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Dekonstruktion eines Showmasters

Die biograph Buchbesprechung von Thomas Laux

Bereits zehn Jahre vor der Eröffnung der Weltausstellung in Chicago 1893, auf der ein gewisser Charles Bristol in einer Show indianische Kinderleichname und diverse Beutestücke aus den Kämpfen gegen die Indianer präsentierte, hatte der sagenumwobene Bisonjäger Buffalo Bill ein eigenes Spektakel eröffnet, die sogenannte „Wild West Show“. Zu Anfang als reine Rodeo–Show konzipiert, engagierte er nach und nach damalige Berühmtheiten und entwickelte sein Konzept gleich weiter: „Galoppierende Pferde, nachgestellte Schlachten, Spannung, Typen, die tot umfallen und wieder aufstehen.“ Das Publikum war begeistert und wuchs stetig mit. Immerhin konnte Buffalo Bill dabei mit waschechten Indianern aufwarten, was die ganze Angelegenheit erst zur richtigen Attraktion machte. Das alles ist, wie der heute 49–jährige Franzose Éric Vuillard klarstellt, nichts anderes als die Geburtsstunde von Show business und merchandising – ein rasch anwachsendes, profitorientiertes, durchaus lukratives Geschäft, das natürlich auch damals schon Herausforderungen erfuhr, weil der Eventcharakter des Ganzen ständig revitalisiert werden musste; es gipfelte in der Verpflichtung des Häuptlings Sitting Bull. Der ließ sich den Schein des Ganzen bzw. sein schieres Indianerdasein übrigens fürstlich bezahlen.
Auch Buffalo Bill spielte auf der Bühne vornehmlich sich selbst. Die Show geriet bisweilen zweifelhaft, dann nämlich, wenn Buffalo Bill es mit den Tatsachen nicht so genau nahm und die Dinge so darstellte, als hätte er General Custer bei der Schlacht von Little Big Horn höchstpersönlich gerettet.
Die Show selbst gelangte bis nach Europa, nach Paris und London, sogar in Provinzstädte wie Nancy, Karlsruhe oder Trier. Bei einer dieser Tourneen ist Sitting Bull nicht dabei, er ist in den Staaten geblieben (man ist geneigt zu sagen, er ist in seinem ersten Beruf als Indianer und nicht als Indianerdarsteller unterwegs) und wird bei dem Versuch einer Festnahme hinterrücks ermordet, sein Tod mündet in dem Massaker von Wounded Knee, nur wenige Indianer kommen mit dem Leben davon. Buffalo Bill trifft bei Rückkehr nach Amerika auf die letzten Reste des Lakota–Stammes und erweitert seine Geschäftsidee gleich dahingehend, diese wenigen Überlebenden in sein Programm zu integrieren. Das Massaker wird somit zum Teil der Show, Vuillard wiederum lässt keinen Zweifel daran, wie er diese Inszenierung, bei der die Zuschauer gleich nach dem Event indianische Produkte (Tomahawks, Ketten etc.) erwerben können, bewertet: „Die Indianer verkaufen Derivate ihres Genozids.“ Vor allem aber wird mit dieser Show einer historischen Verdrehung das Wort geredet – der seinerzeit für das Massaker mitverantwortliche Verrat der Viehzüchter wird komplett ausgeblendet, das Abschlachten der Indianer hingegen zur Fußnote bagatellisiert. Im Endergebnis kommt eine „Schulbuchfassung für unsere Kinder“ heraus. Ohnehin sinkt Buffalo Bills Stern bereits deutlich, die Show kommt aus der Mode, die Inszenierungen wirken einfach nur überholt. Die Entmythifizierung der eigenen Legende hat Buffalo Bill dabei quasi mitinitiiert. Aber das ist tatsächlich interessant. Vuillard entwickelt ein feines Gespür für die Untiefen und Abartigkeiten unkontrollierten Geschäftsgebarens, wobei die wirklichen Leidtragenden dieser als Show getarnten Geschichtsklitterung diese als definitive Demütigung verstanden haben dürften.
 
Éric Vuillard: Traurigkeit der Erde. Eine Geschichte von Buffalo Bill Cody. Erzählung. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2017, 132 S., 18.- €

aus biograph 08/2017

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