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Polyphonie des Schicksals

Die biograph Buchbesprechung von Thomas Laux

Jean Malaquais (1908–1998) ist ein – nicht nur hierzulande – gänzlich unbekannter französischer Autor polnischer Herkunft; er verfasste seine wenigen Romane vornehmlich in den 1930er–, 40er–Jahren, wobei „Planet ohne Visum“ heraussticht, nicht nur, weil er sein umfangreichster ist, sondern auch, weil er ein ewig aktuelles Thema behandelt – die durch Krieg und Entwurzelung ausgelöste Heimatlosigkeit von Menschen, denen zuallererst daran gelegen ist, die eigene Haut zu retten.
Der Roman spielt im Jahr 1942 in Marseille, in der damals noch als „frei“ deklarierten Zone, aber die Lage ist prekär, mit der Ankunft bzw. fortschreitenden Invasion der deutschen Armee wird ständig gerechnet. Marseille ist zu dem Zeitpunkt, ähnlich wie andere Orte Südfrankreichs, etwa Sanary–sur–Mer, Zielort von Menschen sämtlicher Couleur, nicht nur von Künstlern und Intellektuellen. Die Stadt ist ein Schmelztiegel der Nationen, in einer Kneipe am alten Hafen treffen Ungarn, Russen, Polen, Italiener, Spanier aufeinander, sie alle träumen von der „freien Welt“, sie wollen, während Hitlers Wehrmacht weiter vorrückt, einfach nur weg, brauchen dafür aber ein Visum (man denkt fast zwangsläufig an „Casablanca“). Das Hafenviertel stinkt bestialisch, in der zentralen Kneipe hängt der Geruch von verfaulten Eiern. Die Debatten dort sind ebenso wild wie kleinkariert, allmählich aber kristallisieren sich einzelne Figuren deutlicher heraus, darunter etwa ein gewisser Adrien de Pontillac, ein „Frauenversteher“ der besonderen Art, der damit prahlt, „sie alle gehabt“ zu haben, bis auf die Ungarin Karen, die sich nur auf den fest verschlossenen Mund küssen lässt. Der Punkt ist: de Pontillac ist derjenige, der die Visa ausstellt, sodass es früher oder später auch darum gehen dürfte, dem Mann gefällig zu sein.
Der Roman strotzt nur so vor Vitalität und Betriebsamkeit. Ein jeder versucht, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, legt aber auch seine politischen Positionen offen oder wettert gleich gegen alles: Gestapo, Pétain, Vichy–Regierung – was je nach Gemengelage bzw. Zuhörerschaft auch gefährlich sein kann. Dabei werden die heiklen Themen – Judendeportation, Denunziation, Kollaboration – im Grunde bloß angerissen, doch wenn, dann erweisen sie sich von verblüffender Direktheit. Mitunter scheinen einzelne Episoden nur lose verknüpft zu sein, aber das täuscht, alles hier ist fein und kunstvoll miteinander verwoben. Narrative Nebenstränge bereichern das Geschehen: Als ein paar besonders Aufgeweckte versuchen, aktiv zu werden, statt einem trägen Attentismus das Wort zu reden, entsteht eine Art „Betrieb“, einer, der sich dem Handel mit Ersatzlebensmitteln (z.B. mit Lehm gestrecktem Brot) verschreibt; alle, die mitmachen, werden in gleicher Weise behandelt, erhalten denselben Lohn – hier schimmert Malaquais‘ kapitalismuskritisch grundiertes Weltbild durch –, und der Laden läuft schnell auf Hochtouren. Nicht nur in diesem Moment ist die Szenerie mit einer dichten Dialogregie unterfüttert, sodass einzelne Figuren nicht bloß als Statthalter weltanschaulicher Ideen in Erscheinung treten, sondern in ihrer ganzen, ggf. auch widersprüchlichen Vielschichtigkeit zu erkennen sind.
Malaquais gelingt ein fulminantes Porträt der Epoche, wobei man immer wieder auch über ungewöhnliche Beobachtungen im Kleinen staunen kann. Die Komplexität dieses quirligen Romans kann an dieser Stelle kaum hinreichend gewürdigt werden, toll, dass er endlich ins Deutsche übersetzt ist. Nadine Püschel hat großartige Arbeit geleistet, denn der französische Originaltext ist, da mit südfranzösischem Argot und allerlei Sozio– und Dialekten durchsetzt, ziemlich knifflig. Am Ende hilft neben dem Nachwort auch ein Glossar, gewisse Zeitphänomene besser einzuordnen.
Jean Malaquais: Planet ohne Visum. Roman. Aus dem Französischen von Nadine Püschel. Edition Nautilus, Hamburg 2022, 661 S., 32.-€

aus biograph 02/2023

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