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Porträtfoto: © Miggel Schwickerath

Peter Schwickerath

Der Raum dazwischen

Unauffällig hinter der plastischen Kunst hängt im Wohnhaus eine kleine gerahmte Arbeit aus vier, zum Block angeordneten farblichen Varianten eines Holzschnitts, der einen weiblichen Akt seitlich von der Brust bis zu den Knien in Schreitbewegung zeigt. Unterschiedlich gekippt, weisen die vier schematisch voluminösen Körperausschnitte tänzerisch in verschiedene Richtungen und aktivieren den Bildraum. Entsprechend sind die Stege des darauf liegenden Passepartout-Kreuzes verschoben. Sie trennen ebenso wie sie die Beziehung zwischen den Teilen unterstützen: Schon in dieser frühen, nebensächlichen Papierarbeit von 1972 finden sich zentrale Aspekte der – ungegenständlichen – Stahlplastiken, die das Hauptwerk von Peter Schwickerath bilden.

Schwickerath gehört zu den wichtigen Stahlbildhauern hierzulande. Geboren im November 1942 in Düsseldorf, hat er an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen studiert, war anschließend in Düsseldorf Schüler des Steinbildhauers Curt Beckmann und hat 1966-68 die Bildhauerklassen von Norbert Kricke und Manfred Sieler an der Kunstakademie besucht. Zum Metall als Material findet er bereits in dieser Zeit. Seine Stahlplastiken lassen sich bis heute weitgehend der Konkreten Kunst zuzuordnen, sie sind auf das Maß des Menschen bezogen und bestehen häufig aus zwei Teilen, die miteinander korrespondieren.

Das und den „Raum dazwischen“ kennzeichnet auch Schwickeraths Skulptur „Durchdringung“ (1978/79) auf den Rheinwiesen in Oberkassel. Sie besteht aus zwei 80 cm breiten Edelstahl-Röhren, die mit Abstand gegenläufig schräg aufragen und knapp über dem Kopf des Betrachters schließen. Beide Zylinder sind an einer Stelle geöffnet und dort mehr als die Hälfte ausgehöhlt. Nimmt der Betrachter eine bestimmte Perspektive ein, so schließen die runden Freiräume schräg verlaufend aneinander an wie zur Auflage für eine genauso breite dritte, quer verlaufende Röhre. Die Skulptur lädt zur Umrundung und zur Justierung des Blicks auf unterschiedlichen Höhen ein, dabei ist sie ein kombinatorisches Vergnügen mit der Sicht auf das andere Rhein­ufer.

Eine weitere Skulptur von Peter Schwickerath steht in der Kaiserpfalz in Kaiserswerth. Hier ist ein konturierendes Gerüst aus Baustahl, das an einen Grundriss und ein halbrundes Portal zugleich erinnert, von der Bodenplatte ausgehend in die Vertikale hochgeklappt und dort aufgefächert und lässt sich in der Vorstellung wieder zu einem rechteckigen, geschlossenen Block zusammenfügen. Ganz in der Nähe, im Lantz‘schen Park, ragt ein Doppel-T-Träger mehrere Meter steil in die Höhe, setzt sich in einer leicht schrägen Achse fort, die eingefügt ist und ihn zugleich umklammert, und wechselt zuoberst wieder in die Vertikale und wirkt dadurch statisch und dynamisch zugleich, als Linie und als plastischer Raum. Und im Nordpark steht eine große, 5 cm schmale quadratische Stahlwand, bei der eine dreieckige Fläche leicht abgeknickt ist, damit aber schon zum plastischen Ereignis wird. – Peter Schwickerath selbst hat zur formalen Essenz seiner Skulpturen geschrieben: „Das Verhältnis von Masse und Raum, Volumen und Raum und die Wirkungen von Flächeneinrichtungen im Raum sind das Thema meiner Arbeiten. Die Fläche als Begrenzung des Körpers, die Linie als Kante beim Zusammentreffen von Körperflächen sowie die Farbe und Struktur des Materials sind die Mittel. Die von mir bevorzugten eindeutig definierten Formen […] haben in ihrer unterschiedlichen Anordnung, im Wechselspiel von Masse und Volumen das Ziel, räumliche Bezüge darzustellen und erkennbar zu machen.“

Er bevorzugt den üblichen Stahl gegenüber dem Edelstahl: mit seiner Masse und kompakten Dichte, im geradezu spürbaren Gewicht und der erdigen Präsenz der Fläche. Anfänglich dunkel changierend, partiell abblätternd, verändert sich diese unter dem Einfluss von Wind und Wetter allmählich zu einer einheitlichen, taktil pulsierenden rotbraunen Schicht. Eisen repräsentiert nicht nur das Zeitalter der Industrie und den technischen Fortschritt und ist auch nicht allein Ausdruck von Härte und Widerständigkeit. Vielmehr wird es als glühende flüssige Substanz aus dem Inneren der Erde gewonnen und trägt deren Geschichtlichkeit mit den damit verknüpften Konnotationen in sich, schon dass der Prozess des Erkaltens und die Bearbeitung mit dem Schneiden, Schweißen und Schmieden sichtbar bleiben und das Gegen- und Miteinander gewaltiger Kräfte zum Ausdruck bringen. Schwickerath erkundet, wie weit er das Material dehnen und belasten kann, wie das tonnenschwere Gewicht die Balance hält und wie die verschiedenen Partien passgenau ineinander greifen.

Seinen Werken liegen einfache stereometrische Körper zugrunde: Säulen, kreisförmige Scheiben und Kreissegmente, dicke Platten, aber auch dünnere Flächen, etwa als aufgerichtete Elemente mit einzelnen abstehenden Stegen. Er konzipiert mit Spiegelungen und Drehungen, so schneidet er Scheiben schräg aus der Platte aus, dreht sie um 180° und setzt sie verrückt wieder auf die Öffnung auf. Die meisten seiner Plastiken stehen auf der Erde, auch entstehen Reliefs und dezidierte Bodenplasti­ken auf einer Ebene mit dem Betrachter und in ihrer Struktur von oben einsichtig. Anschaulich sind auch hier die skulpturale Handlung, das Interagieren der verschiedenen Partien, die sich aufeinander beziehen und die Einheit von Ma­terial, Formen­sprache und der jeweiligen Intention. Über allem steht die Erfah­rung, ergänzt Peter Schwickerath und lacht: Trotz der schweren Gewichte, der aufwändigen Organisation und dem Delegieren an technische Betriebe mache es nach wie vor Spaß. In seinem Skulpturengarten in Lohausen, in dem Skulpturen aus verschiedenen Phasen das Spektrum der Fragestellungen vor Augen führen, sind aber auch die ganz frühen, organisch geformten Skulpturen in Holz und Stein zu sehen, die bereits Volumen und Masse betonen. Einmal mehr wird deutlich, dass die Kunst von Peter Schwickenrath weit über das Ausloten formaler Verhältnisse hinausgeht und sich ebenso unserem Zurechtfinden auf der Erde auf Grundlage der Naturgesetze widmet: im Zusam­men­wirken von geistiger Verfasstheit und leiblicher Erfahrung, statisch und in der Bewegung.

Peter Schwickerath ist beteiligt bei:
„3.452 m³“, bis 21. August in der Künstlerzeche Unser Fritz 2/3,
Zur Künstlerzeche 10, 44653 Herne.
Zum Jahresende erscheint eine Werkmonographie im Wienand Verlag.

TH

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