Sollte jemand außerhalb seines eigenen Erfahrungsbereichs mehr über die dramatischen Facetten von Verliebtheit erfahren wollen, dann wäre der– oder diejenige mit dem neuen Roman von Emy Koopman bestens bedient: Man staunt, welch reichhaltiges Programm an psychologischen Kniffligkeiten, kommunikativen Untiefen und überraschenden Volten einem hier vorgelegt wird. Schonungslos ehrlich geht die Niederländerin vor und lässt den Leser tief in eine verstörte Seele blicken.
Die Erzählerin dieses Romans, wohl nicht zufällig auf denselben Namen hörend wie die Autorin, ist als Journalistin in Québec mit ihrem Kollegen A (tatsächlich ist er stets nur mit diesem Buchstaben genannt), einem Frankokanadier, unterwegs. Es knistert und funkt zwischen den Beiden, zunächst diffus und mehr von ihrer Seite aus. Aber man sieht sogleich, dass speziell bei ihr etwas durcheinander geraten ist, früh sucht sie den Körperkontakt zu ihm über flüchtige Berührungen. Eine Wetterkapriole verleiht der Sache den nötigen Kick: Ein Schneesturm verhindert die angedachte Weiterfahrt, sodass sie die Nacht im Hotel (das sinnigerweise nur noch über ein einziges freies Zimmer verfügt) verbringen müssen. Ach ja: Beide befinden sich in festen Beziehungen, was, so der Konsens, nicht in Frage gestellt werden soll, man will sich in der Nacht also nicht allzu nahe kommen (wobei gerade Emy sich im späteren Verlauf als offen promiskuitiv zeigt; andere Männer sind bei ihr durchaus kein Tabu). Das für die Nacht ausgegebene Gebot beschreibt ein moralisch postuliertes Minimum, erscheint letztlich aber als Muster ohne Wert, fast zwangsläufig kommt es zu Umarmungen unter der Bettdecke. Mehr passiert nicht, obwohl Emy gesteht, „heiß“ zu sein. Irgendwie wähnt man sich hier bereits wie in einer vertrackten Komödie von Eric Rohmer, wo die Komplikationen erst beginnen, wenn alles geklärt zu sein scheint.
Fortan erlebt man Emy wie eine Sklavin ihrer wild pulsierenden Gefühle, etwa, wenn sie über E–mail oder WhatsApp eine Kontaktaufnahme herzustellen versucht. Doch A entzieht sich ihr, antwortet, wenn überhaupt, zurückhaltend oder kryptisch. Das Ungleichgewicht im gezeigten Liebesinput gerät zur Geduldsprobe. Bisweilen sucht sie dann Trost in der Literatur, bei Liebesexperten wie Milan Kundera, Georges Bataille oder Toni Morrison; ihre Belesenheit, mitunter etwas zu deutlich vorgetragen, bringt sie allerdings auch nicht weiter.
Beide Protagonisten verbergen ihrem jeweiligen Partner im Übrigen nichts, im Gegenteil, die werden sogar aktiv mit einbezogen. Emys Freund Johannes, ein Deutscher, zeigt sich jederzeit cool und souverän, doch selbst Charlotte, die Freundin As, kann sich nach anfänglicher Zurückhaltung als faire Mitspielerin profilieren. Einzig Emy sieht sich immer wieder mit ihrer quälenden Uneindeutigkeit konfrontiert, und die ist deshalb so auffallend, weil es ihr nie direkt ums Begehren bzw. um Sex geht. Im Gegenteil, sie sucht eher über Triebverzicht (!) die Nähe zu ihm, sie möchte – man reibt sich die Augen – einzig seine Hand halten, spekuliert auf „eine Umarmung, die ein paar Sekunden dauert, ein Gespräch“. Indes: „Er berührt mich nicht. Er sagt nichts. Er starrt nur vor sich hin in die grüne Leere.“
Dieses mitunter grotesk anmutende Liebestheater beschreibt ein heilloses „Neben–der–Spur–Sein“, eine neurotische Störung, dazu braucht es keine Expertise. Man folgt der Geschichte zumeist ebenso amüsiert wie fassungslos. Kurioserweise denkt man lange Zeit, dass sie vielleicht doch noch gut ausgehen könnte.
Emy Koopman: Leichter Wahnsinn. Roman. Aus dem Niederländischen von Ruth Löbner. Weissbooks Verlagsgesellschaft, Berlin 2026, 493 S., 28.-€
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