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Porträtfoto: © Norbert Faehling, Düsseldorf

Bernd Engberding

Botschaften der Menschheit

Bernd Engberding ist in seiner Kunst grundsätzlich. Im Konzept bleibt er konsequent. Ja, sagt er im Atelier in Bilk, immer gehe es um den Menschen und seine For­men der schriftlichen Kommunikation besonders in uns fremden, früheren Kul­turen, aber auch in der Verbreitung aktueller Botschaften und Slogans. Dazu arbeitet er durchgehend mit Holz. Er verwendet es als Material der Skulpturen, die er früher aus dem Stamm geschlagen hat und mittlerweile bevorzugt aus vernutzten Holzteilen realisiert. Aber er nimmt derartige Holzflächen auch als Druckstock, aus dem heraus er Formen schneidet und diese mit Farbe überzieht. Mitunter werden diese Holzdrucke auf Papier und Leinwand dann von Malerei begleitet. Auch die Holzstöcke mit ihren nun verhalten farbigen, reliefierten Oberflächen sind oft eigene Werke. In ihrer Anmutung des Brüchigen, Rauen, die bei ihm deutlich erhalten bleibt, zeichnet sich ab, was Holz alles ist. Dass es wächst, vergänglich und ebenso gefährdet wie robust und wehrhaft ist; dass der Baum als Teil der Natur untrennbar mit allem Leben auf der Erde verbunden ist. Dass das Holz seine Geschichte und die Spuren seiner Versehrung in sich trägt, selbst Lebensraum ist und wiederum dem Menschen zur Behausung, aber auch zum Heizen dient.

Im Verfahren des Druckes – besonders als Holzschnitt – verweist es ganz direkt auf die Vervielfältigung und dadurch auf die Verbreitung als Verfahren der Kommunikation. Engerberdings Sujets sind unmittelbar verständlich und zugleich vieldeutig, bei seinen Skulpturen ebenso wie bei seinen flächigen Werken. Er entwickelt Kürzel für primär erfasste menschliche und tierische Figuren, wie er sie auf Reisen und bei Recherchen zur Schriftlichkeit verschiedener Völker und Stämme in Kulturen des Altertums gefunden hat. Er verwendet sie aber auch abstrahiert als skripturale oder offene gestische Zeichen. Dabei klingen Symbole und Piktogramme an, die in ihrer augenblicklichen Lesbarkeit der heutigen Übermittlung von Information dienen. Bernd Engerberding selbst hat dazu geschrieben: „Meine Kunst beschäftigt sich mit Aspekten menschlicher Kommunikation, und zwar benutze ich alte Schriftsymbole verschiedener Kulturen, die zu einem großen Teil für ‚Mensch‘ und auch für ‚Göttlichkeit‘ stehen. … Für mich sind sie ein Teil der Menschheitsgeschichte, eine erste abstrakte Ausdrucksform.“

Auch wenn sich Bernd Engberding seine Medien und Techniken und sein Vokabular autodidaktisch angeeignet hat, gemalt hat er seit seiner Jugend, zunächst mit Acryl auf Leinwand. Geboren 1951 in Düsseldorf, kommt er in den 1970er/80er Jahren in Austausch mit der Kunstszene, findet hier Gleichgesinnte und freundet sich mit ihnen an. Eine wichtige Rolle spielt Achim Duchow, der gerade mit weiteren, teils wechselnden Künstlern und Künstlerinnen – darunter Joe Brockerhoff, Norbert Faehling und Wolfgang Schäfer – eine Folge von Ausstellungen in Off-Räumen und an improvisierten Orten unter dem Label MEDIEN MAFIA durchführte. Weder inhaltlich kuratiert, noch medial oder technisch begrenzt, mit bekannten ebenso wie mit kaum etablierten Künstlern, waren gerade das kollektive Ereignis, das Unberechenbare der Ausstellungen und das Subversive der Werke kennzeichnend für dieses Projekt. Duchow lud Engberding 1987 ein, an einer dieser Ausstellungen in einer Halle an der Hamburger Straße im Düsseldorfer Hafen teilzunehmen. Sein Beitrag war eine Installation, bei der man durch die Fensteröffnung einer improvisierten Hausfassade über die Bahnen eines gemalten Gewässers hinweg auf Fotos mit karibischem Feeling schauen konnte. Die Aufbauten erzählten von einer anderen Welt, fernab der heimischen Gewöhnlichkeit, und führten sie im Lapidaren der Mittel als Illusion doch ad absurdum. - Auch wenn sich dieser Beitrag von seiner späteren Kunst unterscheidet und auch wenn es noch nicht um den Menschen in seiner existenziellen Verfasstheit ging, so war hier doch bereits – als Wesenskern seines Schaffens – die Auseinandersetzung mit Fremde und der Perspektive der Heimat angelegt. Dazu kommen der Rekurs auf Kulturen fernab der westlichen Zivilisation, Momente des Pflanzlichen und des Tanzes der Menschen, Behausung und die Rolle der Natur.
Als sich wenig später die MEDIEN MAFIA auf ein riesiges Hallengelände an der Ronsdorfer Straße 77A in Lieren­feld verlagert und dort einige der Künstler auch Ateliers beziehen, gehört Engber­ding dazu. Auf dem Areal, auf dem sich heute das „Weltkunstzimmer“ befindet, kann er in großen Dimensionen arbeiten. So sind hier aus Baustämmen knapp drei Meter hohe Skulpturen entstanden, die teils menschliche Figuren darstellen, teils aber auch aus rein zeichenhaften Formen bestehen.

