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Stefan à Wengen
Porträtfoto: © Avraham Eilat, Ein Hod

Stefan à Wengen

Vertraute Fremde

Eine Rolle spielen die Sentimentalität und die abrupte Abwendung von dieser: der distanzierte, frische und dadurch vorurteilsfreie Blick. Das Theatralische, das visuelle Vokabular und die Rhetorik der Filmstills, welche den neuen Bildern von Stefan à Wengen zugrunde liegen, entstammen einer längst vergangenen Zeit. Dem Horror- und dem Science-fiction-Genre zuzuordnen und z.B. im Hollywood der 1930er Jahre produziert, fehlte es den Filmen selbst meist an Einfallsreichtum, schauspielerischer Leistung und an Budget. Heute sind sie Trash und Kult zugleich. Die u.a. aus der Tradition des Schauerromans abgeleiteten Klischees sollten in ihrer Überzeichnung für ein Gruseln und Erschrecken mitsamt dem Happy End sorgen. Die Protagonisten sind auf der einen Seite Monstren wie Frankenstein, Dracula oder King Kong und auf der anderen Seiten die wunderschönen Frauen, die ihnen ausgeliefert sind. Stefan à Wengen nun hat seine Bildserie noch um intelligente Filmerfahrungen seiner eigenen Generation erweitert, bis hin zu Werner Herzogs „Nosferatu“.

Doch auch sie zeigen die uralte Geschichte von der Schönen und dem Biest. Hierauf bezieht sich der Serien-Titel „Boo!-tiful“, der über die äußere Gegensätzlichkeit tiefere Antagonis­men anspricht. Wie hat sich unsere Wahrnehmung verfeinert, dass wir im Jahr 2021 über die alten Pathosformeln bestenfalls lachen? Die Malereien von Stefan à Wengen changieren immer zwischen Polen, die mit Verführung und Irritation, Ver­trautheit und Befremden, Erinnerung und Vergegenwär­tigung zu tun haben und sich dabei, vorgetragen als in sich geschlossene, konzeptuell durchdachte Werkgruppen, sehr verschiedenen Gattungen zuordnen lassen.

Die „Boo!-ties“ umfassen 100 Bilder, die, in zeiliger Hängung in gleichen Abständen, wie ein Panoptikum der gängigen Klischees vom Film-Monstrum wirken. Zur Intensität trägt neben dem kleinen Format und dem komplexen technischen, aus der Monotypie weiterentwickelten Verfahren der Gold­grund bei, der an die russische und die byzantinische Ikonen­malerei erinnert und damit die Unsterblichkeit der Protagonis­ten (Dracula etwa) und die Anbetung der Filmheld_innen oder aber, diesseits ihrer Rolle, der Schauspieler_innen anspricht. Die Szenen selbst sind wie eingefroren, ganz aus dem filmischen Kontext genommen, und plötzlich werden sie für Deu­tungen in alle Richtungen offen. Vielleicht reißt das Monstrum die schöne Frau nicht mit sich, sondern beschützt sie und rettet sie aus einer gefährlichen Situation. Damit treten Attribute des Verliebt-Seins und die Gesten des Haltens, Umfangens und der Zuneigung in den Vordergrund. Tatsächlich besitzen die Monstren ja überaus menschliche tragische Züge, sie möchten aus ihrer Rolle schlüpfen, scheitern aber; teils kennzeichnet sie eine „innere Schönheit“. Stefan à Wengen stellt gängige Muster und überholte Rollenverständ­nisse aus der Perspektive der Gegenwart in Frage. Das alles erfolgt mit Humor und einer Sorgfalt in der Umsetzung, welche den alten Vorlagen alle Aufmerksamkeit widmet und sie noch dem Vergessen-Werden entreißt. Die Versehrungen der Bildoberfläche betonen das erstaunliche Alter der Szenen. Stefan à Wengen unternimmt schließlich den Transfer von den Neuen Medien – in ihrer „alten“ Verfasstheit – in ein noch älteres Medium, in die Malerei.

