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Helmut Dorner
Porträtfoto: © Dirk Rose

Helmut Dorner

Bis heute

Endlich wieder eine Ausstellung von Helmut Dorner im Rheinland. Im Rahmen der „Sammlung in Bewegung“ zeigt das Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld frühe Werke in einem eigenen Raum. Die Ausstellung ist erstaunlich. Die durchweg kleinen oder moderaten Werke sind im Zeitraum von 1981 bis 1996 entstanden und sie umfassen Zeichnung, Fotografie, Skulptur und Malerei – und alles fügt sich schlüssig zusammen und weist noch auf das seitherige Schaffen. Und auch jetzt hat er die für ihn kontinuierliche Praxis angewandt, die Bilder im Ausstellungs­raum über Werkgruppen hinweg zueinander in Beziehung zu setzen. Er aktiviert den Bestand, der einer Schenkung aus Privat an das Museum entstammt, mittels der Abfolge, aber auch der Abstände und der Positionierung an der Wand und hier auch auf dem Boden. Er rhythmisiert, setzt Schwerpunkte, verbindet vermeintlich nicht Zusammen­ge­hörendes und rückt ins Zentrum. Zugleich ergeben sich Sichtachsen von oder zu den vorausgehenden Räumen. Zum einen mit der großformatigen Malerei „Regenbogen“ (1983) aus frei fließenden Farben von Sigmar Polke, zum anderen zurück zur „Schwimmerin II“ von Gerhard Marcks, einer lebensgroßen, dunkel patinierten Bronzeskulptur von 1938, bei der die Figur als Volumen verdichtet und im Kontrapost zugleich vitalisiert ist. Das Schaffen von Dorner nun bewegt sich bis heute im Spannungsfeld von alchimistisch anmutendem Einsatz der Farbmaterie aus Ölfarbe und Lack und der Abstraktion von gegenständlichen, auch figürlichen Elementen. Deutlich wird in seiner Aus­stel­lung, wie früh und konsequent er dahingehend das Medium der Malerei befragt und dazu unterschiedliche Möglichkeiten erprobt hat.

Helmut Dorner wurde 1952 in Gengenbach geboren. Er hat in Düsseldorf an der Kunstakademie studiert. In seine badische Heimat ist er 1993 zurückgekehrt, folgend seiner Professur ab 1990 an der Kunstakade­mie Karlsruhe. 2001 wurde er mit dem Hans Thoma Preis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Studiert hat Dorner 1976-1982 in Düsseldorf in der Klasse von Gerhard Richter, in etwa zeitgleich mit Künstler:innen wie Isa Genzken und Horst Schuler, und damit im Epizentrum der Kunstszene, die in dieser Zeit das Medium der Malerei geradezu ausgeschlossen hatte. Das Atelier hat er zunächst in der Kölner Straße und 1985-93 an der Birkenstraße – in einer Katalogbiographie ergänzt er: „getrennte Atelier­räume für Öl- und Lackmalerei“. Im Rheinland hat er auch seine ersten Ausstellungen. Schon 1982 bzw. 1983 sind Skulpturen und Ölzeichnungen in der Galerie von Rolf Ricke in Köln ausgestellt; 1984 werden diese dann zusammen im Wuppertaler Von der Heydt-Museum gezeigt, also noch bevor er mit der Malerei bekannt wird. Diese zeigt er dann unter anderem 1987 in der Galerie Grässlin-Erhardt in Frankfurt a.M. in einer gemeinsamen Ausstellung mit Axel Kasseböhmer, Meuser und Reinhard Mucha. Der Katalog dokumentiert, dass Dorner da schon verschiedene Verfahren nebeneinander prak­­tiziert und dass er Bilder auch als Ensembles aus zwei oder drei zueinander disparaten Malereien, die selbst im Format verschieden sind, entwickelt. Und zumal in der s/w-Reproduktion im Katalog wird die pastose Materialität der Ölfarbe spürbar. Der Pinselstrich fährt in einzelnen deutlichen Bahnen durch den vorherigen expressiven vielfarbigen Farbauftrag, wobei die konservierte Bewegung dem Bild seine Stabilität verleiht und über kompositorische Prinzipien hinaus mögliche motivische Ebenen – auch Fragen der Nähe und der Perspektive – aufwirft. Dazu aufschluss­reich ist beim Frankfurter Katalog außerdem der Beitrag von Kasseböhmer, der ebenfalls bei Richter studiert hat und ebenfalls mit Öl auf Holz arbeitet. Während Kasseböhmer Landschaft als flüchtige Ereignisse der Natur malt, beschäftigen Dorner Fragestellungen, die ihn vom Gegen­stand wegführen, diesen aber noch in Reichweite halten.

