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Der indifferente Held

Die biograph Buchbesprechung von Thomas Laux

David Szalay hat Ende des vergangenen Jahres den renommierten Booker–Price erhalten für einen Roman, der fast zeitgleich in deutscher Übersetzung erschien; man hatte es wohl eilig im Verlag. Szalays Protagonist ist ein junger Mann, der von Beginn an einen leicht begriffsstutzigen Eindruck macht, der aber auch in der Folge seine Ungelenkigkeit nicht ablegt, sie eher zu kultivieren scheint. Vielleicht, so denkt man (wohlwollend zunächst), kann er ja nicht anders, und womöglich legt es Szalay auf eine originelle Charakterzeichnung an. In der Weise könnte man zu Anfang an Camus‘ Klassiker, „Der Fremde“, erinnert sein, jenen Meursault, der alles, was ihm passiert, in denkwürdiger Gleichgültigkeit zur Kenntnis nimmt und, wenn überhaupt, das ihm Widerfahrene versponnen–einsilbig kommentiert. Aber, um es gleich zu sagen, die existenzielle Klasse oder überhaupt das markante Anti–Profil eines Meursault hat Szalays Held nicht. Für István ist alles irgendwie „okay“, und genau das sagt er immer wieder. Man hat den Eindruck, er möchte vor allem seine Ruhe haben. Doch die lässt man ihm nicht, schon gar nicht in sexueller Hinsicht.
István lebt zu Beginn mit seiner Mutter in einem Plattenbau irgendwo in Ungarn, ist 15 Jahre alt, hat kaum soziale Kontakte, sodass ein fürsorglicher Freund ihm ein zu allem bereites Mädchen vermittelt, eins, das sich seiner „annehmen“ soll, doch die junge Frau lehnt ihn ab, please no sex, gibt sie zu verstehen, du bist mir nicht interessant genug. Stattdessen verführt ihn die Mieterin von der Wohnung gegenüber, eine ältere Frau, für die er Einkäufe erledigt und die sich auf diese Weise sozusagen bei ihm „bedankt“. Die Sexszenen sind übrigens ziemlich explizit, man fragt sich bereits (und in der Folge desöfteren), ob ein derart voyeuristisch angelegter Blick in seiner Eindeutigkeit wirklich sein muss.
Drama aber muss sein. Als István sich mit dem Mann seiner „Geliebten“ im Treppenhaus rangelt, dieser dann die Treppe hinunterfällt und sogar stirbt, gelangt István, obwohl die Schuld nicht vollends geklärt erscheint, für ein paar Jahre in eine Jugendstrafanstalt, über die man nichts weiter erfährt. Irgendwann ist er halt wieder draußen und verdingt sich mit Botenjobs, dabei geht es um den Transport von Drogen. Erneut fällt auf, wie Szalay das zu Erzählende nonchalant verkürzt; über Istváns Kumpel Ödön heißt es etwa „(…) immerhin sind sie befreundet und so weiter“. Dinge genauer auszuformulieren scheint Szalay keinen Spaß zu machen.
Dann sehen wir István bei der Armee, er ist in Kuwait und im Irak stationiert, gelangt zurück nach Ungarn, wo er kurzzeitig auf einem Weingut arbeitet, bevor es für ihn nach London geht, wo er sich als Angestellter einer „Security“ für einen Sex–Club verdingt. Als er einem Mann, der nachts vor diesem zwielichtigen Etablissement zusammengeschlagen wird, das Leben rettet, stellt dieser ihn gleich als seinen persönlichen Bodyguard ein; er wird fortan besser bezahlt, tritt in Anzug und Krawatte auf, ist bestens versorgt. Es passieren ihm noch eine Reihe anderer (unglaubwürdiger) Dinge, Drama ist wieder dabei, vor allem aber gelangt er in „höhere“ Kreise, speist mit Ministern, präsentiert großartige Projekte, ist irgendwann sogar Familienvater. Doch der emotionslose und unreife István bleibt uns erhalten, keinerlei Entwicklung ist von irgendwoher erkennbar.
Bleibt die Frage, warum das Buch hoch dekoriert und fast durch die Bank gut rezensiert wurde, von „verstockter Männlichkeit“ war u.a. (und zwar lobend) die Rede. Es bleibt die schlichte Erkenntnis: Für eine derart unterkomplex agierende Figur geht zu viel Lese– bzw. Lebenszeit verloren.
David Szalay: Was nicht gesagt werden kann. Roman. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Claassen Verlag, Berlin 2025, 381 S., 25.-€

aus biograph 03/2026

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