der Künstler für die Obdachlosenhilfe fiftyfifty.

fiftyfifty Galerie, Jägerstraße 15
4. - 31. Mai, Mo-Sa 14-17 Uhr, Eröffnung am 3. Mai um 18 h mit einer Fotoaktion von Horst Wackerbarth und Katharina Mayer

TH

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