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Vom Schmelzen des Egos

Die biograph Buchbesprechung von Thomas Laux

Vor gut 40 Jahren hatte sich T.C. Boyle mit seinem zweiten Roman „Grün ist die Hoffnung“ bereits ein Thema gewählt, das dem vorliegenden ein Stück weit ähnelt, es war eine witzige, recht chaotisch ablaufende Geschichte um den Aufbau einer illegalen Marihuanaplantage. Diesmal steht LSD im Zentrum, Boyle hält sich allerdings überwiegend an historische Fakten, wir treffen etwa auf die charismatische Figur des Timothy Leary, der Anfang der 60er mit dieser, wie es stets hieß, „bewusstseinserweiternden“ Droge experimentierte. Leary, selbst Professor für Psychologie, hatte eine Gruppe von Wissenschaftlern um sich geschart, die zunächst kleinere Mengen des Stoffs im Selbstversuch zu sich nahmen.
Im Mittelpunkt des Romans steht der dreißigjährige Doktorand Fitz, der im Umkreis von Leary arbeitet und zu denjenigen gehört, die an den Sitzungen teilnehmen dürfen. Streng wissenschaftlich kommt das alles zunächst daher, der medizinische Fortschritt wird beschworen, der Trip, auf den man sich einlässt, wird mit schnöden Fragebögen ordentlich heruntergedimmt, jeder Teilnehmende ist angehalten, seine Eindrücke zu Papier zu bringen. Ziel sei aber „(…) das Licht, die Vision, das Schmelzen des Egos, das Erwachen des inneren Geistes“. Klar spielt auch Sex hier eine Rolle, doch auch das angeblich nur wegen der gemeinschaftlichen körperlichen Erfahrung, dem Ganzen soll von vorneherein die Verruchtheit genommen werden, mit der diese Droge bald stigmatisiert werden soll. Eine Boulevard–Presse im Stile der „Bild“ war natürlich immer hellwach, sie witterte wilde Orgien im Drogenrausch, kein Wort wurde da verloren über eventuelle Forschungszwecke oder Therapien.
Boyles Buch vermittelt viel zeitbedingte Aufbruchstimmung, ein freiheitliches Gefühl, das durch die jugendliche Naivität und Aufgeschlossenheit grundiert wird. Interessant am Rande, dass dieses Lebensgefühl nicht ansatzweise durch politisches Engagement angefasst ist – diese Leute wollen nichts hören von störenden Nachrichten aus Vietnam oder von Rassendiskriminierung im Lande, man hat sich deutlich außergesellschaftlich positioniert – die Gruppe antizipiert erkennbar die Einstellungen der „Hippies“ nur ein paar Jahre später.
Zur Droge als Ausdruck maximal erreichbarer Freiheit passt die Musik, und die kommt hier gerade nicht aus dem Pop–Umfeld – die Musik der Beatles etwa wird als „Tiefpunkt populärer Kultur“ abgetan –, sondern aus dem Bereich des Jazz (z.B. John Coltrane). Für einige geht es sogar um religiöse Erweckung, man erspäht Gott als eine neuronale Funktion, die in einem angelegt ist und mittels LSD freigelegt werden kann. Zu weiteren Spinnereien gehört, den bewusstseinserweiternden Aspekt auch gleich den eigenen Kindern angedeihen zu lassen, LSD soll der Vergrößerung des IQ dienen. Man diskutiert ein Mindestalter, denn die, na ja, besorgten Eltern räumen ein, dass ein Trip auch mal schlecht laufen kann und verabreichen den Kids erst einmal nur eine abgeschwächte Dosis, sie bekommen den Stoff wie eine Extradosis Vitamine.
Mit der Zeit erfolgt nun die Auflösung dessen, was nach Hermann Hesse den schönsten Anfängen innewohnt, nämlich der Zauber, und an seiner Statt gibt es den Kater, hier im Speziellen in Form schleichender Verbürgerlichung. Haus, Familie und Job werden allmählich zu wichtigeren Paradigmen der Protagonisten, also gerade das, womit man einst so gar nichts zu tun haben wollte. Enttäuschung und Entfremdung, profane Dinge wie Eifersucht, schlagen stärker zu Buche. Erstaunlich, wie sich die menschliche Natur also ganz schnöde durchsetzt gegen alle Versuche der Aushebelung, Beglückung oder nur phasenweiser Grenzüberschreitung. Ein ziemlich ernüchterndes Fazit, zugegeben, aber trotzdem schön zu lesen.

T.C. Boyle: Das Licht. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2019, 380 S., 25.-€

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