Die zwölf neuen Erzählungen T. C. Boyles bieten eine Palette hintergründiger Unterhaltung mit deutlichem Gegenwartsbezug. Man spürt, dass der Mann an den (Ausfall–) Erscheinungen unserer Epoche laboriert, dass ihn jene Veränderungen umtreiben, die klimatisch (ohnehin sein Thema) oder gesellschaftlich–politisch (Stichwort Trump) bedeutsam sind. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität ist dabei kaum noch zu ziehen.
In der Erzählung „Kalter Sommer“ entwirft Boyle eine, zumindest auf den ersten Blick, noch etwas entferntere Dystopie, denn da zeigt sich der Alltag gleich komplett auf den Kopf gestellt: Mitten im Juli fällt Schnee und der Erzähler muss erleben, wie sein energieautarkes Haus den Geist aufgibt (weil: ohne Sonne kein Strom). Doch was ist los mit der Sonne? Ein durchgeknallter Milliardär hat sich im Vorfeld einen Spaß daraus gemacht, Schwefelsäure in die Atmosphäre zu sprühen, woraufhin die Erde verschattete und kein Licht mehr durchließ. Nun verunglückt seine Frau auf spiegelglatter Straße mit dem Fahrrad, und er wiederum versucht, bei den nächsten Nachbarn, die allerdings weit weg wohnen, Hilfe zu holen. Doch die leben in einer abgeschotteten Welt, er darf dort nicht einmal sein Handy aufladen. Dann kriegt er kein Taxi, einzig ein Barmann bietet sich an, ihn gegen einen hohen Preis zurückzubringen – er ist einer jener Profiteure, denen die Not anderer gerade recht kommt.
Eigeninteresse gepaart mit übergriffigem Verhalten, das ist ein klares Muster der Erzählungen, zeigt sich auch in “Schutzgebiet“, wo zwei zwielichtige Frauengestalten, angeblich vom FBI und von der reaktionären „MAGA“–Bewegung (das Käppi weist sie aus), in einem Reservoir für Schmetterlinge aufschlagen. Sie dringen arg ruppig dort ein, um hier, an der Grenze zu Mexiko, angeblichem Drogenhandel und Kindermissbrauch auf die Spur zu kommen. Doch das stellt sich als bloßer Vorwand ihrer Propagandaabsichten heraus. Die für das Reservoir zuständige Frau lässt sich nicht beirren und weist sie ab. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, bis die beiden Eindringlinge einen Scherbenhaufen hinterlassend wieder abziehen. Gewalt liegt ständig in der Luft, ist ebenfalls, wenn auch nur indirekt, Thema der Geschichte „Ich rate zu Kunstfaser“: Zwei Elternpaare diskutieren darüber, wie sinnvoll der Einbau von Stahlplatten in Kinderrucksäcke ist (damit die Kleinen gegen einen eventuellen Amoklauf an der Schule ein Stück weit geschützt sind). Als Leser gerät man ins Grübeln, über welch bizarren Abgründe man sich überhaupt noch mokieren oder empören möchte.
„2036“ kommt dagegen schon weniger dystopisch daher, eher leicht zynisch: Ohne Vorwarnung wird dem Erzähler von Regierungsbeamten Pass und Führerschein eingezogen und vor seinen Augen geschreddert, später bringt man ihn zur “politischen Resozialisierung“ in eine Anstalt. Verbrochen hat er nichts, er unterliegt schlicht der Willkür der Behörden. Im Knast wird er einer Art Gehirnwäsche unterzogen, die insofern freiwillig ist, als ihm lediglich „angeraten“ wird, die gesammelten Reden des Präsidenten, zusammengeführt in einem Schuber, auswendigzulernen, was seine Chance erhöhe, nach einer abschließenden Prüfung sogleich wieder freizukommen. Unser Held erweist sich als eifriger Schüler, denunziert andere und kommt tatsächlich vorzeitig auf freien Fuß, kriegt einen neuen Führerschein und eine Gehaltserhöhung steht ihm auch noch zu. Alles erscheint möglich in diesem kranken, deregulierten Amerika, Boyle liefert uns bedrückendes Anschauungsmaterial.
T. C. Boyle: Das Ende ist nur ein Anfang. Storys. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2026, 237 S., 25.-€
aus biograph 11/2026

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