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Foto: © Ilja Höpping, Stadt Duisburg; VG Bild-Kunst, Bonn

Dejan Saric

Farben und Raum

Von außen wirken die beiden Kuben, die Dejan Saric im Lehmbruck Museum in Duisburg errichtet hat, wie architektonische Standardmodule. In Holzmaterialien, mit offenen Ein- und Ausgängen, signalisiert der Anblick von draußen Regelmäßigkeit auch für die Seiten, die man nicht gleichzeitig sehen kann; im Nicht-Überschaubaren gewinnen sie an Größe. Aber kaum betritt man sie, sind ihre Dimensionen weiter unbegreiflich. Im ersten Kubus ist man von frei hängenden Streifen aus transparentem Acrylglas umgeben. Auf diese sind horizontale und vertikale Abfolgen von Buntfarben und Schwarz und Weiß als Stege und kompakte Flächen gesetzt. Die Farbsetzungen könnten als Wegleitungsstrukturen verstanden werden und organisieren den Raum als durchlässige, versetzt offene Kammern. Mitunter sind sie gestisch aufgetragen, steigern so die Durchsicht und erzeugen ein sinnliches Farberleben. Oder die Acrylglas-Flächen stellen sich mit dunklen Blöcken in den Weg, sie bilden Passagen oder ermöglichen, zwischen ihnen durchzulaufen. Und dann sieht man weiter durch sie hindurch und schaut zwischen ihnen auf die verspiegelten Innenwände der Holzkonstruktion, in denen die Farben reflektieren und ins Flimmern geraten. Der Innenraum wird zu einem Labyrinth, in dem mit jeder Wendung ein neues Erlebnis der Farben entsteht. Man könnte auch sagen, die flächige Malerei wird hier, ausgerichtet nach der konstruktiv konkreten Kunst, dreidimensional. Die Buntheit wird in ihrer strengen Anlage zum subtilen und nun doch geradezu barocken Spektakel. Dejan Saric selbst spricht von einem Explodieren der Farbigkeit.

Beim zweiten Kubus, den er im Hinblick auf die Ausstellung in Duisburg entwickelt hat, vergleicht er das mit einem Implodieren. Saric kehrt die Situation um: Hier befinden sich auf den Lamellen Spiegelfolien, auf denen sich die Betrachter selbst sehen, zwischen die sie aber weiter wie in einen Nebel – und ein Spiegelkabinett – eintreten und schier verschwinden können, umfangen vom reflektierenden Licht, das außerdem Farbstrukturen spiegelt. Diese Buntfarben sind als vergrößerte und dadurch leicht unscharfe Fotoprints nach seinen eigenen Malereien ganzflächig an den Innenwänden montiert, als Verläufe und Felder. Auch hier zeigt sich mit jeder Bewegung auf den vielen Spiegeln ein anderes Raum- und Farbgeschehen. Dejan Saric erinnert im Gespräch an den Film „Dreams“ von Akiro Kurosawa, in dem Menschen und Tiere anstelle gemalter Partien in ein Gemälde von Vincent Van Gogh eintreten und es so verlebendigen: Die Menschen tauchen auf und verschwinden zwischen der Malerei, diese dokumentiert und vertieft ihre Realität.

Bei beiden Kuben kann der Betrachter den Weg, sein Verweilen und die Umgebung von Spiegeln und Farben bestimmen. Im ersten Kubus lassen sich außerdem die Farb-Lamellen von Hand abnehmen und an anderer Stelle wieder aufhängen, so wie es im Lehmbruck Museum durch dessen Personal jeden Tag exemplarisch praktiziert wird. Teil der Rauminstallation sind also das Veränderliche und die Partizipation als eigenes Erleben und Handeln. Dabei bleibt der Raum auf das menschliche Maß und seinen Radius konzentriert: kaum mehr als ein Schritt nämlich und man könnte wieder die Kammern voller Farbe verlassen. Die Titel sind: „Place to Be, 1“ und „Place to Be, 2“ – die eigene Existenz, die hier mit ihrer physischen Präsenz und Aktivität auftritt und sich spiegelt, erschafft die Orte. Plötzlich erinnern diese in ihrer Abgeschiedenheit, im Eintritt in eine andere Sphäre an den mittelalterlichen Hortus conclusus, an dem man sich nicht satt sehen kann.

Dejan Saric wurde 1966 in Smederevska Palanko in Serbien geboren. Er erwähnt im Gespräch die dortige traditionelle Bauweise von Wohnhäusern, bei denen mit jeder neuen Generation in der Fa­mi­lie ein Teil angebaut wird. Architektur ist pragmatisch und veränderlich verstanden und wird zur Hülle, die Leben umfasst und bewahrt. Saric studiert zunächst in Belgrad Kunst, vor allem Bildhauerei. Calder und Bran­cusi werden für ihn besonders wichtig. Seine Abschlussarbeit schreibt er über die Soziale Plastik bei Joseph Beuys; die Skulpturen, die er selbst in dieser Zeit anfertigt, sind abstrakte Akkumulationen aus verschiedenen Materialien. Farbe habe da noch keine Rolle gespielt, sagt Saric. Über ein DAAD-Stipendium kommt er nach Düsseldorf, wo er noch in der Klasse von Magdalena Jetelová an der Kunstakademie studiert; seitdem lebt er hier. Erst in Düsseldorf beginnt er intensiv mit Malerei zu arbeiten, Bilder zu erstellen und die Farben sodann in seine Objekte und architektonischen Skulptu­ren einzubeziehen.