Einen Schlüssel liefern die Skulpturen, Ölzeich­nun­­gen und Fotografien, die jetzt in Krefeld ausgestellt sind: Die Fotografien von 1982/83 sind in schwarz-weiß, sie beziehen sich auf seine Skulp­turen und deren Auseinandersetzung mit Hohlfor­men und räumlichen Verschränkungen. Sie zeigen aus un­­ter­schiedlicher Ansicht eine flächige, kantig abwinkelnde Konstruktion mit der Schalen­form eines Löffels. In der Unterschiedlichkeit der Posi­tio­nie­rung und damit der Annäherung erkunden die Aufnahmen das Spektrum der Wahrneh­mung und die Komplexität der Form. Im Umgang mit Licht und Schatten, zumal auf den weißen Oberflächen, in der Modellierung von Raumge­sche­hen und der Ausrichtung auf die Silhouette mit der quergestellten Rundform entfalten sie spezifische Qualitäten der Fotografie. Sie liegen, gerahmt, als Tableau über dem Boden, was eine andere Sicht und Sichtbarkeit mit sich bringt. Daneben befindet sich, ebenfalls auf einer Auflagefläche, eine weiße Gipsskulptur. Sie stellt einen fragmentarisch sphärischen Hohlkörper dar, der in ebenfalls kantigen Schnitten unterschiedlich einbuchtet; sie trägt den Titel „Schildkröte“ (1981). Mit seinen Titeln, die teils aus Buchstabenfolgen und teils konkreten Benennungen bestehen, nimmt Dorner jeder vorschnellen Deutung den Wind aus den Segeln und öffnet seine Werke weiter. Die frühen Ölzeichnungen auf Papier nun führen die Ölfarbe und das Konzept der Linie zusammen. Sie zeigen – hier, in Krefeld – Körper, Beine und Unterkörper, lapidar und ebenfalls in kantiger Verschränkung notiert, eingefügt in einen gestisch hingeworfenen Farbgrund.

Für die Malerei selbst ist die gegenüberliegende Wand mit drei Bildern weiter aufschlussreich. Sie vereint verschiedene Herangehensweisen: „TCH (Lackbild)“, 1996, Lack und Öl auf Leinwand auf Holzkörper; und „Wiesenbild“, 1985, Öl/Leinwand/Sperrholzrahmen; und „Kopf“, 1983, Öl/Leinwand. Während der „Kopf“ in seiner Kantigkeit direkt an die Öl­zeich­nungen, aber auch an die plastischen Hohlkörper anschließt, besteht das „Wiesenbild“ aus braun, grün und weiß vermalten gestischen Bewegungen, die eine vibrierende Fläche wie einen Ausschnitt aus einem größeren Ganzen ergeben und doch für sich organisiert sind.  Tiefe und Erhebung bleiben ablesbar als Teile des seismographisch erfahrbarbaren Prozesses der Entstehung. In „TCH“ hingegen schließt sich die Fläche zu einem stumpf hellen, grünblauen Ton. Erst von nahem erkennt man, wie malerisch die Fläche aufgebaut und in Schwingungen versetzt ist und sich im oberen Bereich horizontale Rillen durch sie ziehen. An einzelnen Stellen sind kreis- und streifenförmige weißliche Vertiefungen gesetzt, an deren Rändern die Farbe aufgeworfen ist. Von Mal zu Mal spiegelt sich das Licht verschieden; je nach Standort wechselt die Oberfläche zwischen matt und glänzend. Dorner unternimmt hier Grundlagenfor­schun­­gen zu dem, was Malerei ausmacht und mit sich bringt, etwa in Bezug auf Oberflächen, Struktur und ihre Dialogfähigkeit: mit der direkten Umgebung, dem Raum und mit dem Be­­trach­ter.

Früh setzt er auch ornamental wirkende, geometrische Kon­struktionen im Farbgrund – derartige Bilder waren auf der documenta 1992 in Kassel zu sehen. Ein paar Jahre später, bei der thematischen Ausstellung „Das Abenteuer der Malerei“ in den Kunstvereinen Düsseldorf und Stuttgart 1995, zeigte er hingegen mit Öl und Lack ganze Felder, Raster und gestische Malpartien auf einer dicken Plexiglasplatte, die sich teils auch versetzt auf einer tieferen Platte fortsetzten. Aus der Platte wird bei anderen Werken ein Kasten, bei dem zwei mit Farbe besetzte Scheiben übereinanderstehen oder die Farbformen als Schatten auf die Wand fallen. Dorner hat die Möglichkeiten von Lack auf der glatten Fläche des Plexiglases aber auch weiterhin erkundet. So waren in der Ausstellung im Josef Albers Museum Quadrat Bottrop 2006 große Bilder mit ineinander fließenden Verläufen zu sehen, bei denen die Farben ständig in Bewegung scheinen, Schlieren und Farbströme bilden, plastischen Raum und seine Verschattung beschreiben und fest und flüssig zugleich vor Augen führen.

Im Laufe der 2010er Jahre erneuert sich das malerische Werk weitere Male und wird nun, teils auch mit linearen Mitteln, direkt gegenständlich lesbar. Dorner greift motivische Anklänge der frühen Zeichnungen wieder auf. Er entwickelt große, zentrale monochrom homogene Farbformen auf einem kontrastierenden flächigen Hintergrund. Sein Werk spielt mit Wahrnehmung und Vorstellung, verstärkt durch die Titel, die nun etwa „Mexikanische Mauer“, „Billard“ oder „Jurist“ heißen. Auch hier bleibt Malerei das, was es ist. Die Farbe als Substanz verhandelt ihre Themen auf einem Bildträger, der explizit als Teil des Bildes zugegen ist. Die Hinwendung zur Faktizität und ihren Erscheinungsweisen auf der Fläche und im Raum geht mit Aspekten der Komposition, der Balance, der Körperlichkeit und Fläche einher, von Zentrum und Peripherie bis hin zur motivischen Konzentrierung. Das hat bis heute nichts von seiner Vielschichtigkeit, Inhaltlichkeit und seinem ästhetischen Reiz verloren. Wie aber alles begann: das kann man in Krefeld sehen.

Helmut Dorner ist beteiligt bei: Sammlung in Bewegung, Kaiser Wilhelm Museum, Joseph-Beuys-Platz 1, 47798 Krefeld, www.kunstmuseenkrefeld.de

TH

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