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Ein schleichendes Gift

Die biograph Buchbesprechung von Thomas Laux

Richard ist Gletscherforscher und oft in Kanada unterwegs, seine Frau Natascha ist Schriftstellerin und zumeist in Hamburg vorzufinden, beide haben dort ein „Sommerhaus“ an einem See, es ist ein Erbstück von Nataschas Großeltern, das sie aber kaum bewohnen. Dieses, wie es also scheint, privilegierte Pärchen kann sich wohl auch wegen fehlender Geldsorgen leichter zu großzügigeren Gesten durchringen als andere. Als eine solche sieht Natascha die Idee, das kaum genutzte Haus an eine syrische Flüchtlingsfamilie zu vermieten. Sie legt Wert auf das Wort „vermieten“, es soll nicht nach einer wohlfeilen Aufnahme von Flüchtlingen aussehen. Richard ist von vorneherein eher mäßig begeistert, willigt aber ein. Die Familie Farhi aus Damaskus macht auch einen sympathischen Eindruck, was allerdings nichts daran ändert, dass die in diesen Dingen „sensibilisierte“ Nachbarschaft bereits alarmiert ist, Skepsis, düstere Instinkte, Vorurteile, ein AFD–affines Umfeld deuten darauf hin, dass der Boden für Konflikte vorbereitet ist. Bald gelangen auch die „Geier des Boulevards“ an das Haus, Reporter und Kamerateams, bei Youtube kursiert bald ein Video. Kaum später wird zehn Kilometer vom Sommerhaus entfernt eine ehemalige Schule, die für die Aufnahme von Flüchtlingen geplant war, kurzerhand abgefackelt. Man könnte sich jetzt leicht ausmalen, wie es weitergeht, ergäben derartige Voraussetzungen doch eine Steilvorlage für ein Buch, das sich an der konkreten Umsetzung aktueller deutscher Probleme zu orientieren scheint. Tatsächlich geht es Gstrein um etwas anderes.
Er zeigt die allmähliche Entfremdung eines Pärchens in den mittleren Lebensjahren, und es ist diese hochbrisante Gemengelage zwischen den ungeklärten Dingen der eigenen Biografie und den aktuellen Herausforderungen, die der Sache ihre Dynamik verleiht. Vielleicht liegt es auch an den vermehrten und letztlich zermürbenden Interventionen von außen, die ihr ganzes zersetzendes Potenzial erst mit Verzögerung zeigen, ein schleichendes Gift, gegen das man sich immun wähnt, es schlussendlich aber nicht in den Griff bekommt. Entscheidungen werden anders gefällt als gedacht, immer in Abhängigkeit der (imaginierten) Konsequenzen. Lebenslügen werden eher en passant aufgedeckt. Im Grunde ist schon die bloße Existenz der syrischen Familie der Auslöser für das Sichtbarwerden lange unterdrückter Konflikte, sie beziehen sich nun aber direkt auf die Qualität der Paarbeziehung. Im Brennglas der Geschehnisse (diffuse Anschläge, Entführungen, Einbrüche, Jugendliche, die auf dem See und vor dem Haus sich in Bedrohungsszenarien ergehen etc.) werden durch immer hysterischer werdende Reaktionen die Risse deutlich, die eigentlich schon immer da waren, jetzt aber konkret werden.
Da wäre etwa Richards Vergangenheit, in der es einige dunkle Flecken gibt, die erst im Gesamtkontext an Brisanz gewinnen. Es gibt kuriose Wendungen: Die syrische Familie konvertiert zum christlichen Glauben, ein Nachbar kauft sich hingegen den Koran, um besser zu verstehen – immer wieder sind da fast groteske Gegenläufigkeiten. Und dann steht da noch der Verdacht im Raum, Farhi hätte dem syrischen Regime als Offizier gedient. Als Natascha ihn in der örtlichen Bücherei coram publico vorstellen will, verheddert der sich bei den Erläuterungen seiner Flucht heillos. Hat er alles bloß erfunden? Ist er schließlich doch ein Betrüger? Am Ende wird der sich bedroht fühlende Farhi zur Pistole greifen und in eine Gruppe Jugendlicher schießen; die Nerven liegen aber überall blank. Gstrein versteht sich meisterlich auf die unsichtbaren Sollbruchstellen in den zwischenmenschlichen Randgebieten. Großartiges Buch.

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre. Roman. Hanser Verlag, München 2018,285 S., 22.- €

aus biograph 03/18

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