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Mischa Kuball
Porträtfoto: Ralph Görtz

Mischa Kuball

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Zwei Monate früher, und der Artikel hätte auf „(blackout)“ verweisen können, Mischa Kuballs Intervention am Museum Glaskasten im Rathaus-Gebäude Marl: Die rundumlaufende Glasfront, die den öffentlichen Raum von dem Skulpturen­museum trennt, war innen durch einen Gaze-Stoff verhängt. Mit Beginn der Dämmerung leuchteten von hinten Strahler, weißes Licht ging bedächtig an und aus und wechselte seine Intensität und Helligkeit. Von draußen sah man durch die Gaze nebeneinander fünfzehn Skulpturen aus verschiedenen Phasen des Muse­ums wie in einem Nebel, als Nachbild auf der Netzhaut oder als Schattentheater. Was bleibt von der Skulptur, wenn ihr der Raum entzogen ist? Die Intervention von Mischa Kuball schuf neue Bedingungen für das Sehen und Begreifen, um etwas vermeintlich Bekanntes neu zu erfahren. Und indem zugleich einzelne Etagen der beiden flankierenden Türme weithin sichtbar leuchteten, wurde das Museum als essenzielle Einrichtung im städtischen Geschehen hervorgehoben.

„(blackout)“ war die Abschiedsvorstellung des Museum Glaskasten mit seiner Sammlung, aufgeführt über zwei Monate, ehe schlagartig die Lichter ausgingen. Das Museum zieht in den nächsten Jahren in ein ehemaliges Schulgebäude um. Dass Mischa Kuball zu diesem Anlass den künstlerischen Beitrag schuf, liegt an seiner Rolle für die Lichtkunst und seinem Interesse an gesellschaftlichen und soziologischen Fragestellungen. Hinzu kommt seine Verbundenheit mit dem Museum Glaskasten, schon durch die Teilnahme am Marler Video-Installationspreis, aber auch die Intervention „les fleurs du mal (Blumen für Marl)“ 2014 an diesem Ort, der noch die städtische Verwaltung beherbergt. Der Titel war Baudelaires Gedichtband entlehnt und wandte sich mit seinem Wortspiel der ambivalenten Komplexität der Vorgänge hier zu. Er stand als Leuchtschrift in Versalien zuoberst der Fassade mit der breiten Treppe. Daneben hatte Kuball eine Betonvase platziert, in die die Passanten Blumen stecken und sich über die Kommunalpolitik, bürgerschaftliche Teilhabe und die Rolle der Kultur austauschen konnten.

Die beiden Beiträge in Marl decken zentrale Aspekte seines Werks ab. Das beginnt mit der Einlassung auf einen Ort, um sich seiner (häufig architektonischen) Ressour­cen bewusst zu werden und ihn weiter in der Gesellschaft zu verankern. Seine bevorzugten Mittel sind (künstliches) Licht und Sprache, Text, ein hoher konzeptueller Anteil, dazu die Partizipation des Publikums, etwa in der Bewegung der Passanten oder als theatralische Akti­vität, die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Mischa Kuball, der seit 1977 im öffentlichen Raum arbeitet, hat über die Jahre ein weites Repertoire im Umgang mit dem Licht entwickelt, das er je nach lokaler Situation und Intention variiert: als eigener Lichtkörper, als Beleuchtung oder auch Projektion. Licht ist „Werkzeug“, das sichtbar macht, überhaupt erst erzeugt und zur öffentlichen Diskussion stellt. Licht steht (buchstäblich) für Aufklärung und Bewusstwer­dung. Es lädt Räume energetisch auf, markiert, wird zum gleißenden Nebelfeld als Aktion bei Nacht, ist starr oder be­­weglich, dreht sich, unterstützt von Disko­­­kugeln, im Kreis, tritt als flackerndes Blitzen auf, projiziert einen Schriftzug, einzelne Buchstaben oder geometrische Formen, die sich dehnen und verzerren, es (ver)schwimmt und es fokussiert messerscharf und es bricht sich an Glas und ändert infolgedessen seine Richtung. Es provoziert eine emotionale Befind­lich­­­keit, ist immateriell und initiiert den Schattenwurf und entzieht sich in der Bewegung.
Unvergesslich ist Mischa Kuballs Beitrag zur Jüdischen Synagoge in Stommeln 1994. Diese hatte die NS-Diktatur nur aufgrund der zeitweiligen profanen Nut­zung überlebt. Kuball hat den Innenraum mit Licht geflutet, welches durch die Glasfenster regelrecht nach draußen strömte. Zu sehen war eine Skulptur aus Licht, nicht zu fassen, majestätisch und geradezu leiblich spürbar. An der Straße ein Stück zurückgesetzt, drang das Licht bis zu dieser vor und legte die benachbarten Fassaden und Gärten in der Dunkelheit, in der sie sich ansonsten verbargen, ein Stück weit frei. Das Bedeutungs­spektrum von Kuballs „Refraction House“ reichte von der Vorstellung von Feuer einerseits – mit dem deutlichen Hinweis auf die Pogromnacht – bis zur Symbolik für Erkenntnis andererseits.

