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Die 76. Internationalen Filmfestspiele von Venedig

Ein Festivalbericht von Kalle Somnitz, Silvia Bahl und Anne Wotschke

Zum ersten Male seit 2013 eröffnete heuer das Festival nicht mit einem amerikanischen Film. Hirokazu Kore-eda, der noch im letzten Jahr in Cannes die Goldene Palme für SHOPLIFTERS holte, hatte die Ehre, seinen neuen Film THE TRUTH vorstellen zu dürfen. Es ist sein erster Film außerhalb Japans in einer für ihn fremden Sprache gedreht und geht mit seiner illustren Besetzung schon fast als europäischer Film durch. Catherine Deneuve spielt hier Fabienne, eine französische Filmdiva, die an ihren Memoiren schreibt, es aber mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt und sich insbesondere als liebevolle Mutter darstellt. Damit zieht sie sich den Zorn ihrer Tochter (Juliette Binoche) zu, die als Kind stets vernachlässigt wurde. Kore-eda macht es sichtbar Spaß, mit den beiden französischen Filmdiven zu arbeiten, bleibt aber thematisch an der Oberfläche. Seine Frage, ob Wahrheit oder Lüge den besseren Zusammenhalt für eine Familie gewährleistet, erscheint da eher suggestiv und sein Film eher wie eine typische französische Boulevardkomödie.

Ein gern gesehener Gast auf dem Lido ist Roy Andersson, der bereits 2014 für seinen Film „EINE TAUBE SITZT AUF EINEM ZWEIG UND DENKT ÜBER DAS LEBEN NACH" mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Mit ÜBER DIE UNENDLICHLICHKEIT fügt er seinem filmischen Schaffen ein neues Meisterwerk hinzu, ein filmisches Nachdenken über das menschliche Leben in all seiner Schönheit und Grausamkeit, seiner Pracht und seiner Einfachheit. Ein unverzagter Erzähler nimmt uns hier an die Hand und lässt uns traumgleich umherschweifen. Scheinbar nichtige Augenblicke verdichten sich zu intensiven Zeit-Bildern und stehen auf Augenhöhe mit historischen Ereignissen. ÜBER DIE UNENDLICHLICHKEIT ist sowohl Ode als auch Klage, ein Kaleidoskop all dessen, was ewig menschlich ist, eine unendliche Geschichte über die Verletzlichkeit unserer Existenz.
Roman Polanski wurde zurecht mit einem Silbernen Löwen für seine Verfilmung der Dreyfuss-Affäre AN OFFICER AND A SPY nach dem gleichnamigen Roman von Robert Harris geehrt. Im Januar 1895 wurde der französische Hauptmann Alfred Dreyfus aufgrund von Fälschungen wegen angeblicher Spionage degradiert und zu lebenslanger Haft auf der Teufelsinsel verurteilt. Als danach die Spionageakte nicht aufhörten, stellte sich bei einer erneuten Untersuchung seine Unschuld heraus. Wir folgen den Ermittlungen des Spionageabwehr-Offiziers Georges Picquart (Jean Dujardin), der Dreyfuss erst zu Fall gebracht und dann seine Unschuld bewiesen hat und dabei in ein gefährliches Labyrinth aus Betrug und Korruption geriet. Polanski macht daraus eine Geschichtsstunde von erstaunlicher Aktualität, die in Venedig einstimmige Anerkennung fand. Entsprechend stolz nahm seine Frau Emmanuelle Seigner seinen Silbernen Löwen für den Großen Preis der Jury entgegen.
Trotz eines insgesamt starken Wettbewerbs gab es einen Film, der alle anderen deutlich überragte. Kein anderer kam auch nur annähernd an ihn heran und das sowohl erzählerisch, visuell, vom Art Design, als auch von der Musik und ganz besonders der schauspielerischen Leistung her. Joaquin Phoenix läuft in JOKER von Todd Phillips zur Höchstform auf und setzt einen Höhepunkt in seiner Karriere. "Filme sind immer ein Spiegel des Gesellschaft", meinte Todd Phillips in Venedig und tatsächlich können wir uns in seinen Bildern wiedererkennen, erkennen wir die Fratze des Neoliberalismus, die postfaktischen Reden der Politiker und den Aufstand der Massen, den er angelehnt an die Occupy-Bewegung inszeniert. So wird aus einem Fantasy-Action-Spektakel ein hochintelligenter Film, der alle Unterschiede zwischen Mainstream und Arthaus auflöst. Er startet schon diesen Monat in unseren Kinos und steht nebenstehend besprochen.
Was wir sonst noch alles entdeckt haben finden Sie in unter 'BLOG' auf www.programmkino.de

 

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