Die Globen von Ingo Günther veranschaulichen, von außen beschriftet und innen beleuchtet, essentielle Zustände des Lebens auf der Erde. Das erfolgt sozusagen im Vergleich von Nation zu Nation, Klimazone zu Klimazone, Kontinent zu Kontinent. In der Zuweisung auf die jeweiligen Orte oder Verursacher sind mit ihren textlichen Nennungen, mit Linien oder flächig eingefärbten Skizzierungen jeweils einzelne Phänomene dokumentiert, die ökologische, klimatische, soziale oder politische Aspekte in ihrer Brisanz und auch Verbreitung betreffen. Die Globen sind in Schwenkhalterungen eingefasst, die ihrerseits auf Stativen montiert sind. In der Ausstellung bei Krohne Messtechnik ragen die metallischen Dreibeine von der gerasterten Decke herab und betonen den Eindruck von Planeten am Himmel, wobei die technoiden Stangen selbst wie die Auskragungen von Satelliten ins Bewusstsein treten. In der parallelen Ausstellung in der Mercator-Sammlung des Kultur- und Stadthistorischen Museum in Duisburg hingegen stehen die Stative auf dem Boden und verdichten die Globen zu einer eng zusammengerückten Gruppe, bei der die Ausformulierung des einen Phänomens auf einer Erdkugel mit den anderen Phänomenen lebhaft korreliert.
Dass sie im Foyer in Duissern von der Decke hängen, hat – abgesehen von pragmatischen Gründen, dem Eindruck des Schwebens, der dem im Weltraum entspricht, und dem Sehen knapp über Augenhöhe – auch mit der Beleuchtung und ihrer Farbigkeit zu tun. Es ist ein großartiges Erlebnis, die Globen abends auch durch die fortlaufende Glasscheibe zu sehen und ein Gefühl für Übersicht in der Fülle zu erhalten. Wichtig ist Ingo Günther die sinnlich-ästhetische Präsenz, mit der Daten und Fakten zentrale Themen unseres Daseins verhandeln – bei allen seinen Werkgruppen, über die Jahrzehnte hinweg. Mit dem Globus hat er eine adäquate dreidimensionale Ausformulierung gefunden: Aspekte der Kartographie treffen auf die Möglichkeit, maßstabsgerecht die Erde und Veränderungen auf ihr abzubilden.
„WorldProcessor“ gehört zu seinen frühesten und spektakulärsten Werkgruppen. Er hat mit ihr 1988/89 begonnen, mittlerweile gibt es weit über 1.000 Globen als Objekte. Sie ist auf Fortsetzung angelegt. Sowieso komme es eigentlich nicht vor, dass eine der Werkgruppen irgendwann Mal abgeschlossen sei, sagt Ingo Günther. In der Konsequenz, dass sich die Welt in ihrem Klima, ihrer Population oder dem Fortschritt mit seinen Auswirkungen in Forschung und Technik und Natur verändert, sind sie fortlaufend. Bei den Globen führt es außerdem zu Wiederaufnahmen und Variationen, welche neue, aktuelle Daten und Erkenntnisse zu Verbesserungen und Verschlechterungen hin fortschreiben. Dazu gehört das aktualisierende Austauschen von Globen, etwa bei der Installation bei VW, die Ingo Günther über und unter der Piazza im Konzernforum der Autostadt in Wolfsburg eingerichtet hat, bei der sich die Weltkugeln drehen und weit nach draußen hin sichtbar sind.
Schon die ersten Arbeiten waren spektakulär, in seinen Düsseldorfer Jahren. Geboren 1957 bei Hannover, hatte Ingo Günther ein Studium der Ethnologie und Kulturanthropologie in Frankfurt und Kassel begonnen und war dann an die Kunstakademie Düsseldorf gewechselt. Hier hat er bei Schwegler, Günther Uecker und sodann bei Nam June Paik studiert und bei diesem als Meisterschüler 1983 abgeschlossen. Bereits ab 1979 erstellt er Videoskulpturen, Videotapes und Videoinstallationen, mit denen er sich unter den wichtigsten Künstlern dieser Disziplinen in Deutschland etabliert und bis heute zu den wesentlichen Überblicksausstellungen eingeladen wird. Die frühen Werke visualisieren, allein schon als Filme, Bewegung. Das führt zu monumentalen Installationen mit vielen Monitoren. 1982 ist in der Ausstellung „0211: 22 Künstler in Düsseldorf“ des Kunstmuseums ganz oben im Treppenhaus ein riesiges Marionettenkreuz befestigt, an dessen Seilen ein überwältigendes Arrangement aus Fernsehapparaten mit Bewegtbildern und schräg zugeschnittenen schwarzen Holzpaneelen über- und nebeneinander hängt („Eleven Waiters-Vertical“). „Ingo Günthers Konzeption des Arbeitens als Bildhauer mit einem technischen Medium bannt uns nicht zurück auf den Zuschauersessel, sie aktiviert unsere Sehmöglichkeiten“, schreibt Ulrich Krempel über derartige Werke. „Seine Räume, Körper, Bilder sind unmittelbar verfügbar für den Betrachter.“ (Kat. Rheingold, Turin 1985)