Mischa Kuball wurde 1959 in Düsseldorf geboren, hier lebt er auch. Er hat erst am ZKM in Karlsruhe gelehrt und ist seit 2007 Professor für Kunst im öffentlichen Raum an der KHM in Köln. Seit seinem internationalen Debüt in der Galerie von Tibor de Nagy in New York 1987 und seiner Teilnahme an der Ausstellungstournee der Ars Viva Stipendiaten 1990/91 ist er als Licht- und Konzeptkünstler gefragt, über die einschlägigen Räume und Biennalen für Medienkunst hinaus. Zu den herausragenden Institutionen der jüngsten Zeit gehört das Jüdische Museum Berlin (2017-2019). Ausgehend von den Grundrissformen der von Daniel Libeskind integrierten Leerräume, warfen rotierende Projektoren Lichtflächen auf zwei dieser Bereiche, intensiviert von sich drehenden Spiegelflächen und Stroboskopen, dazu waren Soundschnipsel von 250 Künstler*innen zu hören. Das Licht streifte die Besucher und vergegenwärtigte, als Motiv der Architektur, ihre Anwesenheit, aber auch Verantwortung: Das Publikum trat in Erscheinung.

In anderen Zusammenhängen setzt Kuball das Licht als Spot im Außenraum, so dass sich die Passanten in einem markierten Bereich wie auf einer Bühne verhalten: auf einer umgedrehten Getränkekiste bei der Installation „Sprechers Ecke“, die Mischa Kuball 2015 als angestrahlte Freifläche im Rahmen der Ausstellung „10 qm“ in Köln geschaffen hat und die über die berühmte Plattform zum Aussprechen drängender Anliegen im Londoner Hyde Park hinaus auf Marcel Broodthaers‘ dortige Performance 1972 anspielte. - Oder auf Dauer im Park von Schloss Morsbroich in Leverkusen. Bei „park stage“ sind vier Kreise aus Stein in der Erde eingelassen. Sie werden beim Betreten der Rasenfläche mit hellen Lichtkegeln aus den Bäumen angestrahlt, begleitet von leisem Sound, den Kuball zuvor an diesem Ort eingespielt hat. Beide Außeninstallationen gehören zu Kuballs Reihe „public preposition“, die seit 2009 an öffentlichen Orten zur Teilnahme einlädt und damit Plätze schafft und Diskussionen anregt.

„park stage“ war die Ouvertüre zur Ausstellung „ResonanzRäume“, die Anfang Dezember im Museum Schloss Morsbroich eröffnet wurde und exemplarisch Werke der letzten 20 Jahre vorstellt. Allerdings entfalten sie in den eher kleinen Räumen und ohne das Akute ihres ursprünglichen Kontextes nicht immer Notwendigkeit. Bei „Leverkusen_transfer“ ist das anders, hier schließt sich sozusagen der Kreis. 2017 stand die Kündigung des Museums im Schloss Morsbroich seitens der Stadt­verwaltung zur Diskussion. In Reaktion darauf und als Beitrag zu einer Ausstellung über Partizipation als künstlerisches Prinzip hat Kuball einen Bodenbelag nach dem Grundriss eines der Ausstellungsräume angefertigt und ihn zwei Wochen vor dem Leverkusener Rathaus ausgelegt. In dieser Zeit sammelten sich darauf zufällige Schuhspuren von Passanten, aber auch der Akteure, die für das Museum warben. Kuball hat nun innerhalb seiner Werkschau die betretene Folie in ihren Museumsraum eingepasst. Laufen wird zum dokumentierten Statement.

Völlig anders wirkt, in Leverkusen im zweiten Obergeschoss, die Konzept-Arbeit „New Pott“, realisiert anlässlich von RUHR.2010. Kuball hat im Ruhrgebiet 100 Familien unterschiedlicher Nationalität besucht, die ihm, als Video festgehalten, die Geschichten ihrer Herkunft, ihrer Reise und ihres Lebens in Deutschland berichteten. Auf den Fotografien (die Egbert Trogemann aufgenommen hat) leuchtet stets eine Kugellampe, die Kuball als Gastgeschenk mitgebracht hat und indirekt noch auf seinen Beitrag für die Biennale São Paulo 1998 verweist, als er dort in etlichen Privatwohnungen deren Lampen gegen neutrale Leuchten tauschte und die Lampen in ihrer Unterschiedlichkeit – erleuchtet – im deutschen Pavillon zusammenrückte. Teil von Kuballs Werken ist seine Recherche, die je nach Ausstellung, Kontext und Projekt architektonisch oder/und soziologisch, politisch oder auch historisch ausgerichtet ist und z.B. Fragen der Wahrnehmung und der Auseinandersetzung mit dem kulturellen Gedächtnis und einer Neubewertung der Moderne nachgeht und in teils aufwändige, noch archivalische Installationen übersetzt, wie zu Emil Nolde und seiner NS-Vergangenheit, vorgestellt in der Draiflessen Collection in Mettingen 2020.

Aktuell ist eine rein sinnliche Arbeit draußen, im Ruhrgebiet zu sehen. „CATCH AS CATCH CAN“ im BernePark in Bottrop wurde als Gemeinschaftsarbeit mit Lawrence Weiner für den Emscherkunstweg 2010 produziert. Der vor kurzem restaurierte Beitrag von Mischa Kuball besteht aus LED-Bändern an den oberen Rändern der beiden Klärbecken, die sukzessive aufleuchten und so im Kreis zu fließen scheinen: Manch­mal sind diese Werke im Dunkeln, die auf nichts als Licht und Bewegung, unser Sehen und unser körperliches Dasein dabei weisen, unübertrefflich tiefgründig.

Mischa Kuball - ReferenzRäume
bis 24. April im Museum Schloss Morsbroich in Leverkusen

Außerdem ist Mischa Kuball beteiligt bei: Macht! Licht! 12. März – 10. Juli im Kunstmuseum Wolfsburg

TH

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