Damit setzt er seine bisherigen bildnerischen Recherchen und Verfahren fort, schon im Malerischen, das geradezu „altmeisterliche“ Qualitäten besitzt. Er arbeitet mit Grau-Abstufungen und erzeugt eine Plastizität, welche die Dinge, Sachverhalte körperlich, räumlich erscheinen lässt. Er widmet sich kollektiven Erfahrungen und Topoi der Kunstgeschichte und führt – mit wechselnder Intention – erstaunliche Kom­binatoriken ein. In seinen Bildern ist plötzlich alles anders. So hat er in Meisterwerken der Kunstgeschichte die menschlichen Porträts durch Affen (als Allegorie der Kunst in der Renaissance) ersetzt oder vor die Hütten von Urvölkern die biomorphe Skulptur der westlichen Moderne gestellt oder in einer Art Ahnengalerie seine (bartlosen) Helden der Malerei mit Rauschebärten wiedergegeben, die ihnen Autorität verleihen. Er „färbt“ einzelne Partien in seinen Gemälden farbig ein, und den differenzierten Umgang mit Schwarz-Weiß steigert er mitunter bis zum Eindruck des virtuosen Holzschnitts und arbeitet mit dem Verhältnis der tatsächlichen Flächigkeit von Malerei zur innerbildlich evozierten Räumlichkeit. Er thematisiert dabei, was dieses Medium der Fotografie voraus hat. In einer Serie hat er die Augenpaare von Verbrechern in die Köpfe anderer Menschen gesetzt und untersucht, was das Gesicht über uns mitteilt oder verheimlicht und ob man das Böse erkennen kann. Stefan à Wengen arbeitet in seinen Serien subtil mit dem Bildlicht, das aus der Tiefe wie aus einer anderen Welt aufstrahlt. Das Fremde oder Mystische – aus ganz verschiedenen Bereichen – ist ein wiederkehrendes Element seiner Malerei, auch bei „Boo!-tiful“. Das gilt ebenso für seine Serie zur „Toteninsel“, die 2019 bei Beck & Eggeling zu sehen war: Er hat sämtliche Versionen von Arnold Böcklin in diskreter Klärung des Wesentlichen gemalt, und zwar in seinem eigenen, einheitlich großen Format. Nur das eine verschollene Gemälde von Böcklin hat er im Originalformat zum Leben erweckt – und zu den anderen gehängt.

Arnold Böcklin gehört zu den Künstlern, deren Werke Stefan à Wengen in seiner Kindheit im Kunstmuseum Basel gesehen hat, gemeinsam mit den damals avantgardistischen US-amerikanischen Künstlern wie Cy Twombly oder Jasper Johns, die ihn ebenfalls beeindruckt haben. Geboren 1964 in Basel, hat er an der dortigen Schule für Gestaltung studiert. 1988-1990 lebt und arbeitet er in New York, wo er auch als Assistent von John Armleder tätig ist. Anfänglich lässt sich seine Malerei der konstruktiven Kunst zuordnen. Fragen nach der Originalität und der Inhaltlichkeit initiieren seinen frühen Wechsel in den Realismus. Oft entstammen die Motive dem Vertrauten, dem Rückblick auf die eigene Biographie. Aber genauso interessiert er sich, vertieft später durch Reisen zu den Ureinwohnern auf Papua-Neuguinea, für Ethnologie und befragt das uns Exotische, Außerordentliche und die archetypischen Verwandtschaften zwischen den Kulturen – wichtig ist ihm das Konzept der Wunderkammer.

Im Atelier in Bilk hängen mehrere Bilder aus der Serie „Detected Dictionary“, die er seit mehreren Jahren fortsetzt. Ausgeführt in Mischungen von Schwarz und Weiß und zentriert im 30 x 25 cm kleinen Format, rekapituliert er hier das Inventar seiner Malerei seit seinen Anfängen. Teils im Dunkel verschwindend oder aus diesem auftauchend und teils in wechselnden Ansichten wiederkehrend, zeigt er ein Segelschiff, entnommen der niederländischen maritimen Malerei; den ersten Astro­nauten auf dem Mond; ein Bündel Spargel, welches im Gegensatz zur Darstellung in der Kunstgeschichte aufrecht steht; einen Fliegenpilz; eine Pusteblume; einen Totenschädel; Worte in Druckbuchstaben, welche auf die Schablonen-Schrift der Pop Art und auf seine Erfahrungen in New York zurückgehen. Ebenso hat er konstruktive gegenstandsfreie Körper gemalt, die an sein frühes Werk anschließen und dieses sozusagen in die Dreidimensionalität übersetzen. Bei dieser Serie vergewissert Stefan à Wengen sich seiner eigenen Geschichte und ruft das Potential der einzelnen Motive, gesehen nur für sich, auf. Und auch diese Werkgruppe spricht die elementar existenziellen Themen an, die nun auch die „Boo!-tiful“-Serie kennzeichnen: die Emotion, das Unterbewusste und der Umgang mit Geschichte und ihren Bildern, der uns kollektiv prägt und erst ermöglicht, sich zurecht zu finden. Die Erinnerungen in ihrer Kostbarkeit.

Stefan à Wengen:
Boo!-tiful. 100 Boo!-ties, bis 8. Mai, Beck & Eggeling International Fine Art
Bilker Straße 5, nach Voranmeldung: 491 58 90 oder info@beck-eggeling.de

TH

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