Seine Ausstellung im Lehmbruck Museum gibt einen konzentrierten Ein­blick in die Zusammenhänge. An der Wand vor den Kuben befindet sich eine Folge von acht großen Bildern, auf denen Ellipsen verlaufen. Und an der Wand dahinter hängt eine Reihe kleiner, am Quadrat ausgerichteter Farb­reliefs als Fries aus 33 Farbobjekten. Überall aber ist Farbe emotionales Ereig­nis, das im Verhältnis zum physischen Körper steht. Die Reliefs erinnern mit ihren Farbpartien, die in der Fläche verbleiben oder sich von dieser abheben, nach vorne kippen oder von einer plan angesetzten Ebene geschnitten werden, an konstruktiv konkrete Raum­körper. Mit ihren spitzen Winkeln mithin zersplittert, lassen sie manchmal an ein Kaleidoskop und Effekte der Licht­brechung denken. Dejan Saric hat sie mit Digitaldrucken seiner Malereien, Spiegelfolien und Acrylfarbe malerisch angelegt, zugleich wirken sie wie architektonische Modelle für die vergrößerte Ausführung. Man kann diese Reliefs in ihrem Nacheinander als Konzeption, die variiert und immer wieder neu begonnen wurde, abschreiten, aber auch vor jedem von ihnen innehalten und sie als Vorschläge für die ganzheitliche Aussetzung des Menschen in Farbe und Farben verstehen.

Hingegen zeigen die acht hochformatigen Bilder die fast identische Anlage ausgreifend zirkulierender Farbbewe­gun­gen. In gestischen breiten Bahnen, ausgeführt in Acryl auf Papier, sind ovale Ringe teils sich überlagernd und teils sich aussparend ineinandergelegt. In der versetzten Anlage bildet sich im Inner­sten als weiße Aussparung eine kleine, oben abgeschnittene Form, die wie ein Kopf oder ein Gesicht wirken könnte und damit die Anmutung einer organisch abstrahierten Figur unterstützt, wobei die Formgestalt aber auch an Verpuppungsstadien und einen pflanzlichen Keimling erinnern könnte – und doch abstrakt bleibt. Zumal in der Rasanz der Bewegung entwickelt sich ein räumliches Geschehen. Die Ovale stülpen sich gleichermaßen nach außen wie sie sich in die Tiefe zu schrauben scheinen. Sie initiieren in der intensiven Betrachtung ein rauschhaftes Erleben, wie ein Sog, der noch aus der Balance gerät. - Ein bisschen schließen diese unbetitelten Malereien, die ab 2020 entstanden sind, ja an frühere Wandobjekte von Dejan Saric an: die unterschiedlich auszufahrenden, monumentalen „Pass­­for­men“ (2014). Dabei schieben sich mächtige, mit Spiegelfolie ummantelte Holzringe stufenweise verjüngend nach vorne. Die Innenwände sind an jedem Ring monochrom farbig gestrichen. Zu sehen waren sie zu zweien 2014 von der Decke hängend sowie vom Boden aufsteigend im Parkhaus im Malkasten Düsseldorf und 2018 an gegenüberliegenden Wänden horizontal zueinander ausgerichtet im Museum Katharinenhof in Kranenburg. „Passform“ ist wie die beiden Kuben von „A Place to Be“ auf die Gleichzeitigkeit von Dialog und Gegenrede hin konzipiert, mit Farben, die verhalten konstruktiv angelegt sind, und Raum, der in der Spiegelung schier aufgesaugt wird, und mit einer architektonischen Verortung.

Die Höhe der Bilder im Lehmbruck Museum entspricht der Körpergröße von Saric selbst. Zwischen Zeichnung und Malerei konservieren sie das An- und Absetzen der Pinselführung und das Verschleifen der aquarellhaft transparenten Farben. Dejan Saric hat von Bild zu Bild jeweils ein Element des vorausgehenden weggelassen. Um sie aber so zielstrebig und selbstverständlich in ihrer Verwandtschaft wie auch ihrer Verschiebung zu gestalten, bedarf es handwerklicher Maßgaben, die über den klassischen Zirkel hinausgehen. Saric hat diese Bilder mithilfe einer Malapparatur gemalt. Auch für andere Bildgruppen hat er Maschinen entwickelt, die auf handwerklicher Improvisation basieren. Im Lehmbruck Museum in der gegenüberliegenden Werkstatt für die pädagogische Abteilung sind einzelne dieser Malkonstruktionen zu sehen, die Bilder zwischen Planung und Zufall, Bestimmen und Zulassen ermöglichen. So wie, hier nun ausgestellt, Papierarbeiten aus horizontalen und vertikalen Streifen und Bahnen, die sich in vielen Schichten überlagern und dadurch ein komplexes, nicht zu durchschauendes stufiges Unter- und Über­einander evozieren, verwischende Schlieren und Unregelmäßigkeiten der Farbsubstanz zulassen und so eine Räumlichkeit und Volumen erzeugen und doch ganz Malerei sind, die mit den Regeln der Konstruktion gegen diese ansteuert. Und indem Dejan Saric also den Farbauftrag teilweise Malmaschinen überlässt, die wiederum von ihm gebaut und kalibriert wurden: Wird hier nicht die Kunst zu einer Strategie, die Wirklichkeit zu sehen im Reichtum ihrer Facetten und mit ihren Beengtheiten, aber auch ihrer Weite und einer Sinnlichkeit, die nie ganz zu begreifen ist.

Dejan Saric IN BETWEEN,
bis 13. Dezember im Lehmbruck Museum Duisburg,
Friedrich-Wilhelm-Straße 40 in Duisburg, www.lehmbruckmuseum.de

TH

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