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Hollywood ending

Die biograph Buchbesprechung von Thomas Laux

Die Hauptfigur aus Joan Didions Roman, Maria, wird uns als ehemaliges Model mit Schauspielambitionen vorgestellt. Gleich zu Anfang scheint sie im Wesentlichen damit beschäftigt zu sein, ihre weitere Verwendung als Serienschauspielerin sicherzustellen. Wir befinden uns in den 1960er–Jahren im vermeintlich glamourösen Hollywood, in der Wüste im Hintergrund laufen Dreharbeiten, und bald wird klar: Maria, die wegen einiger Aussetzer und Unpässlichkeiten der Filmcrew bestenfalls nur noch phasenweise angehört, hat nicht nur einige läppische Krisen zu überstehen, nein, sie befindet sich in einer handfesten Depression. Es sieht nicht besonders gut aus.
Was allerdings auch mit ihrem Mann, Carter, zu tun hat, die Ehe mit ihm ist kaputt, nach einigen Gewalttätigkeiten zuvor geht es im Grunde nur noch um die Scheidungsmodalitäten. Unversehens wird Maria schwanger, von wem – die Frage bleibt zunächst offen. Die Schwangerschaft ist jedenfalls keine gewollte und bringt ihr wackliges Nervengerüst abermals ins Wanken, dabei wirkt sie ohnehin schon desorientiert und zu Übersprungs – bzw. Kompensationshandlungen bereit, etwa wenn sie sich mit ihrem Flitzer auf den Highway begibt und ohne Sinn und Verstand in die Wüste hineinbrettert – nur, um emotional herunterzukommen.
Sie wird den Fötus „wegmachen“ lassen, bei einem obskuren Arzt, der es ablehnt, Betäubungsmittel einzusetzen. Doch selbst damit ist die Sache nicht ausgestanden, die Operation hat Spuren hinterlassen, sie „versuchte, nicht mehr daran zu denken, was er mit dem Baby gemacht hatte. Mit dem Gewebe. Mit dem lebendigen toten Ding (…)“. Auch anderntags verfolgen sie Föten, „die an den großen Abwasserauslässen mit den Orangenschalen vorbeitrieben“. Immer wieder wird sie an dem von ihr selbst eingeleiteten Eingriff zu knabbern haben. Psychische Stabilität stellt sich so nicht ein, und ihre Umgebung ist ihr sowieso keine Hilfe. Egal, wo Maria herumlungert – im Hotel, im Casino –, auf der gesamten Szenerie liegt existenzielle Verlorenheit gleichsam wie Mehltau.
Und Didion zeigt das frauenfeindliche Umfeld gnadenlos. Interessant erscheint ihr Stil: In der Regel verwendet sie knappe Kapitel, die wie spontan hingeworfene Spots aus einem Drehbuch wirken (was zur Filmszenerie ja passte). Dialoge sind auf ein Minimum beschränkt. Das seltsame Insichgekehrtsein einzelner Figuren, die fehlende Empathie, wirkt in dieser Reduzierung besonders akzentuiert; und das, was an Kommunikation noch existiert, verwildert zusehends: Männer auf Partys schwadronieren darüber, wen sie wie und wo am liebsten „ficken“ wollten (ihre Sprache sagt alles), Noch–Ehemann Carter ist in einem Motel in der Wüste auf schnellen Sex mit der künftigen Ex aus, bekommt ihn nicht, worauf er übelst ausrastet: „(…) schlaf doch endlich, du Fotze. Schlaf. Stirb. Du verdammte Niete.“ Carter, der Gewalt grundsätzlich nicht abgeneigt, ist auch nicht weit weg, als eine Kollegin Marias verprügelt wird, die Männer geben da ihr Bestes. Am Ende landet Maria in einer Nervenklinik, wobei es bereits keine Rolle mehr spielt, wie schwer der Befund ist. Eher beiläufig erfahren wir, dass ein anderer Darsteller sich mittels Schlaftabletten umgebracht hat – ein kurzer Spot auf Hollywoods zynischen Alltag. In den Nebenszenen zeigt sich Didions Kunstfertigkeit gerade in der Verschlankung von Stil und Diktion.
Den englischen Titel dieses Romans von 1970 hätte man freilich ohne Weiteres eindeutschen können (bei einer ersten Übersetzung vor etwa 50 Jahren, die keinesfalls schlecht war, lautete der Titel ziemlich passend: „Spiel dein Spiel“); die Wendung „Play it as it lays“ bezieht sich auf eine Situation im Karten – oder Würfelspiel und meint: Nimm‘s (die Karten, den Wurf), wie es kommt.
Joan Didion: Play it as it lays. Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Antje Rávik Strubel. Ullstein Verlag, Berlin 2023, 238 S., 22,99€

aus biograph 03/2024

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