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Ich bin dein Mensch

71. Berliner Filmfestspiele 2021

Ein Festivalbericht von Kalle Somnitz & Anne Wotschke

Zum ersten Male fand die Berlinale digital statt, und die Festivalleitung will die wichtigsten Filme in einem Präsenz-Fes­tival im Juni nachholen. Dass ein solches Online-Festival kaum ein Ersatz für ein physisches Festival vor Ort sein kann, liegt auf der Hand. Wir haben schon die feierlichen Pre­mieren, die Presse­konferenzen mit den Filmschaf­fenden und natürlich die Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen über Film und Kino vermisst. Aber es gab auch Vor­teile, so funktionierte die Technik einwandfrei, die Filme wurden morgens um 7 Uhr auf einem eigenen Presseserver zur Verfügung gestellt und konnten bis zum anderen Morgen angeschaut werden. Die Wege zwischen zwei Vorstel­lungen führten nicht quer durch Berlin, sondern waren nur einen Mausklick von­einander entfernt.

Den Goldenen Bär gewann BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN, dessen ausgedehnt pornografische Anfangs­sequenz einen Kinobetreiber den unmittelbaren Auszug eines Teiles des Publi­kums befürchten lässt. Ema ist die Protagonistin dieses kleinen, schmutzigen Homevideos, sie ist Lehrerin und sollte ein Vorbild sein. Ihr Pech ist es, dass das Video irgendwie viral geht und natürlich sogleich von ihren Schülern entdeckt wird. Der eigentlich Porno findet dann aber am Ende des Films statt, wenn sich die Lehrerin in einem flugs einberufenen Elternabend gegen den latenten Sexismus, Rassis­mus, Faschis­mus und religiösen Wahn der zur feinen Gesell­schaft zählenden Elternschaft zur Wehr setzen und um ihren Job kämpfen muss.
Radu Jude erzählt diese Geschichte in einem nicht leicht zugänglichen Tripty­chon. Changierend zwischen Dokumen­tar- und Essayfilm, führt er uns 25 Jahre nach dem Ende der Diktatur eine rumänische Gesellschaft vor, die zwischen An­spruch und Wirklichkeit zerrissen ist.

Unser Favorit für den Goldenen Bären war der iranische Beitrag BALLAD OF A WHITE COW. Damit hätte die Jury die schöne Tradition fortsetzen können, die iranischen Filmen in Berlin immer schon mehr Aufmerksamkeit verschafften als im eigenen Land, wo die Regisseure meist mit Berufsverbot und Hausarrest zu kämpfen haben. So wohl auch Mohammad Rasoulof, der im letzten Jahr mit DAS BÖSE GIBT ES NICHT - immer noch auf seinen Einsatz in unseren Kinos wartend - gewonnen hat. Er hat den Staffelstab an Behtash Sana­eeha und Maryam Moghadam übergeben. Ihr Film könnte auch eine Fortset­zung sein, denn er behandelt ebenfalls das The­ma Todesstrafe und konstruiert einen Fall, in dem sich der Liquidierte im Nachhinein als unschuldig erweist. Dabei nehmen sie kein Blatt vor den Mund und dokumentieren minutiös das staatliche Versagen. Ihr Richter ist ein hoch moralischer Mensch, der sich sein Fehlurteil nicht verzeihen kann und Buße tun will. Er hat sein Amt nieder gelegt, besucht die Wit­we und gibt sich als vermeintlicher Schuldner ihres Mannes aus, um ihr so etwas Geld zu­kom­men lassen zu können. Doch sein Wunsch, Buße zu tun, bringt ihn bald in Konflikt mit dem System, das Fehlurteile eher als Gottes Willen Interpretiert.
Schuld und Sühne – das ist ein klassisches iranisches Filmsujet, das die Regisseure meisterhaft und als Kino der kleinen, präzisen Gesten inszenieren. Immer wieder findet das Iranische Kino Figuren wie diesen integren Richter, der die Werte hochhält, die der modernen Gesellschaft immer mehr abhanden kommen. So wird das Kino zu einer mo­ra­lischen Instanz, die dem Zuschauer Halt und Orientierung gibt. Dass es dabei immer wieder mit den Behörden in Konflikt gerät, spricht seine eigene Sprache.

