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Leutselige Loser

Die biograph Buchbesprechung von Thomas Laux

Dass David Wojnarowicz vor seiner Laufbahn als Fotograf, Regisseur  und Maler eine sogenannte „Straßenkarriere“ hingelegt hatte, merkt man den in diesem Band gesammelten Anekdoten (den ersten auf Deutsch) unverzüglich an. Seine Geschichten sind gerne, aber nicht nur, im urbanen Bereich angesiedelt, etwa in New York, in den zwielichtigen Nischen des Times Square. Wir begegnen allerlei halbseidenen Figuren, Ex–Knastis, Tramps, Strichern, Hobos („Homeless boys“), die meisten von ihnen sind drogen– oder alkoholabhängig. Auffallend redselig erzählen sie aus ihrem antibürgerlichem Leben oder genauer: dem facettenreichen Überleben auf der Straße. Rasch entwickeln sich zugespitzte, durchaus mit eine originellen Pointe versehene, bisweilen auch komische Erlebnisberichte. Immer wieder spielt Gewalt mit hinein, nicht nur in Form sogenannter „Staatsgewalt“ (vulgo: prügelnder Polizisten), sondern auch innerhalb der jeweiligen peer–group. Dabei verbindet die einzelnen Geschichten trotz ähnlich gelagerter Thematik kein inneres Band, weswegen die dem Buch aufgeklebte Genrebezeichnung „Roman“ nicht zutrifft.
Wojnarowicz starb 1992 mit nur 37 Jahren an Aids, ein Schicksal, das viele Schriftsteller und Künstler gerade in den 1980–ern und frühen 90–ern ereilte – erinnert sei etwa nur an den Franzosen Hervé Guibert, der seinerzeit vor allem mit seiner „Aids–Trilogie“ (Guibert starb im Übrigen fast gleichaltrig wie Wojnarowicz) auch hierzulande bekannt wurde. Gemeinsamer Ausgangspunkt dieser Autoren, eine ganze Reihe wäre zu nennen, ist der jederzeit risikobereite Input des eigenen Lebens, einer, der sich in ihrer Literatur nachhaltig manifestiert hat.
Ein zentraler Ausgangspunkt liegt hier in der sexuellen Orientierung der Figuren, ihrem offen vorgetragenen Schwulsein, was die erzählerische Bandbreite zunächst einzuengen droht. Doch die Dinge verlaufen differenzierter: Immer wieder kommt es zu tragischen oder tragikomischen, bisweilen auch gefährlichen Situationen, die, diametral zur Dramatik, in einer lässigen, fast schnoddrigen Sprache vorgetragen werden. Fast drollig erscheint die Kurzstory „Mann in einem Kino in Portland“, wo eine geschlechtliche Verwechslung seltsame Entwicklungen zeitigt. Wojnarowicz‘ mittellose und körperlich angeschlagene Figuren sind grundsätzlich auf schnellen Sex aus (auf ihre hyperaktive Libido scheint dabei stets Verlass), was allerdings auch dazu führt, dass sie, relativ unkontrolliert aufgestellt, nicht gerade Herr der Situation sind.
Ihr prekäres Selbstbewusstsein demonstrieren sie allen Rückschlägen zum Trotz. Schräg oder auch pervers erscheinen aus dieser Perspektive eher die anderen, die flüchtigen Kontakte, die pathologischen Fälle, selbsterklärte „Sklaven“ etwa, denen es nicht (mehr) um Lust am Sex geht; bei gewissen Täter–Opfer–Inszenierungen tun sich Grenzen auf, man fühlt sich schon mal an die berühmte Sado–Maso–Kellerszene aus „Pulp fiction“ erinnert.
Die für mich schönste Geschichte heißt „Boy in einem Trailer Park“, man folgt einem harmlosen, fast schüchtern verlaufenden Kontakt. Jäh entstehen Leerläufe, retardierende Momente, dem Erzähler bleibt sogar Zeit für die Betrachtung eines Sonnenuntergangs. Zudem ist kein Anflug von Gewalt zu verzeichnen, stattdessen auffallende Zurückhaltung –: der Bettpartner des Erzählers ist ein älterer Mann, Lehrer von Beruf, offenbar eine Person in Amt und Würden. Scheu wie er ist, traut er sich kaum zur bevorstehenden sexuellen Grenzüberschreitung. Stattdessen Momente existenzieller Melancholie und Poesie, ein deutlicher Kontrast zu den anderen, vergleichsweise kruden Begegnungen gelebter Schicksalhaftigkeit.
David Wojnarowicz: Waterfront Journals. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Marcus Gärtner. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, 187 S., 23.-€

aus biograph 05/2026

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