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Verwirrende Nostalgie

Die biograph Buchbesprechung von Thomas Laux

Die belgische Schriftstellerin Amélie Nothomb hat sich in ihrem umfangreichen Werk mehrfach mit dem Land Japan beschäftigt, wofür in erster Linie persönliche Gründe verantwortlich sind: Dort ist sie geboren, dort hat sie ihre Kindheit verbracht, ihr Vater war neun Jahre lang Botschafter in Tokyo. Gleich mehrfach kehrte sie von Europa aus dorthin zurück. Sehr beeindruckend beschrieb sie etwa in „Mit Staunen und Zittern“, wie sie als 20–Jährige ein einjähriges Praktikum in einem japanischen Unternehmen absolvierte. Ihre dortigen Erfahrungen zeigten auf groteske Weise, wie naives westliches Goodwill–Denken mit östlicher Rigidität kollidierte. Nothomb unterschätzte vor allem das japanische Zeichensystem – die kulturellen Codizes, die Bedeutung landesüblicher Riten und Floskeln, was zur Folge hatte, dass sie in der Firma nicht nur keine Karriere machte, sondern sich ihr Abstieg beschleunigte (bis hin zur Degradierung als Klofrau). Die gesamte Unternehmung geriet zu einem einzigen Fiasko.
Womöglich liegt ist es an dieser alten Erfahrung, dass Nothomb 2023 auf die Einladung einer Fotografin, einer gewissen Pep, sie nach Japan zu begleiten, zunächst mit Panik reagiert. Zwar räumt sie eine grundlegende Faszination für das Land ein, doch Ungewissheiten und Zweifel haben sich nie aufgelöst. Immer wieder ist ihre Erzählung von einer auffälligen Ambivalenz durchdrungen, der Begeisterung auf der einen Seite steht eine komplette Verunsicherung andererseits gegenüber – was sich trotz noch ordentlich vorhandener Sprachkenntnisse wiederum in den Graubereichen der Kommunikation manifestiert.
Man darf ihr zugutehalten, dass sie authentisch erzählt und nichts von ihren wechselnden Gefühlen hinter dem Berg hält. Glaubhaft versichert sie, sich unvoreingenommen auf alles einzulassen. Aber kann das funktionieren, bei all der kritischen Erfahrung? Pep, die zum ersten Mal dort ist, hat es einfacher, sie zeigt sich dauerbegeistert. Sie spielt aber, keiner weiß warum, auch den Gegenpart zur Erzählerin, gibt ihr gerne kontra, ist schnippig, zeigt allerlei Überspanntheiten. Mitten in der Nacht etwa will sie das Hotel wechseln, weil sie Stimmen gehört hat, ein anderes Mal vermutet sie Bettmilben. Von Nothomb übrigens kein kritisches Wort dazu, man staunt, was sie sich alles gefallen lässt. Womöglich hat es damit zu tun, dass sie in ihrer eigenen Welt unterwegs und vollends mit der Sortierung ihrer Wahrnehmungen beschäftigt ist. Bei dem Versuch, ihre diffusen, aus Nostalgie und Erinnerungen gespeisten Emotionen unter Kontrolle zu bekommen, erfährt sie eine Regression: Plötzlich wähnt sie sich in ihre frühe Kindheit zurückversetzt, fühlt sich als 5–Jährige und glaubt, das Land wie beim ersten Mal zu erleben; im Zug fängt sie an zu heulen, weil sie ihr Ticket nicht finden kann. Es erscheint wie die Wiederholung eines Kindheitstraumas.
Zu den zwei unterschiedlichen Frauen, der zur Hysterie neigenden Pep und der wundersam an Nostalgie laborierenden Nothomb, gesellt sich später noch eine dritte Frau, Alice, wohl eine alte Bekannte, die schon lange dort lebt. Ihr besonnener Auftritt erweist sich als vorteilhaft gerade für Pep. Sie bietet der kapriziösen Frau an, die Nächte bei ihr zu verbringen, da sie die Hotelzimmer nun mal nicht verträgt. Für Nothomb gerät der Kurztrip nach Japan schließlich zu einer existenziellen Auseinandersetzung mit sich selbst, die Erfahrung fordert sie so weit, dass sie schließlich den „Rausch der (eigenen) Nichtigkeit“ empfindet und ihre immerzu beschworene Nostalgie als ein Scheitern. Ursprünglich dürfte das kaum so geplant gewesen sein.
Amélie Nothomb: Die unmögliche Rückkehr. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Diogenes Verlag, Zürich 2026, 132 S., 24.-€

aus biograph 08/2026

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