Eine ganz eigene Mutter-Tochter-Ge­schichte erzählt Céline Sciamma, die 2019 mit PORTRÄT EINER FRAU IN FLAMMEN nachdrücklich auf sich aufmerksam machte. In PETITE MAMAN hilft die achtjährige Nelly ihren Eltern, nach dem Tod der geliebten Großmutter beim Ausräumen deren Hauses auf dem Land, wo ihre Mutter Marion die Kind­heit verbrachte. Magisch angezogen ist sie von dem umliegenden Wald, in dem damals auch ihre Mutter spielte und ein Baumhaus baute, von dem Nelly soviel gehört hat. Immer wieder streift sie durch den Wald, bis sie eines Tages auf ein gleichaltriges Mädchen trifft, das sie in ihr Baumhaus einlädt und auch Marion heißt...

Wenn die Geschichte auch schnell er­zählt und der Film nur gut siebzig Minu­ten lang ist, entwickelt er eine Stim­mung, die nicht nur Nelly, sondern auch den Zuschauer in diesen Wald zieht. Märchenhaft entrückt und mit kongenialen Bildern ihrer Kamerafrau Claire Mathon, spürt Sciamma hier mit einer Art magischem Realismus einem wichtigen Moment des Erwachsenwerdens nach und führt uns einmal wieder in den Mittelpunkt eines weiblichen Univer­sums, dessen Aura man sich nicht entziehen kann.
Auch wenn man durchaus von einem starken Jahrgang sprechen kann, sollte man sich natürlich nichts vormachen, denn starke internationale Produk­tio­nen mit bekannten Stars wurden von den Produzenten für eine virtuelle Festivalausgabe natürlich nicht freigegeben. Die Festivalmacher reagierten darauf mit einem Bekenntnis zum Deut­schen Film, der in allen Sektionen überproportional vertreten war und sich als erstaunlich innovativ und kinogerecht erwies.

So ging der Silberne Bär für die beste schauspielerische Leis­­tung an Maren Eggert, die in Maria Schraders ICH BIN DEIN MENSCH die Archäologin Alma spielt, die sich auf ein Experi­ment einlässt, um an Gelder für ihre eigenen Studien zu kommen. Drei Wochen lang soll sie mit einem Roboter na­mens Tom zusammenleben, der Dank künstlicher Intelli­genz all ihre Partnerwünsche er­füllen soll. Wie ernst sie diesen Job nimmt, zeigt sich schon beim ersten Treffen der beiden beim Kennenlern-Candlelight-Dinner, wo Alma ihr Gegen­über mit einer komplexen Rechenauf­ga­be überrascht, die Tom wie aus der Pistole geschossen löst. Romantik bleibt an diesem Abend Fehlanzeige, wie Alma auch auf getrennten Schlaf­zimmern besteht und allen Annähe­rungs­versuchen Toms widersteht. Doch der stellt sich auf jede Situation neu ein und überrascht mit immer neuen Ideen und Wendungen. Maria Schrader lädt die gleichnamige Erzählung von Emma Braslavsky mit der Suggestivkraft des Kinos auf und versichert sich der Mit­arbeit von Jan Schomburg, die den Dialo­gen eine ungewöhnliche Tiefe gibt. Erstaunlich vielseitig und eloquent erzählt sie so von einer ‘amour fou’ mit einem An­dro­iden, die immer wieder zwischen amüsanter Komödie und philosophischer Betrachtung wechselt und nach dem Begriff Glück fragt.

Unseren ausführlichen Festivalbericht finden Sie wie immer in unserem Blog auf www.filmkunstkinos.de.

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