Ingo Günther zieht indes Konsequenzen aus dem überbordenden Aufwand seiner Installationen und dem damaligen Mangel hierzulande an technischen Tools und Ersatzteilen. Mittlerweile in New York ansässig, welches er über ein P.S.1 Stipendium in seiner Struktur kennengelernt hat, wechselt er ganz zur Arbeit mit digital gewonnenen Daten. 1983-86 ist er an Satellitenprojekten des Kollektivs „Ocean Earth“ um Peter Fend beteiligt, das an der Schnittstelle von investigativen und frei zugänglichen Informationen journalistisch und wissenschaftlich recherchiert, ordnet und digital verfügbar macht, aber auch in Form setzt – bereits damit ist Ingo Günther bei seinen heutigen Verfahren und seinen globalen Fragestellungen angekommen. Eingeladen auf die documenta 8 in Kassel 1987, zeigt er im Turmzimmer des Fridericianum einen kalt ausgestatteten Raum, der Vorstellungen an eine Macht- und Kommandozentrale weckt. Auf einen Marmorblock sind geographische Strukturen der Erdoberfläche (konkret: aus dem nordwestlichen Grenzgebiet Nicaraguas) im Wechsel von graphisch-malerischer Abstraktion und topographischer Fokussierung mit Fadenkreuzen projiziert. „Im Raum: Stille. Nur die leise piepsenden Kommandotöne der Umschalteinheiten im Bildcomputer und das leicht surrende, fast zischende Geräusch des zoomenden Objektivs bei der Nahfahrt auf einen Punkt.“ (Jürgen Schweinebraden, Kat. documenta 1987, Bd. 2) In seiner Einzelausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf 1998 stellt Ingo Günther dann unter dem Titel „REPUBLIC.COM“ eine Website im Internet zu seinem weltumspannenden, für jedermann zugänglichen Projekt „Refugee Republic“ vor, das sich mit Flucht und Migration aus globaler Perspektive auseinandersetzt und per Netz-Kommunikation Flüchtlinge in aller Welt zur Schaffung eines eigenen Staates motiviert. Die Bilder und Bewegungen der Flüchtlingsströme können am Computerbildschirm beobachtet werde, sie werden auf die Wand projiziert oder auf Schautafeln visualisiert. Erfahrbar wird, was nicht gesehen wird oder nicht zu sehen ist: nach wie vor eine zentrale Intention seines Werkes, das von New York aus international und besonders auch in Japan ausgestellt wird.
Vor drei Jahren ermöglichte die Ausstellung im Kunstverein Ruhr in Essen eine aktualisierende Wiederbegegnung mit seinem Werk. Ingo Günther stellte dort die Werkgruppe „Diplomachine“ vor. In veränderter Form und unter dem Namen „Diplomagie“ ist sie nun bei Krohne zu sehen. An unsichtbaren Fäden hängen goldfarben schimmernde Gegenstände im Miniaturformat mit Abstand vor der Wand, so dass sie, mit Spots beleuchtet, leicht verzerrte Schatten werfen. Gedruckt in 3-D-Verfahren in modellhafter Vereinfachung, wirken sie luxuriös und rätselhaft, so klar und teils profan sie doch sind. Eine eigene Energie scheint in ihnen zu stecken, die nur der beseelt, der mit ihnen umzugehen weiß. Tatsächlich handelt es sich um Verweise auf psychologische Taktiken einzelner Diplomat*innen, mit denen sie politische Verhandlungen und Krisenszenarien zu einem guten Ende wenden konnten. Sie stehen für Geschick und Kreativität, seien es Besonderheiten bei der Kleidung, Gastgeschenke oder Anordnungen von Stühlen am Verhandlungstisch: Broschen in Form eines Skorpions und eines Käfers, eine aufgeklappte Bibel und ein Revolver, ein Plastikbecher, eine Badewanne, Tischflaggen in aufsteigender Höhe – allesamt Motive aus der wahren, oft autobiographisch überlieferten Geschichte der Diplomatie. Hier wie bei „WorldProcessor“ macht Ingo Günther Unsichtbares sichtbar und legt die Wirkkräfte, Abläufe und Konsequenzen frei. - Vielleicht am eindrucksvollsten zeigt sich das jetzt im Kultur- und Stadthistorischen Museum in der Mercator-Sammlung. Hier stehen die Stative mit den leuchtenden Globen – als Motiv an diesem Ort sowieso kongenial – vereinzelt an Ankerpunkten im verdunkelten Saal, aber auch zu einer Gruppe eng aneinandergerückt vor einem filmischen Ausschnitt der Erde, gesehen aus dem Universum: Ihre wahre Schönheit trifft auf eine Darlegung ihrer derzeitigen Zustände. Diese führen in ihrer Dichte vom einen zum nächsten, eines hängt am anderen.
Und noch etwas, nur ein Detail: So wie Gerhard Finckh derzeit die Ausstellung von Wilhelm Mundt im ehemaligen Wohnhaus von Beuys in Oberkassel kuratiert hat, so hat Uwe Rüth nun die Ausstellung mit Ingo Günther initiiert und begleitet. Die ehemaligen Museumsdirektoren – der eine in Wuppertal, der andere in Marl – vermitteln ihre Kontakte, Erfahrungen und ihr Wissen weiter: Here we go!
Ingo Günther
„WorldProcessor / Diplomagie“
bis 8. Januar in Duisburg: KROHNE Messtechnik GmbH, Ludwig-Krohne-Straße 5,
Di./Mi. 14-17 Uhr (nicht 24./25.11.; Dez. reduzierte Zeiten), und Kultur- und Stadthistorisches Museum, Johannes-Corputius-Platz 1, Di-So 10-17 Uhr.
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