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Porträtfoto: Clematis No Oka, Giulinao Vangi Sculpture Garden Museum, Mishima/Japan

Rosilene Luduvico

Mit geschlossenen Augen

Einmal ist Rosilene Luduvico den Spuren des holländischen Malers Frans Post gefolgt, der sich 1636-44 in Brasilien aufgehalten hat. Im Nordosten ihres Heimatlandes hat sie an denselben menschenleeren, naturbelassenen Orten gezeichnet und dadurch dokumentiert, wie viel von der Atmosphäre und dem Zauber geblieben sind und wie sehr sich die Landschaft verändert hat. Rosilene Luduvicos Gemälde und Zeichnungen sind keine „naturalistischen“ Landschaftsschilderungen. In der Trans­zen­­dierung eigener Wahrnehmungen sind sie vielmehr Konzentrate des Wesentlichen auf der Fläche. Sie tragen eine eigene Intensität, aber auch Innigkeit. So verstanden war das zierliche Gemälde vom einstigen Wasserfall, das mit weiteren Bildern im Dialog mit den Malereien von Frans Post 2006 im Haus der Kunst in München ausgestellt war, ausgesprochen konkret. Gegeben im Panoramablick von Oben, steht eine Rückenfigur vor einem tiefen Abgrund auf dem überhängenden Felsen, der rundum einen grünen See umfängt. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich eine Schneise für das Wasser, das durch das Gebirge hinab fließt. Der einstmals prächtige Wasserfall aus Posts Gemälde ist zu einem Bach geschrumpft, als Folge der Abhol­zung des Regenwaldes und der Klimaveränderung.

Was Frans Post wohl dazu sagen würde? fragt Rosilene Luduvico im Atelier, in einem Hinterhof nahe beim Hauptbahnhof. Wie so oft in ihren Bildern ist die Figur winzig, verknappt, aber klar definiert. Eigentlich besteht sie rein aus Vertikalen, die Extre­mitäten eng aneinander gelegt, als flächige Markierung im und gegen den Bildraum: ein Bildtypus, den sie Mitte der 2000er Jahre entwickelt und bei einem Aufenthalt in New York 2008 weiter konzentriert hat. Damals ging sie von den Obdachlosen im Central Park aus, die ihre Habseligkeiten mit sich tragen. Bei Rosilene Luduvico sind sie fragiler Teil des Bildgeschehens, das ganz aus dem zitternd atmenden Vortrag eines einzigen Farbtones besteht und in dem sie vielleicht verloren gehen.

Die tastende Annäherung an die Erscheinungsformen der Natur kennzeichnet das gesamte malerische Werk von Rosilene Luduvico. Geboren 1969 in Espírito Santo, wo sie in der ursprünglichen Natur aufgewachsen ist, hat sie zunächst an der dortigen Universität studiert, bevor sie 1997 an die Düsseldorfer Kunstakademie und hier in die Klassen von Konrad Klapheck und Siegfried Anzinger gewechselt ist. Bäume, Vögel, Gehölz, Steine und Gräser bilden von Anfang an das motivische Fundament ihrer Malerei, oszillierend zwischen Abstraktion und Realismus. Aber selbst die abstraktesten Farbbewegungen sind augenblicklich gegenständlich zu lesen. Das betrifft auch das Gestöber aus stakkatoartigen farbigen Schwüngen, zwischen das Rosilene Luduvico transparente Schichten weißer Farbe geschoben hat. Die ersten Impulse liefert ihr der weiße Kalkgrund, den sie in leicht expressivem Duktus auf der Leinwand angelegt hat. Als hell strahlender Bildkörper versetzt er das Bildgeschehen in Schwin­­gung. Das gilt auch für die zwei neuen großformatigen Gemälde, die, derzeit in der Kunsthalle Darmstadt ausgestellt, den Rhein als horizontales hellgrünes Band zeigen, das vom einen zum anderen Bildrand reicht. Dezidiert flächig vorgetragen, ist die Oberfläche des Wassers wie eine vibrierende Frottage aufgetragen. Zwischen der unteren Begrenzung des Flusses und dem Bildrand sind zwei bogenförmige Farblinien gezogen und verdeutlichen so den Abstand und die Perspektive, die Rosilene Luduvico an verschiedenen Stellen des Rheins bei Düsseldorf eingenommen hat. Der Horizont selbst setzt tief ein: als vermeintlich leerer, pulsierender Grund, der einen Klang von Unendlichkeit besitzt.
Das andere zentrale Sujet sind Porträts. Die Häupter liegen bildfüllend, teils schräg oder horizontal im Format. Die Augen sind meist geschlossen und bedeuten ein Schlafen und Träumen. Deutlich wird die Vertrautheit zwischen der Malerin und den Porträtierten, die häufig der gleichen oder einer jüngeren Generation angehören. Das Gesicht ist fein ausformuliert und von Haaren umfangen, teils ist noch Natur als Umgebung angedeutet. Die Porträts teilen aber auch sehr direkt mit, wovon überhaupt das Werk von Rosine Luduvico handelt. Die Außenwelt und die subjektive innere Wahrnehmung treten osmotisch in Beziehung oder, wie Jutta Meyer zu Riemsloh schreibt, diese Darstellungen „sind bildgewordener Ausdruck in der Ambi­valenz zwischen Wirklichkeit und Imagination.“ (Kat. Kunstverein Münsterland 2010) In diesem Sinne thematisiert Rosilene Luduvico auf denkbar zarte und zurückhaltende Weise den vorsichtigen Umgang mit der Umwelt. Mit ihren Bildern im Kopf hört man in der Zivilisation aufmerksamer hin, sieht die Natur genauer und tritt rücksichtsvoller auf.

Rosilene Luduvico stellt, mit anderen Künstlern, aus bei:

tiefkeller, 1.7.-6.8., Prinz-Albert-Str. 35 in Bonn,
und Planet 9, bis 27.8. in der Kunsthalle Darmstadt.

Und, für Japanreisende: Zwei Gemälde, die Rosilene Luduvico bei einem Stipendiatenaufenthalt im Frühjahr gemalt hat, sind bis November im Giuliano Vangi Sculpture Garden Museum in Mishima zu sehen.

TH

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