Angenehm engagiert und präzise spricht Alex Grein in Brühl über ihre künstlerische Arbeit, auch über die biographischen Bezüge und die gesellschaftskritischen Intentionen ihrer Werke, die in autonomen Serien entstehen, aber unmittelbar aufeinander verweisen. Die Foto- und Medienkünstlerin hat jetzt den Luise-Straus-Preis des Landschaftsverbandes Rheinland 2024 erhalten, benannt nach der Kunsthistorikerin, Kunstjournalistin und ersten Frau von Max Ernst, die im KZ Auschwitz ermordet wurde. Teil des Preises ist eine Ausstellung im Max Ernst Museum des LVR, die nun also im Leonora-Carrington-Saal im Sammlungsgebäude zu sehen ist.
Alex Grein wurde 1983 in Köln geboren. Ab 2018 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin für Fotografie an der dortigen Kunsthochschule für Medien tätig, seit 2022 unterrichtet sie als Professorin für Fotografie an der Hochschule Mainz. Sie lebt in Düsseldorf, wo sie auch studiert hat, zunächst an der Fachhochschule und hier im Besonderen bei Gerhard Vormwald und sodann an der Kunstakademie bei Andreas Gursky. Vormwald, der zeitlebens experimentell gearbeitet hat, wurde mit seiner Objektfotografie bekannt, mit der er wesentliche Beiträge zur inszenierten Fotografie geliefert hat. Bei seinen Versuchsanordnungen hat er mit Effekten des Unmöglichen gearbeitet und die Gravitation scheinbar außer Kraft gesetzt, Chaos im Bildgeschehen gesät und dadurch erst Ordnung und Systematik erzeugt. Gursky dagegen breitet in hochpräzisen Aufnahmen die Details meist stillgelegter Konstruktionen aus und hinterfragt so diese und ihren inneren Zusammenhalt. – Vielleicht dass von beiden etwas in das Werk von Alex Grein eingeflossen ist?
Alex Grein erweitert die Möglichkeiten der Fotografie und vertieft sie mit einem hohen konzeptuellen Anteil. Sie kombiniert Vorlagen der Vergangenheit – alte Fremd- und Eigenaufnahmen, Archivmaterial – mit gegenwärtigen Motiven auf der Grundlage eigener Fotografie. Zentrale Maßnahmen sind die Montage und Collage in der Kombination der Realität und ihrer Reproduktion mit digitalen Vorlagen; so fotografiert sie vom Bildschirm ab, nimmt Bilder aus dem Internet, montiert eigene Aufnahmen ein und erzeugt surreale Bildräume, die real wirken und doch unwirklich sind. Sie befragt, was Fotografie überhaupt ist und was sie leistet, welchen Weg sie – historisch – von der reinen Dokumentation hin zur virtuellen Erscheinung vollzogen hat. Es geht um die Macht der fotografischen und filmischen Bilder, das Unterlaufen des Dokumentarischen als Heilsversprechen der Fotografie und wie dieses inzwischen strategisch eingesetzt wird, um als Instrument der Einflussnahme und der Propaganda zu wirken. Darum wie Bilder und Datenströme in der Bilderflut des Internets unsere Wahrnehmung steuern. Und es geht um Themen, die weiter ausgreifen und etwa den Umgang mit der eigenen und der kollektiven Vergangenheit ansprechen oder den Zustand der gegenwärtigen Welt befragen. Zu den akut gesellschaftlichen Aspekten, die dabei in den Vordergrund treten, gehören der Klimawandel und die Zerstörung der Erde.
Dazu ist in Brühl ein Video zu sehen, bei dem nacheinander einzelne wunderschöne Schmetterlinge hoch über einer wechselnden Landschaft, Gebirge und Meeresflächen zu fliegen scheinen, in die der Mensch eingegriffen hat. Aus der Distanz wird die geologische Struktur mit der Tiefe der Einschnitte ansichtig. Erst jetzt offenbart sich das, was aus der Nähe romantisch und reizvoll aussehen mag. Beides entstammt der Wirklichkeit: Die Falter sind Leihgaben aus dem Naturkundemuseum Koenig in Bonn, und die Landschaftsansichten hat Alex Grein Google Earth entnommen – zum Tagebau in Garzweiler etwa – und dann auf dem Smartphone und unter Verwendung des 3-D-Modus wechselnd herangezoomt. Die Schmetterlinge sind (wie bei einem Computerspiel) von hinten gesehen, das heißt, wir folgen ihrer Sicht und Bewegung; die Landschaften unter ihnen sind jeweils ihr natürlicher Lebensraum und verdeutlichen noch ihre unglaubliche Leistungsfähigkeit und Widerstandskraft. Sie erinnern im übertragenen Sinne an die Satellitenüberwachung und sind zugleich wie Drohnen aktiv, mithin thematisieren sie die moderne Kriegsführung. Aber es geht auch um das „Blickregime“, welches die medialen Bilder steuert, und um die demgegenüber andere Perspektive. Und indem dann wieder ganze Erdteile mit dem angrenzenden Meer zu sehen sind, ist ebenso der Verlauf heutiger weltumspannender Handelsrouten angesprochen wie der Umgang mit Heimat und dem Verlust der Identität. Die Gegenden verändern sich schleichend, wobei die Umwelt zerstört wird und Tierarten aussterben.
