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Porträtfoto: © Neringa Naujokaite, Düsseldorf

Neringa Naujokaite

Soziale Räume

So verschieden die Fotoserien, Videoarbeiten und Videoinstallationen auch sind, die Neringa Naujokaite seit den 1990er-Jahren geschaffen hat, sie wenden sich doch durchgehend der Befindlichkeit des Einzelnen in unserer Gesellschaft zu. Sie fokussieren die Orte des Wohnens und Arbeitens und sprechen die urbane Umgebung und die sozialen Kontakte an. Je nach Erzählung und Kontext wechselt Naujokaite in ihren Werken von der unmittelbaren Nähe in eine überschauende Perspektive: Ihre Aufnahmen zeichnet ein respektvolles Herantasten an die individuellen Geschichten und kollektiven Umstände aus, verbunden mit aufmerksamer Beobachtung. So konzentriert sich eine Videoarbeit von 1999 ganz auf die Gesichter einzelner Patienten der psychiatrischen Klinik in Bedburg-Hau. Die Standfotos wechseln fließend zwischen Verschwinden und Erscheinen; auf Unschärfen folgt etwa ein Heranzoomen oder ein Verschieben des Bildfeldes hin zur Peripherie des Kopfes, bis die Aufnahme abstrakt und dann, einige Einstel­lungen später, glasklar und scharf ist. Das alles findet in großer Ruhe, entschleunigt statt, auch das kennzeichnet das Werk bis heute.

Einen Einblick in die Konzepte von Neringa Naujokaite vermittelt derzeit die thematische Ausstellung „Der Traum vom Wohnen“ im Museum Ratingen. Im Pro­­­jekt­­raum des Museums ist das Video „Horizon“ (2010, 8 min.) auf einer großen Leinwand zu sehen. Es stellt eine junge Frau auf einer Terrasse in der chinesischen Megacity Chongqing vor, umgeben von Hochhäusern und mit dem Blick in die Ferne und auf die beiden Flüsse ganz unten, und über all dem liegt der Smog. Die Frau, die in einem der beengten Apartments der Hochhäuser lebt, beschreibt ihre Leidenschaft für Musik und ihre Wünsche nach Selbstverwirk­li­chung. Das Hintergrundrauschen der Stadt wird allmählich überlagert von elektronischen Soundcollagen, begleitet von Textzeilen. Thema von „Horizon“ sind Erwartungen und Hoffnungen zumal der jungen Generation in der Großstadt, die Rolle der Architektur dabei, deren Funk­tiona­lismus jeden Individualismus sprengt, und aufgenommen hat Neringa Naujokaite die Sequenzen des Videos während eines Stipendiums vor Ort, das sie vom Kul­turamt Düsseldorf für die chinesische Stadt erhalten hat.

Neringa Naujokaite wurde 1966 in Kaunas in Litauen geboren; heute wohnt sie in der Künstlerkolonie an der Franz-Jürgens-Straße in Golzheim. Sie hat zunächst an der Kunstakademie in Vilnius studiert und ab 1992 das Kunststudium an der Aka­demie in Düsseldorf (bei Günther Uecker und Magdalena Jetelová) und abschließend an der Kölner Kunsthochschule für Medien fortgesetzt. Ihre Werke mit den Neuen Medien gewinnen schnell an formaler Komplexität. Text – sei es in Lauf­bän­dern oder in Blöcken auf eigenen Projektionsflächen – spielt häufig eine wichtige Rolle, hinzu kommt mitunter die Stimme der Protagonisten. Die Projek­tionen der Installationen umfassen oft mehrere Kanäle, wobei die Projektionsflächen an verschiedenen Wänden im Raum oder im Winkel zueinander hängen können und dann den Betrachter umfangen oder ihn zur Bewegung auffordern und so erst recht in die Arbeit einbeziehen. Mehrere Panels können als hochoblonge Streifen mit gleichmäßigem Abstand zueinander hängen. Das Verfahren der Rasterung kennzeichnet schon mehrere der Videos und der fotografischen Serien selbst, die, geprinted als Diasec, linear nacheinander folgen.

