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Porträtfoto: © Ursula Schulz-Dornburg

Ursula Schulz-Dornburg

Erinnerung vor dem Vergessen

Die fotografischen Bilder von Ursula Schulz-Dornburg gehen einem nicht mehr aus dem Kopf, vielleicht auch weil sie wie eine Fata Morgana wirken. Im hellen Weiß-Grau in gerade noch sichtbaren tonalen Stufen ist ein vereinzeltes Gebäude oder dessen Ruine als Hinterlassenschaft des Menschen zu sehen. Das Schwarz-Weiß der Aufnahme unterstreicht den dokumentarischen Aspekt, um den es Ursula Schulz-Dornburg als Augenzeugin eben auch geht. Sie sucht Orte, häufig Kult­stätten, besonders im Nahen Osten und in der ehemaligen Sowjetunion auf, die von ihrer Geschichte berichten. Die Ver­gangenheit ist vorbei und die Zukunft noch nicht gelöst oder sie lässt nichts Gutes ahnen. Die Gebäude, deren Funktion oft unklar ist, scheinen dem Verfall preisgegeben oder gar von der Zerstörung durch Menschen bedroht: Sie werden zu Zeugnis­sen aussterbender Kulturen. Eine besondere Leistung dieser Fotografien ist es, diese Orte für die Nachwelt gesichert zu haben. Über ihre „Verschwundenen Landschaften“, und zwar ihre Serie zu Mesopotamien (1980), hat Ursula Schulz-Dornburg im Gespräch mit Julian Heynen gesagt: „Es war der Versuch, unter erschwerten Bedingungen in der Zeit kurz vor dem Irak-Iran-Krieg, dem Ersten Golfkrieg, an die historischen Stätten des sumerischen Reiches, etwa das alte Eridu, an Uruk oder Ur heranzukommen. Ich habe das Gelände rund um die Ruinen der Zikkurats durchstreift. - Bei diesen Bildern war es die deutlich spürbare Atmosphäre kurz vor einem Krieg, das Wissen um die Gefährdung einer langen Geschichte an diesen Orten, die Ahnung, dass Strukturen, Objekte beschädigt oder zerstört werden.“ (2017/18)

Die Aufnahmen sind auf die Symmetrie hin austariert. Sie vermitteln die Weite der Landschaft, indem die Motive in den Mittelgrund oder noch mehr nach hinten gerückt sind; der Betrachter vergegenwärtigt vor sich die Schritte zu den Archi­tekturen und nimmt die landschaftliche Umgebung in ihrer Temperierung wahr. Das moderate Querformat der Bilder betont den Landschaftsraum, in den man hineinblickt und der einen umfängt.

In der aktuellen Werkschau im Städel Museum in Frankfurt sind die Aufnahmen meist, aber nicht immer auf das feinkörnige Baryt mit seinen tiefen Schwärzen geprintet. Die Serien sind teils als Feld auf verschiedenen Höhen oder in linearer Reihung oder als Reihen mit Aussparungen übereinander gehängt und beeinflussen so das Gefühl für den Ausstellungsraum. Zur Ausstellung gehören die unterschiedlichen Stühle und die Holz­­vitrinen, die weitere Fotoabzüge und die frühen Bücher – ganz am Anfang: Fotografien der Arkaden des Markusplatzes mit ihren bewegten Vorhängen (1973, als Buch mit Katharina Sattler erschienen 1974) – zeigen. Auch sind Wandtexte mit wenigen Worte typografisch sachlich übereinander gesetzt; sie betonen die Stille und Konzentriertheit, die den fernen Land­­schaften selbst eigen ist. Und sie beziehen sich noch auf eines der wichtigen Themen von Ursula Schulz-Dornburg: die Beobachtung des Sonnenstandes und die Veränderung des natürlichen Lichtes, etwa in einer fotografischen Langzeitstudie aus mehreren Aufnahmen: in einem dunklen Andachtsraum ist die Kamera auf die Wandöffnung im Osten bzw. im Westen gerichtet, aus der das Licht mit teils wechselnder Intensität einströmt und seine Emanation sich von Bild zu Bild verändert.

Ursula Schulz-Dornburg wurde 1938 in Berlin geboren. Sie hat 1959-61 am Institut für Bildjournalismus in München studiert, 1967 hält sie sich in New York auf und lernt hier die stilbildenden Minimal- und Konzept-Künstler kennen. Seit 1969 lebt sie in Düsseldorf und entwickelt inmitten der hiesigen, noch durch die Ausstellungen vermittelten Avantgarden ihr eigenes Werk. Mittlerweile befinden sich ihre Fotoarbeiten in Sammlungen wie der Tate Gallery in London, dem Musée d‘Art Moderne in Paris, dem Art Institute of Chicago und dem Museum Kunstpalast in Düsseldorf.

Ursula Schulz-Dornburg ist Konzeptkünstlerin mit den Mitteln der dokumentarischen Fotografie und deren Bewusstsein für Verantwortung, darin Bernd und Hilla Becher und ihren typologischen Aufnahmen anonymer Industriearchitektur vergleichbar – und doch wieder anders. Hinzuweisen wäre auch auf ihre Affinität zur Land Art, etwa im Nachvollzug historischer Reiserouten: Das Reisen, auch das eigene an schwer zugängliche, fragile Orte, ist ein Moment ihrer Kunst. Zur Land Art werden in ihren Aufnahmen die Anord­nungen des Schilf in den Marsh Arabs im Irak und in der Wüste die Trümmer, auf die die Natur selbst zugreift, etwa wenn Steine wie Skulpturen aneinander lehnen und Mauerreste wie gestrandet wirken und Fragen der einstigen Geschichte und der Erreichbarkeit aufwerfen.

Das betrifft ebenso die pitturesken und spröden Bushaltestellen, die Ursula Schulz-Dornburg in Armenien mitten in verlassenen Landschaften entdeckt und mitsamt der Wartenden fotografiert hat, die trotz der Armut und Unsicherheit über die Zukunft Stolz und Schönheit vermitteln. Das Konzept des Übergangs dieser stillgelegten Bilder ist also nicht nur zeitlich, sondern als Transit auch räumlich begriffen. Dies gilt auch für eine Werkgruppe aus dem Jahr 2000, die Passanten auf einer Rolltreppe zeigt, teils kommunizierend, teils voneinander abgewandt. Die Ausrichtung der Personen lässt mitunter offen, ob die Rolltreppe nach oben oder nach unten fährt. Und dann kommen auch hier Vorstellungen des Unaus­weichlichen und des Wider­standes hinzu, festgehalten in der eingefrorenen, nicht sichtbaren Bewegung. Die Werkgruppe ist in der St. Petersburger U-Bahn-Station Ploschtschad Wosstanija entstanden – über der sich 1917 die Februarrevolution ereignet hat: Eine gesellschaftliche Relevanz zeichnet alle Bildserien von Ursula Schulz-Dornburg aus.

Ursula Schulz-Dornburg
The Land in Between, noch bis 9. September im Städel Museum, Schaumainkai 63 in Frankfurt
www.staedelmuseum.de

Außerdem: Ursula Schulz-Dornburg: Vorhänge am Markusplatz.
Ein orientalisches Zelt auf dem Meer, im Siza Pavillon auf der Raketenstation Neuss-Hombroich
9. September – 9. Dezember, Fr-So 12-17 Uhr

TH

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