In summarischer Schilderung als Linien­figur oder frontales Gegenüber auf der Fläche steht der Mensch überwiegend im Zentrum der Drucke auf Leinwand und Papier. In den hochformatigen Bildern Mitte der 1990er Jahre tritt er, umfasst von erdigen Farbtönen, aufgerichtet und die Arme seitlich abgewinkelt auf. Er löst sich im Dunkel kaum aus dem Grund oder ist wie im Gegenlicht und begleitet von horizontalen Reihen mit elementaren Zeichen erfasst. Eine solche Arbeit heißt „Symbol Mensch“ (1995), eine andere „Tanz“ (1995). Bei anderen Werk­gruppen tritt der Mensch in einen Aus­tausch mit weiteren Geschöpfen und nimmt expressive Gesten der Inter­aktion ein. Wie bei urzeitlichen Fels­ritzungen (als Hochdruck aber in handwerklicher Umkehrung) sind die Figura­tionen in Schwarz auf dem weißen oder eingefärbten Bildgrund zueinander platziert, nehmen Fühlung auf oder bleiben bei sich. Besonders eindringlich kommt das in einem Buch zum Aus­druck, das 2006 zu einer Ausstellung in der fiftyfifty Galerie entstanden ist. Jede der 36 (Doppel-) Seiten zeigt in unmittelbarer Anschaulichkeit ein mögliches „Alpha­bet“ von Urvölkern. Im Wim­meln und den gestischen Entäuße­run­­gen als Formen der Handlung und der Kommu­nikation, Ferne und Nähe im Unter- und Nebeneinander evozierend, sind hier kollektive Geschichten und soziales Leben angesprochen. Das Buch gehört zum Projekt „Les Portes ouvertes“, das auf einem Aufenthalt im Grenz­gebiet zwischen Frankreich und Italien beruht. „Das gestalterische Pano­rama assoziiert südfranzösische Höhlen­male­rei, altägyptische Hierogly­phen, steinzeit­liche und antike Skulptur sowie phantastische Symbolik“, hat Barbara Schildt-Specker im Buch dazu geschrieben. „Neben Ganzkörperfigu­ren – spielende Kinder, Akrobaten, Fahnenträger – finden sich Torsi, überdies Fabelwesen und absonderliche Gestalten aus einem schein­­bar extraterrestrischen Kosmos. Zu ihnen gesellen sich Tiere vielfältigster Art, zahlreiche Echsen und auch Käfer in angedeuteter Fluss- oder Berglandschaft.“

Gedruckt hat Engberding diese Erzäh­lungen von einzelnen bearbeiteten Flächen auf alten, ausrangierten Türen. Die Tür – auch als Pforte und Portal – steht für den Wechsel von draußen und drinnen, den Übergang von Altem zu Neuen, von Vergangenheit zu Zukunft, von hinter sich lassen und erinnern. Im Geöffneten nun findet ein Austausch statt; der geschlossene Raum hingegen wird zum Speicher, zum Archiv. Für sein aktuelles Projekt hat Bernd Engberding jetzt erneut das metaphorische Spek­trum der Tür und diese selbst als Druck­stock hinzugezogen. Im Atelier in Bilk, im Arbeitsraum mit den stehenden, lehnenden Skulpturen, mit neueren Mobil­es, die von der Bogenform der Schwalbe ausgehen, den Regalen mit den mitunter mehrteiligen Bildern auf Leinwand und den Plan­schrän­ken und vielen Arbeitstischen, hängt diese neue Werkgruppe gleich neben dem Eingang, übriggeblieben noch von den „Kunst­punk­ten“. Nun ist auch die Tür als Wandobjekt Teil der Arbeit. In ihrer Archaik wird sie durch die Nägel unterstützt, zugleich öffnen sich die als Ornament zusammengesetzten Dreiecke leicht zu dunklen Schlitzen und sind im Aufeinandertreffen räumlich zu empfinden. Dazu hat er einzelne Flächen der Tür eingefärbt und die Drucke direkt, ohne weitere Eingriffe von diesen genommen. Trotz des kleinen Formates wirken sie im konzentrierenden Ausschnitt monumental. Sie zeigen konkrete, rasterartige Strukturen und entfalten, unterstützt von der changierenden Farbigkeit, eine eigentümliche Schönheit. Sie beschreiben Fläche und schildern Raum, in den sie sich mit ihren schrägen Linien öffnen. Durch die Lamellen scheint nun Licht zu dringen. Bei einzelnen Blättern lassen sich im Ausschnitt Kopfformen interpretieren. Dann wieder wird im Zusammenlaufen der Linien im Bildzentrum die Perspektive unsicher, als würde man von unten auf ein spitz zusammenlaufendes Dach schauen. Erneut werden die gedruckten Ausschnitte und die Holztür mit ihren Farbresten zu Symbolen für Zivilisation und die Befähigungen der Menschheit. Vielleicht stellen die auf ihrer Spitze stehenden Quadrate im Zentrum der Tür ja auch schon eine Figur dar, die in ihrer primären Verknappung Vergangenheit und Gegenwart und die Geschichte der Menschheit in einfachen, aber hochkomplexen Bildern beschreibt.

Und dann ist da noch die neue abstrakte Skulptur auf dem Boden im Atelier, die Bernd Engberding „Anker“ betitelt hat. Zwei halbkreisförmige breite Bogensegmente aus Holz stecken im rechten Winkel mittig ineinander, die Enden laufen abgebrochen aus. Engberding hat sie aus einem ausrangierten Tisch gewonnen. Nicht zu schön, im nunmehr Enthausten wie zufällig, aber genau ausbalanciert, ist sie ein weiteres Symbol für das Elementare und Archaische, das den Ordnungen der Welt und den Gesetzen der Erde innewohnt, beteiligt als Überbleibsel der Zivilisation.

TH

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