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Der Märchenerzähler

Die biograph Buchbesprechung von Thomas Laux

Als der Algerienkrieg 1961 allmählich zuende geht, ist der hier berichtende Erzähler Émile (höchst wahrscheinlich das Alter Ego Chalandons), 12 Jahre alt. Die sich abzeichnende Unabhängigkeit Algeriens ist vielen Franzosen ein Dorn im Auge, so auch Émiles Vater, einem aufbrausenden, ständig gewaltbereiten Mann, der will, dass das Land französisch bleibt. Er glaubt sich zur Wehr setzen zu müssen und beschließt, aus seinem Sohn eine Art Résistance–Kämpfer zu machen. Er weckt ihn nachts, unterzieht ihn einem militärischen, geradezu sadistischen Drill, tischt ihm nebenbei abenteuerliche Märchen über seine vermeintlich glorreiche Vergangenheit auf (als Fallschirmspringer, als Judolehrer, als Geheimagent und vieles mehr), erfindet gar einem amerikanischen Freund und Offizier, Ted, der einst mit ihm gegen die Kommunisten gekämpft habe. Dieser Ted wird, obwohl Émile ihn natürlich nie zu Gesicht bekommt, sogar zu seinem „Paten“ erkoren und verantwortet auch die harten Bestrafungen des Vaters, falls Émile mal wieder mit schlechten Noten nach Hause kommt; er selbst, behauptet der Vater, sei immer gegen Schläge gegen ihn, seinen Sohn, gewesen, aber: „Befehl ist Befehl“. Das feige väterliche Lügengebäude kann nur deshalb so lange funktionieren, weil Émile ein ergebener, sensibler Junge ist, der seinen Vater, egal was passiert, ob dessen „Vergangenheit“ bewundert. Und der Vater nutzt das aus. In seiner Arglosigkeit glaubt Émile die Ammenmärchen, macht sich zu seinem Komplizen, bis alles nach der wahnwitzigen Äußerung des Vaters, de Gaulle müsse umgebracht werden, eine furiose Eigendynamik erfährt. Émile versteht das Verdikt nämlich als Auftrag, zumal ihm als Belohnung ein Fahrrad winkt. Als ein neuer Schüler, Luca, in die Klasse kommt, beschließt Émile allerdings, dass dieser (und nicht er selbst) das ausführende Organ sein soll; und Luca nimmt alle aufgetragenen Spinnereien für bare Münze, mutiert zu einem devoten Handlanger Émiles. Ein Stichtag für die Ermordung wird gewählt, Luca soll das Geld seiner Eltern stehlen, seine Zeugnisse vernichten, Autoreifen durchstechen, danach außer Landes gebracht werden. Die Sache geht tatsächlich fast genauso über die Bühne – und letztendlich natürlich schief. Für Luca soll es knüppeldick kommen, Émile trägt daran eine gehörige Mitschuld.
Es erscheint unmöglich, hier die Facettendichte dieses hochkomplexen Romans aufzuzeigen, zu zahllos sind die Volten dieser einerseits verrückt und andererseits sehr bedenklich erscheinenden Vater–Sohn–Geschichte. Chalandon inszeniert sie ungeschönt und mit Wucht, zugleich mit der Sensibilität des Betroffenen, der die kindlichen Nöte und die seinerzeit getroffenen Entscheidungen als Niederlage begreift. Immer wieder ist der Blick auf eben diese Vaterfigur gelenkt, ein Mann, der über all die Jahre (die Geschichte endet erst 2011 mit seinem Tod) außer einer zunehmenden Demenz und Paranoia vor allem alte Defekte und anachronistische Impulse kultiviert – 1994 will er noch den damals amtierenden Premierminister Balladur umbringen (lassen). Er landet schließlich in einer Psychiatrie, seine Frau, Émiles Mutter, bleibt in ihrer ultimativen, lange ausgehaltenen Resignation bei ihm. Allein der Charakter dieser blind ergebenen Mutter (ihr Mantra zu Émile: „Du kennst ja deinen Vater!“) ist höchst irritierend, Chalandon zeichnet seine Figuren mit einer geradezu beklemmenden Genauigkeit im Detail, beansprucht aber kein letztes Urteil für sich selbst.

Sorj Chalandon: Mein fremder Vater. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Dtv, München 2017, 269 S., 22.- €

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