Nicht wenige Krimi–affine Leser sehen in ihm ihren ultimativen Meister: Ross Thomas (1926–1995) hat mit seinem halbseidenen Personal, den zwielichtigen Agenten, abgehalfterten Cops oder Ex–Cops und der damit zusammenhängenden Gemengelage aus Korruption, Halbwelt und Spionage unzweifelhaft einen eigenen Kriminalkosmos geschaffen.
Zum Abschluss der 25–bändigen Werkausgabe im Alexander Verlag geht es mit „Stimmenfang“ in den (fiktiven) afrikanischen Staat Albertia, wo die Briten als Kolonialmacht soeben abgezogen sind und Stammeshäuptlinge und diverse politische Newcomer sich anschicken, den an Bodenschätzen reichen Staat zu regieren oder besser: ihm habhaft zu werden. Peter Upshaw, seines Zeichens amerikanischer Redakteur und investigativer Journalist, ist beauftragt, zusammen mit einem gewissen Clinton Shartelle die Wahlkampagne zugunsten des demokratisch erscheinenden Sunday Akomolo zu unterstützen beziehungsweise anzuheizen – ihn also mit etwas Hilfe von außen letztlich ins Amt zu hieven. Upshaw soll das alles journalistisch begleiten, während Shartelle die Kontakte herstellt und die Werbekampagne leitet. Upshaw ist leicht erkennbar eine Spiegelung von Ross Thomas selbst, der in den 1960er–Jahren von Berufs wegen in Nigeria eine Wahlkampagne auf die Beine stellte und auch als PR–Berater des amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson in Erscheinung trat – man spürt das gebündelte Knowhow an Berufserfahrung quasi an jeder Stelle.
Atmosphärisch dicht, mit einem Ambiente, das mit der schwelenden Drohung eines Aufruhrs auch noch eine Portion anarchischer Unsicherheit transportiert, wird die Kampagne professionell, beinahe technisch angegangen – mit Werbeflyern, Fächern oder Buttons für die jubelnden Massen, mit Auftritten in den einzelnen Provinzen, kurzum, mit viel Brimborium. Sinnigerweise hat eine konkurrierende Agentur sich vorgenommen, ausgerechnet die politische Gegenseite zu unterstützen, was der Unternehmung weitere Dynamik verleiht. Bald erscheint kein Mittel zu schmutzig, keine Möglichkeit, die Opposition zu deskreditieren, zu abstrus; so werden bezahlte Überläufer sowie Schlägertrupps eingesetzt, und irgendwann muss auch ein Polizei–Captain dran glauben. Das volle Programm der Korruption wird hier locker–flockig abgespult.
Wie eigentlich immer bei Ross Thomas fallen die knappen Dialogpartien auf, nichts wird zerredet, schnöder Small Talk ist tabu. Aufhorchen lassen seltsam aktuell wirkende Sätze wie: „Wir könnten in den USA einen wohlwollenden Diktator gebrauchen“. Freilich führt die Genrebezeichnung „Thriller“ wie auch bei dem vorletzten Roman, „Die Narren sind auf unserer Seite“, Nummer 24 der Werkausgabe, hier etwas in die Irre, die Spannung bleibt jederzeit wohldosiert. Letztgenannte Geschichte aus der intriganten Welt zwielichtiger Agenten erscheint etwas komplexer, weil der Protagonist Lucifer Dye (nomen est omen) hier gleich als Dreifachagent und unverhohlener agent provocateur aufschlägt. Man registriert die typischen Ingredienzien eines fährtenreichen Polit–Krimis mit jäh eingespielten Volten. Markante Eigenheiten der Charakterzeichnung (Tics, Spleens, Exzentrik) geben der Sache Pfeffer, zudem wird die über dem Geschehen schwelende Ambivalenz wahlweise durch leise Ironie oder Sarkasmus des Ich–Erzählers (Dye) konterkariert. Politische Korrektheit sollte man bei Ross Thomas nicht erwarten, was sich beispielsweise dann zeigt, wenn von „Niggertown“ oder ähnlich sanktionierten „No–Gos“ die Rede ist. Thomas‘ Krimis spielen in einer anderen Zeit, aber das kann einem egal sein.
Ross Thomas: Stimmenfang. Ein afrikanischer Wahlkampf. Aus dem amerikanischen Englisch von Gisbert Haefs. Alexander Verlag, Berlin 2025, 421 S., 18.-€. – Die Narren sind auf unserer Seite. Üb.: Gisbert Haefs und Julian Haefs. 2024, 580 S., 20.-€.
aus biograph 06/2026

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