In Chongqing ist auch eine Folge von Farbfotografien entstanden, die einzelne Ansichten der Stadt, ihre billigen, schnell gebauten Behausungen und die Arbei­ter auf Baustellen frühmorgens im nebligen Smog zeigen, so dass sich ein Hauch des Romantischen, in dem die Farbigkeit heruntergefahren ist, über die harte Realität mit dem bitteren Alltag legt. Ihr gehe es „um die Machtlosigkeit eines einzelnen Menschen gegenüber den gnadenlos kapitalistischen Tendenzen im kom­­munistischen China“, hat Neringa Naujokaite dazu gesagt. „Es geht auch um die globalen Probleme wie Armut, Luftverschmutzung und das rasante Wachs­tum.“ (Kat. Ratingen 2021).

Anders verfährt sie bei der fotografischen Serie „Schwarz Weiß Grau“ (2018), die in Schwarz-Weiß-Aufnahmen in einem Interieur nach oben, zum Türsturz, dessen Kassetten und die Decke darüber blickt und so auf reduzierte Weise die Anlage der Zimmer und deren Charakter als Durchgang und Aufenthaltsort definiert. Mit jeder Fotografie vergegenwärtigt der Betrachter ein bisschen mehr die Strukturen einer Behausung, die zunächst kaum etwas von sich preiszugeben scheint und doch so klar, mit präzisen Schnitten gegeben ist. Unterstützt wird die geometrische Ordnung vom Licht, das die Linien betont. Tatsächlich zeigt „Schwarz Weiß Grau“ über Augenhöhe eine restaurierte Altbauwohnung der 1930er Jahre in Kaunas. Den Prozess der Restaurierung der denkmalgeschützten Wohnung selbst thematisiert die vorausgehende Video- und Diainstallation „Art Deco“, die, bestehend aus jeweils drei Kanälen, 2018 in Kaunas vorgestellt wurde. Sie befragt, wie die Stadt mit ihrem kulturellen Gedächtnis verfährt. Neringa Naujokaite arbeitet die Ästhetik architektonischer Strukturen heraus, die zwischen Funktionalität und Zierde oszillieren.

Während die Fotokamera bei „Schwarz Weiß Grau“ nach oben gerichtet ist, nimmt sie in der aktuellen Fotoserie „Grauzone“ (2020) eine Position schräg von der Seite oder im frontalen Gegenüber ein. Hinter den Rastern und Stegen von Zäunen und Gittern sind temporäre Flüchtlingsheime, fotografiert in Düsseldorf, zu sehen. Die Ausschnitte sind eng gefasst, die Gebäude rücken hinter den Absper­rungen auf Distanz und wirken anonym und wie unwirklich, ja, unvorstellbar. Teils sind die Gitter unscharf und die Gebäude klar gegeben, teils kehrt sich das Verhältnis um. Menschen kommen nur selten vor. Und auch wenn der Ein- und Ausgang zu den Lagern offen ist und die Flüchtlinge sich frei bewegen können, so wird hier doch Isolation anschaulich, ein Gefühl des Ausgeschlossen-Seins und der Ausgrenzungen, noch dazu indem die Umzäunungen eigentlich dazu dienen, die Unterkünfte vor dem Zugriff von außen zu schützen. Die Aussagen der Werke von Neringa Naujokaite sind subtil und eindeutig. Sie zielen auf Identifikation und Teilhabe in einer kaum fassbaren Gegenwart.

Neringa Naujokaite ist beteiligt bei: Der Traum vom Wohnen,
bis 1. November im Museum Ratingen.
Im August ist ihr Buch „Art Deco. Eine Studie zur Rekonstruktion eines Zwischenkriegszeitinterieurs“ im Kettler Verlag, Dortmund erschienen

TH

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