Wie gehen wir mit Fotografien von Menschen um, die nicht mehr leben? Welche Rolle spielen Bilder für unser Erinnern, und was geschieht, wenn es genau diese Bilder nicht gibt? Diesen Fragen nähert sich der Choreograf und Tänzer Darko Radosavljev in seinem Solo There is no picture of my parents and me (until there was), das am 29. Mai im tanzhaus nrw Premiere feiern wird.
Ausgehend von einer persönlichen Geschichte, dem frühen Tod seiner Eltern, entwickelt Radosavljev eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Erinnerung, Abwesenheit und der Rolle, die Bilder und Fotografien darin spielen. Geboren in Serbien, lebt und arbeitet er heute in Essen und Berlin. Seine künstlerische Ausbildung erhielt er an der Folkwang Universität der Künste sowie bei P.A.R.T.S., zwei Institutionen, die für ihre prägende Rolle im zeitgenössischen Tanz bekannt sind. Im Zentrum des Stücks steht das Fehlen eines gemeinsamen Fotos mit den eigenen Eltern. Was bedeutet es für das eigene Selbstbild, wenn ein solches visuelles Zeugnis nie existiert hat? Welche Spuren hinterlässt diese Leerstelle im Körper, dem Ort, an dem sich Erinnerungen über den Verlauf des Lebens fortwährend einschreiben? Radosavljev nutzt Projektionen und fotografische Bilder als choreografisches Material. Auf der Bühne tritt sein Körper in einen Dialog mit den umgebenden Bildern: Er nähert sich ihnen an, verschwindet hinter ihnen oder tritt aus ihnen hervor. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen physischer Präsenz, Repräsentation und Erinnerung. Zwischen dem, was sichtbar ist, und dem, was fehlt.
Das Stück öffnet einen Reflexionsraum über die Funktion von Bildern: Welche Geschichten erzählen sie? Welche bleiben unsichtbar? Und welche Intentionen stecken hinter der Entscheidung, sich auf eine bestimmte Weise darzustellen? Kleidung, Pose, Bildausschnitt. All diese Elemente formen ein Bild nach außen. Doch wie lassen sich diese Entscheidungen im Nachhinein lesen, wenn die abgebildete Person nicht mehr befragt werden kann? Im Verlauf der Performance entwickelt sich kein einzelnes, abgeschlossenes Bild, sondern ein sich ständig veränderndes Gefüge. Radosavljev selbst, aber auch die Zuschauer*innen werden Teil eines imaginierten Familienbildes, das sich immer wieder neu zusammensetzt. Anstelle der Suche nach dem einen fehlenden Foto entsteht ein vielstimmiges, bewegliches Erinnerungsbild.
There is no picture of my parents and me (until there was) ist damit mehr als eine persönliche Spurensuche. Es ist eine choreografische Untersuchung darüber, wie Identität, Zugehörigkeit und Geschlecht performativ hergestellt werden und wie eng diese Prozesse mit Bildern verknüpft sind. In der Verbindung von Körper, Projektion und Publikum entsteht ein poetischer Raum, der dazu einlädt, die eigene Beziehung zu Erinnerung, Familie und körperlicher Präsenz neu zu befragen.
Erlebe Tanz in Düsseldorf: www.tanzhaus-nrw.de

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