Was ist das? Gewiss keine Science–Fiction (obwohl es danach aussieht und eine Verfilmung von 2018 genau das unterstellt), es ist kein Gedichtzyklus oder Versepos (obwohl es mit 103 „Gesängen“ und Versen aufwartet), und es ist erst recht kein Roman oder sonst etwas aus dem Bereich der Prosa. In einem Wort: hier wäre überhaupt keine literarische Kategorie zu benennen, um dieses Werk eindeutig zu klassifizieren, das Buch fällt aus dem Rahmen gängiger Zuordnungen und richtet sich – Achtung: Spoiler – eher an fortgeschrittene Leser oder sagen wir an solche, die bereit sind, sich auf ungewohntes Terrain vorzuwagen.
Der Schwede Harry Martinson (1904–1978) spielte dieses Werk lapidar als ein „Fantasieprodukt“ herunter. Martinson debütierte 1929 mit einem Gedichtband, worauf Erzählungen und Romane folgten, denen allen eine spirituelle Grundierung gemein war. Höhepunkt seiner Karriere war die Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 1974 – was heute vermutlich keiner (mehr) weiß.
Worum also geht es? Ein Erzähler beziehungsweise, um im Kontext zu bleiben, ein „Sänger“, berichtet aus einem riesigen Raumschiff, der titelgebenden „Aniara“, in dem tausende Menschen zusammengepfercht sind. Man erfährt von einem Exodus aufgrund einer auf der Erde stattgefundenen atomaren Katastrophe (das Buch stammt übrigens aus dem Jahr 1956), das Schiff ist unterwegs in Richtung Mars. Als „Mima“, eine Art Super–Bordcomputer, ausgestattet mit einem riesigen, allseits zugänglichen Bildschirm, ausfällt, gerät die Raumfähre außer Kurs. Fortan manövrierunfähig, bewegt sie sich in den unendlichen Raum hinein, zunächst auf das Sternbild der Leier zu, wobei derartige Zuordnungen bald keinen Sinn mehr ergeben. Interessant ist vielmehr, was an Bord geschieht: Da bilden sich heterogene Gruppen, ausweislich sogar Sekten, man versucht, der fatalen Situation etwas Sinnvolles entgegenzusetzen, etwa durch den Austausch von Gruppenerfahrungen, durch gemeinsamen Tanz und Sex („samt Priestern, Kruzifixen und Tempelglocken, Vulvakult und rufenden Yurginnen“). Indes versanden alle Hoffnungsmomente recht schnell, bald wissen alle an Bord um ihre Verlorenheit, es bricht eine „Zeit bitteren Elends“ an. Keine Odyssee mithin, eher eine „Hadesfahrt“, und zwar in einem „Sarkophag“ (mythologische wie religiöse Einsprengsel gibt es übrigens eine ganze Reihe) –:
„Die Ermüdungsschwelle des Bequemen/ war lange erreicht und überschritten,/ und wieder hieß es, leidend Trost zu nehmen,/ während wir in Sorgenbrand durch die Zeiten glitten.“
Zum Verständnis für den womöglich orientierungslosen Leser könnten Fantasy– oder SF–Filme natürlich herangezogen werden, wobei Kubricks „2001“ zwar naheliegend, die beiden „Solaris“–Verfilmungen von Tarkovsky beziehungsweise Soderbergh aber sinnvoller wären – weniger des Inhaltes, als der rätselhaften Atmosphäre wegen, auch aufgrund der ungelösten Fragen, der Fülle sonderbarer Erscheinungen und Leerstellen. Auf literarischer Ebene wäre wegen der morbid–poetischen Diktion sogar Paul Celan ein Stück weit Referenz, vielleicht auch E.M. Cioran, beide Autoren hier nur als vielleicht weiterführenden Hinweis erwähnt. Letztlich ist „Aniara“ einem existenzialistischen Drama näher als einer Dystopie. Auf formaler Ebene bliebe noch festzuhalten, dass Martinson mit allerlei Neologismen und Assoziationen spielt, was sich auch in der deutschen Übersetzung niederschlägt. Man spürt da, selbst wenn einige Reime eher „kreativ“ erscheinen, ein Bemühen um stimmungsvolle Lösungen. Letztlich also bietet Martinson für aufgeschlossene Leser eine einmalige Lektüreerfahrung, man könnte sogar sagen – etwas nie Dagelesenes.
Harry Martinson: Aniara. Aus dem Schwedischen von Lena Mareen Bruns. Guggolz Verlag, Berlin 2025, 180 S., 24.-€
aus biograph 04/2026

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