Im Juni widmen sich am tanzhaus nrw gleich zwei Produktionen der Frage, wie Körper durch Bewegung miteinander in Beziehung treten.
Glitzerndes Dauerlächeln, perfekt synchronisierte Bewegungen, ultrakurze Tanzmomente: Wer mit italienischem TV in den 90er- und 2000er-Jahren aufgewachsen ist, kennt die ‚Veline‘. Mit veline repertoire, welches das tanzhaus nrw am 12. und 13. Juni zeigt, verwandelt die Choreografin und Performerin Gaia Pellegrini das ikonische TV-Showgirl-Duo in den Ausgangspunkt einer queeren, sinnlichen und überraschend intimen Bühnenarbeit – irgendwo zwischen Revue, Archivarbeit und lesbischer Romanze.
Ausgangspunkt des Stücks sind die sogenannten ‚Stacchetti‘: 30-sekündige Tanz-Intermezzi voller Energie, Glamour und überzeichneter Weiblichkeit. Pellegrini hat diese Choreografien recherchiert, rekonstruiert und choreografisch neu befragt. Denn die Kamera interessiert sich hier nie wirklich für den Tanz, sie stellt die Körper aus. „Ich musste Lücken erfinden und ergänzen“, erzählt Pellegrini im Gespräch über ihre Recherche. Aus Erinnerung, Fantasie und Archivmaterial entstand so eine eigene choreografische Sprache. Dabei geht es nicht um Wiederholung, sondern um Aneignung und Verschiebung. Was passiert, wenn dieselben Gesten plötzlich nicht mehr für den heterosexuellen ‚männlichen Blick‘ performt werden, sondern füreinander? Wenn aus kalkulierter TV-Verführung echte Nähe entsteht?
Pellegrinis Arbeit kreist bereits seit einiger Zeit um italienische Fernsehbilder der Berlusconi-Ära und deren Einfluss auf Vorstellungen von Gender. Die hyperfemininen Codes dieser Zeit dekonstruiert sie jedoch nicht mit Distanz oder Ironie. Sie eignet sich deren Lust an Glamour und Erotik bewusst an. veline repertoire fragt: Kann Sinnlichkeit existieren, ohne Objektifizierung? Kann Sexualität sichtbar werden, ohne entmenschlicht zu werden? Gerade in der Spannung zwischen Unterhaltung und Kritik liegt die besondere Kraft des Stücks. Pellegrini interessiert sich ausdrücklich für Theater als sinnliche Erfahrung: für Arbeiten, die emotional berühren und körperlich spürbar bleiben. So entsteht ein Abend, der Camp, Showtanz und queere Zärtlichkeit miteinander verbindet – glamourös, verletzlich und politisch zugleich.
Ergänzt werden die zwei Vorstellungen am tanzhaus nrw durch ein umfangreiches Rahmenprogramm: Bereits am 7. Juni lädt Gaia Pellegrini gemeinsam mit Ley Akpinar zum Veline-Repertoire – Heels and Theatre Workshop ein. Der Workshop für alle ab 16 Jahren konzentriert sich auf die Rolle von Showtänzer*innen als Entertainer*innen.
Wer danach weiter in intensive Körper- und Beziehungschoreografien eintauchen möchte, kann am 14. Juni im Rahmen des Art:walk-Festivals mit Waterkind der Gruppe Land Before Time ein Duett ganz anderer Art erleben. In der 30-minütigen Performance steht das Zusammenspiel zweier Körper im Zentrum, ohne dass diese je direkten physischen Kontakt aufnehmen. Freestyle- und Popping-Elemente fließen ineinander wie Wasserbewegungen – ein meditativer Sog zwischen Nähe, Empfänglichkeit und Raum.
Erlebe Tanz in Düsseldorf: www.tanzhaus-nrw.de

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