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Verloren in NY

Die biograph Buchbesprechung von Thomas Laux

Die Männer, die sich in Joshua Ferris Erzählband laut Buchtitel schlecht benehmen, scheinen Gründe für ihr Verhalten zu haben, dennoch sind es keine grundsätzlich schlechten Charaktere. Wenn sie sich letztlich als Loser erweisen, dann liegt es vornehmlich daran, dass sie an der Diskrepanz zwischen erhöhtem Anspruch (ans eigene Leben) und mangelhafter Umsetzung scheitern. Seit Freud weiß man, dass eine solche Gemengelage prinzipiell ungesund ist und zu Neurosen führen kann. Am anschaulichsten manifestiert sich die Unzufriedenheit dann in den Konflikten von Paarbeziehungen – und hier legt Ferris dann gleich einmal kräftig den Finger in die Wunde.
Irgendetwas, von dem wir nicht unbedingt Kenntnis erhalten, dürfte zuvor schon aus dem Ruder gelaufen sein, wir erleben in der Regel nur die galligen Konsequenzen anhand einer konkret erzählten Sequenz. Die elf Geschichten des hierzulande trotz zweier Romane noch ziemlich unbekannten amerikanischen Schriftstellers (*1974) konzentrieren sich überwiegend auf die männliche Sicht der Dinge. Und diese Männer erweisen sich dann doch als ziemlich launige Stadtneurotiker – die Metropole New York, wo einige der Erzählungen angesiedelt sind, kommt übrigens auch eine Bedeutung zu, wenngleich keine positive, Ferris macht anhand seiner Figuren klar, dass diese Stadt für pathologische Befunde nachhaltig mitverantwortlich ist.
Bereits in der ersten Geschichte wird der Grundton vorgegeben: Ein jüngeres Pärchen lädt ein anderes Pärchen zu einer Dinnerparty ein. Seltsam negativ ist schon die Stimmung vorab in Erwartung der Gäste: Man macht sich bereits keine Illusionen mehr über den Ablauf des Abends, ja, man hat eigentlich überhaupt keinen Bock auf das ganze Gerede, das sich abzeichnende, heuchlerische Getue. Die Gäste kommen dann aber nicht, schmeißen vielmehr eine eigene Party, und es wird klar, dass das ganz bewusst geschieht, hier wird eine Lektion erteilt, eine Art Bestrafung für irgendein zuvor stattgefundenes Fehlverhalten seitens der Einlader. Die beiden müssen unversehens erkennen, dass sie nicht nur nicht geliebt, sondern sogar gemieden, ja gehasst werden. Was dann wiederum ihre ureigenen Konflikte befeuert, die zuvor nie aufgearbeitet, sondern ständig verdrängt wurden.
In der Erzählung „Die Brise“ sieht man Sarah, die sich am horrenden Verkehr und an den Menschenmassen in NY stößt, sie wirkt gereizt, wirft sich Fehlentscheidungen vor. Vor allem fällt auf, dass sie und ihr Partner Jay mit sich nichts anzufangen wissen, ihr Umgang miteinander wirkt umständlich, selbst ein kleines geplantes Picknick gerät da fast zur Unmöglichkeit. Planlos sind ihre wechselseitigen Vorschläge zur Freizeitgestaltung, beiden scheint alles egal zu sein, man spürt, da muss sich schon länger eine Entfremdung in der Beziehung des Pärchens breit gemacht haben: „Sie aßen und tranken bis zum Erbrechen und nannten es Leben.“ Ihre Fantasielosigkeit, die sie kaum verhehlen können, versuchen sie über Sex im Freien zu kompensieren. Das wirkt gestelzt und hilflos, man bearbeitet allenfalls die spontan diagnostizierten Defizite, derartige Verdrängungen oder Verleugnungen können keine wirkliche Veränderung initiieren.
Psychologisch ist das hoch interessant. Die einzelnen Überraschungsmomente in den Geschichten resultieren aus der komplex–neurotischen Grundierung bzw. Grundverfassung der Figuren, bei der man nie vorhersehen kann, was genau zu den Entscheidungen führt. Ferris' Geschichten ähneln sich da und sind doch ganz voneinander verschieden. Beste Unterhaltung ist jedenfalls garantiert.

Joshua Ferris: Männer die sich schlecht benehmen. Storys. Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay. Luchterhand Verlag, München 2018, 283 S., 20.-€

aus biograph 2/2019

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