In den neuen Erzählungen des Schweizers Peter Stamm scheint sich ein Topos besonders in den Vordergrund zu spielen: Stets hat man es mit auffallend leisen, zumeist im Verborgenen operierenden oder reflektierenden Figuren zu tun, die ihr distanziertes Verhältnis zur Außenwelt weniger erklären, als dass sie es allein durch ihr Verhalten ein Stück weit sichtbar machen. Sie ähneln verinselten Monaden – wie der Welt entrückt.
So in der Geschichte „Elins Äpfel“. Die Erzählerin Daniela stoppt ihren Wagen irgendwo an einem Verkaufsstand. Aus einem primitiven Verschlag taucht eine junge Verkäuferin auf, Elin, anscheinend lebt sie hier, hat einen Garten, aus dem sie die Früchte zieht. Daniela kauft ein paar Äpfel, für die Bezahlung tun sich beide Frauen auffallend schwer, was kurze Irritationen nach sich zieht. Der kleine Vorfall geht Daniela nicht aus dem Kopf, weshalb sie zweimal wiederkommt. Beim ersten Mal scheint Elin zu schlafen, Daniela stört sie nicht, beim zweiten Mal ist sie nicht mehr da, Daniela begutachtet den schlichten Garten, fühlt sich seltsam heimisch und geborgen. Sie entscheidet, so lange zu bleiben, bis jemand kommt und ihren Platz einnimmt.
Noch deutlicher wird in „Mars“ eine Vereinsamung gezeigt, die aus freien Stücken geschieht, da gibt es keine soziale oder psychische Schieflage im Vorfeld, alles beruht auf einer klaren Entscheidung, und die geht so: Laurin will zum Mars, nicht sofort, aber irgendwann. Vorläufig geht es ihm um verschärftes Training, um die körperlich–mentale Simulation des Fluges (wir sind ja nicht bei Elon Musk), tatsächlich will er sich sechs Monate lang isolieren. Als er im Keller des Hauses eine Kapsel samt Klo installiert, sein ganzes Essen nur aus einem Haufen Weckgläsern fischt, verhalten sich seine Eltern erstaunlich kooperativ und machen das Spiel mit. Nach etwa 120 Tagen gelüstet es Laurin dennoch nach frischer Nahrung, sein Vater legt ihm einen Apfel vor die Außenwand, der allerdings bleibt unberührt. Schließlich befreit der Vater ihn, und Laurin zeigt sich sogar froh über die Rettung.
In der Erzählung „Wintern“ befindet sich ein Mann allein auf einem Gletscher irgendwo in den Schweizer Alpen. Beflissen notiert er Gletscherschmelze, Niederschläge, misst Temperaturen und Sonnenscheindauer: „Jemand muss doch bleiben. Ein Zeuge. Sonst wäre alles vergeblich.“ Der Mann scheint mit allem abgeschlossen zu haben: „Niemand wird mich vermissen, am wenigsten ich mich selbst. Ob das Eis kommt oder ob es zurückgeht, es ist einerlei.“ Plötzlich fällt ihm Charles Trenets berühmtes Chanson „La Mer“ ein und er entscheidet, schnurstracks loszugehen Richtung Süden, Richtung Meer, es dürften 600 Kilometer sein – „Ich wende mich nach Westen und lasse alles hinter mir.“
Stamm beschreibt eigenwillige Naturen in ihren einsamen Entscheidungen. Ein gestörtes Verhältnis zur Außenwelt scheint eine notwendige Voraussetzung für sie zu sein, wobei man nicht weiß, was wem vorausgeht: Sind sie einsam, weil sie neurotisch gestört sind oder sind sie gestört, weil sie einsam sind? In „Lieke schreibt…“ findet sich ein Skilehrer aus den Alpen in der Skihalle von Neuss wieder, wo er eine holländische Frauengruppe trainiert; mit einer von ihnen scheint sich etwas Intimeres anzubahnen, doch torpedieren vage Sehnsüchte und Überspanntheiten (nebst digitaler Überforderung) eine wie auch immer erhoffte Zusammenkunft, die Figuren stehen sich eher selbst im Wege.
Stilistisch bleibt Stamm sich in allen Erzählungen treu, mit feinen Haken und Fragezeichen, gesetzt, um Raum für Fantasie und Spekulation zu lassen. Seine ungewöhnlichen Protagonisten bleiben einem lange im Gedächtnis.
Peter Stamm: Auf ganz dünnem Eis. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2025, 191 S., 24.-€
aus biograph 02/2026

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