Daran schließen die Fotomontagen der Serie „Burning Sun (Pictures on a Screen)“ an. Im Rückblick auf die Kindheit in Portugal schildert Alex Grein hier vornehmlich die Erhitzung und Dürre der Erde und die Folgen von Waldbränden. Sie befragt, wie wir mit Naturkatastrophen umgehen und welche Bilder davon in Umlauf gelangen – weg von der medialen Berauschung an Feuersbrünsten und theatralischen Nachrichtentickern – und welche Konsequenzen wir aus diesen ziehen, und arbeitet hier ebenfalls mit den Mitteln der Konfrontation. Mit der Handykamera hat sie etwa ausgedorrte, tonal und strukturell ausdifferenzierte Erdböden fotografiert und auf das offene aufleuchtende Display einzelne Blüten oder lapidare Objekte gelegt, die sie sodann von oben mit einer weiteren, nun analogen Kamera fotografiert und so auf eine Ebene projiziert hat. Verschiedene Zustände treffen aufeinander, welche die Ferne in die Nähe rücken, physische Sichtbarkeit (zumal in einer plastisch zu empfindenden Präsenz) und mediale Distanz aneinander reiben, Zustände und Folgen beschreiben.
In der seriellen Systematik und in ihrer Stille vergleichbar, im Ton und der Thematik aber verschieden sind die Aufnahme der Serie „Titles“, die Alex Grein in Brühl vor schwarzem Hintergrund auf verschiedener Höhe und damit als zusammengehöriges Ensemble präsentiert. Sie zeigen als reine analoge Farbfotografien, die auf allen vier Seiten angeschnitten sind, jeweils für sich Zusammenstellungen von mehreren Büchern, gesehen wie im Regal mit dem Rücken zum Betrachter. Die Bücher sind leder- oder leinengebunden und oft verhalten farbig. Ihre Titel sind in Druckbuchstaben zeilig horizontal angeordnet, und zwar so, dass sie in jeder Fotografie von links nach rechts auf einer Höhe lesbar aneinander anschließen und sich sinnreich ergänzen. Aus den neu entstandenen Sätzen und Satzfragmenten ergeben sich Zusammenhänge als Formeln ihrer Zeit. Die Typografie und die Buchgestaltung, der oft kostbare Einband und die Titel selbst (zu denen viele Sachbücher gehören) lassen auf eine Bibliothek schließen, die in den Nachkriegsjahrzehnten zusammengetragen wurde: als Archiv zu dieser Zeit in Deutschland, das ihrer Ästhetik und ihren Themen folgt. Schlagworte und Formen der Gestaltung evozieren augenblicklich Vorstellungen, steuern die weitere Reflexion, Text wird zur werbenden Suggestion. Die Bücher erweisen sich als kollektives Gedächtnis, das im Phänomen der privaten oder öffentlichen Bibliothek für die Zukunft konserviert ist und dieser die Wahrheiten und Lügen oder Fehleinschätzungen, aber auch die kulturelle Schönheit einer Epoche überliefert. Andererseits gehen Bücher mit Verlusten einher, indem sie zur Abholzung beigetragen haben. Wie fragil also ist Archivierung? Das eine (die Kultur) bleibt, das andere (die Natur) geht verloren. Wie eine Umsetzung in den Raum wirkt dazu ihr eigener „Speicher“ (ab 2021) aus Tischaufbauten, die sie im Ausstellungsraum präsentiert. Dazu hat sie ihr eigenes digitales Archiv der künstlerischen Werke als Papierausdrucke materialisiert und in Eisblöcke eingeschlossen, die an Haltungen nun langsam schmelzen, wobei sich die Papiere mit ihren Oberflächen abschaben, auflösen und zerbröseln und zusammen zu einer Papiermasse verkleben, die sie schließlich als einheitlich dunkle Flüssigkeit wiederum in Kanistern aufbewahrt: als unumkehrbarer Zustand der Lagerung. Bilder sind vergänglich, sind sie nicht, sind sie doch, die eigenen eingeschlossen. Die Werke von Alex Grein sind nicht nur medienkritisch, sondern auch medienanalytisch und darin ausgesprochen sinnlich, aber auch unvorhersehbar, im Übrigen in fundamentaler Verwandtschaft zu Max Ernst.
Alex Grein ongoing, nur noch bis 5. Juli im Max Ernst Museum Brühl des LVR, Max-Ernst-Allee 1 in Brühl, Di-So 11-18 Uhr
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