Hört man den Namen Niki de Saint Phalle, so denkt man an die Nanas – die farbenfrohen Frauenfiguren, die mit ihren üppigen Formen an die Venus von Willendorf erinnern. Die Ausstellung im Kunstpalast zeigt ein umfassenderes Bild des Werks der französisch-amerikanischen Künstlerin.
Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut: Vor der Entstehung der Nanas tötete Niki de Saint Phalle das Gemälde. Für ihre Schießbilder übergoss die Künstlerin Metallteile, Lebensmittel und Farbbeutel mit Gips und schoss mit einem Gewehr darauf. Aus den zerplatzten Farbbeuteln floss Farbe wie Blut aus einer Wunde. Niki äußerte sich dazu: „1961 schoss ich auf Papa, alle Männer, kleine Männer, große Männer, bedeutende Männer, dicke Männer, Männer […]“. Der Akt des Schießens gab ihrer Wut auf die Gesellschaft und auf ihren Vater, der sie als Kind sexuell missbrauchte, ein Ventil. Sie ließ befreundete Künstler*innen und das Publikum daran teilnehmen. Das Schießen wurde zur kollektiven Aktion.
Während die Schießbilder einen feministischen Befreiungsakt darstellen, gehen die Nanas einen Schritt weiter. Sie sind Ikonen eines modernen, selbstbewussten Frauenbildes. „Nana“ bezeichnet im Französischen eine junge Frau oder Partnerin – das Wort wird genutzt, wenn man über eine Frau spricht, nicht als direkte Ansprache der Frau. Niki de Saint Phalle entzieht die Nanas dieser gesellschaftlichen Zuschreibung. Indem sie jede Figur individuell gestaltet und ihnen Namen gibt, erhebt sie diese zu Individuen. Die Nanas vollziehen allein durch ihre Präsenz das, was Frauen lange Zeit verwehrt war: Sie nehmen Raum ein. Sie verstecken sich nicht, sondern zeigen sich in all ihren Formen und Farben. Der Blick von außen kann ihnen nichts anhaben, sie sind nicht da, um zu gefallen. Sie stehen für sich selbst. Sie sind laut, auffällig und ausdrucksstark.
In der Ausstellung finden sich auch Antithesen dieses positiven Frauenbildes. So in „Geburt (Studie für King Kong)“ von 1963. Darin schafft die Künstlerin aus Gips und diversen Objekten ein Relief eines weiblichen Körpers. Der Inhalt einer grotesken Spielzeugkiste wurde darauf geleert: Puppen und Plastiksoldaten liegen neben Totenköpfen und Pistolen. Im Gegensatz zu den raumgreifenden Nanas ist dieser Körper grau, flach und leblos. Die Schlachten, die auf dem Körper einer Frau ausgetragen werden, haben ihm jede Lebensenergie geraubt. Der Kopf erstarrt zu einer Totenmaske mit leeren Augenhöhlen.
Eine weitere Antithese bilden die „Verschlingenden Mütter“. Niki, die selbst eine schwierige Beziehung zu ihrer Mutter hatte, zeigt die Mütter in absurden Alltagsszenen. Bei einem Kaffeekränzchen werden ein Baby und ein Krokodil statt Kaffee und Kuchen serviert. Obwohl die Mütter aufgemalte Gesichter haben, fehlt ihnen Individualität. Ihre Augen blicken ins Leere. Auf ihren faltigen Gesichtern liegt der Ausdruck des Missmuts und der Resignation. Sie muten trotz ihrer Rundungen eckig an, sind flach und unterdrückt. Sie tanzen nicht durchs Leben wie die Nanas, sondern sind in der Tristesse eines grauen, bürgerlichen Lebens erstarrt.
Im Werk von Niki de Saint Phalle stehen das Helle und das Dunkle nebeneinander. Sie sind Teil eines Ganzen. Koexistieren. Obwohl die Ausstellung von ernsten Themen durchzogen ist, verlässt man sie mit einem Gefühl der Stärke. Das ist Nikis transformierender Kraft im Umgang mit ihren Erfahrungen zu verdanken. Es sind nicht nur weibliche Erfahrungen, es sind menschliche Erfahrungen – Traumata, Unterdrückung, strukturelle Ungleichheiten. Doch anstatt anzuprangern, ermächtigt Niki. Sie zeigt, wie man individuelle Wut in Selbstwirksamkeit umwandeln kann. Die Ausstellung liest sich wie eine psychologische Entwicklung, an deren Höhepunkt Individualität, Stärke und Ausdruck mächtigere Waffen sind als ein Schuss. Niki selbst sagte, sie umarme die Kunst als ihre Erlösung und Notwendigkeit.
Niki de Saint Phalle: DREAM MACHINE
bis 7. Februar 2027 im Kunstpalast Düsseldorf.
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