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Porträt Marcel Odenbach vor Marcel Odenbach, Selbstporträt, 2017, Collage, Fotokopien, Bleistift, Tinte auf Papier, 151 260 cm, Sammlung Claudia & Bernard Huppert, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021
Foto: Andreas Endermann, courtesy Kunstsammlung NRW

Marcel Odenbach

Der bittere Ernst der Fakten und Bilder

Eine derart umfassende, Mitte der 1970er Jahre einsetzende Werkschau ist auch für Marcel Odenbach eine Premiere. Es habe noch nie eine solche Durchmischung seiner Werke gegeben, sagt Odenbach in K21 im Ständehaus und ergänzt: Aber es ergäbe Sinn. Die Ausstellung verdeutlicht, wie seine Verfahren des Videofilms und der Collage aus Papier über die methodologische Verwandtschaft hinaus gemeinsam seine Themen aufgreifen und weiter vertiefen.

International ist Marcel Odenbach längst etabliert, er hat an der documenta und Biennalen überall auf der Welt teilgenommen, nun ist sein Werk gleich mehrfach in der Region präsent. Er hat jüngst im Krefelder Kaiser Wilhelm Museum im Dialog mit dessen Sammlung ausgestellt. Er erhält den Kölner Wolfgang-Hahn-Preis der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig und wird dort seine „Schnittvorlagen“ zeigen: Überwiegend im Format DIN A3 als Typologien aus Printmaterial entstanden, sind sie Stoffsichtung und Archiv für die „eigentlichen“ Werke. Diese, die Videofilme und Videoinstallationen und die oft großformatigen Bildcollagen sind nun also in Düsseldorf zu sehen, wo er bis zum Sommer für ein Jahrzehnt die Professur für Film und Video an der Kunstakademie inne hatte.

Zuvor hat er in Köln an der Kunsthochschule für Medien unterrichtet; darüber hinaus war er als Gastprofessor in Amsterdam, Karlsruhe, Kumasi/Ghana, Los Ange­­les und Berlin tätig. Aber Marcel Odenbach, der 1953 in Köln geboren wurde und dort lebt und arbeitet, ist unterwegs auf der ganzen Welt, wie er sagt: als For­schungsreisender, der für seine Werke an Ort und Stelle der Geschehnisse recherchiert und dort auch die Filme dreht. Ausgangspunkt seines Werkes sind autobiographische Bewusstwerdungen, im besonderen die Verstrickung von Tei­len seiner Familie in den deutschen Kolonialismus und in den Nationalsozialismus und die Zuweisung von Geschlechterrollen. Die Themen, die im Zentrum seines Schaffens stehen, betreffen Fragen der Identität des Einzelnen; normative Vor­gaben der Gesellschaft; die Okkupation afrikanischer Staaten durch europäische Mächte und die Folgen in der heutigen Globalisierung; die Verbrechen der Nazi-Diktatur, ihre Propagandamaschinerie und das Fortleben von Rassismus und Gewalt. Odenbach geht in der Umsetzung von dokumentarischen Belegen der Ge­­schehnisse aus, die er in seine Darstellungen einflechtet und ihnen unterlegt. Sein zentrales Verfahren ist die Collage bzw., beim Film, die Montage. Er verzahnt die Gegenwärtigkeit schon des Filmdrehs mit der Vergangenheit, die hier passiert ist und Spuren hinterlassen hat. Oder er befragt subtil Rituale und den Tagesalltag vor dem Hintergrund der Geschichte und hält inne, entschleunigt das Sehen, überlagert es mit Zeugnissen, die sachlich und schockhaft sein können, und kehrt zum Kontinuum der Schilderung zurück. Dazu nehmen seine Videoarbeiten in ihrer zeitbasierten Lesart Umkreisungen und Annäherungen vor, oft um Sequenzen für das Unaussprechliche zu finden. Unterschwellig stellt sich ein Gefühl der Trauer ein. „Was man als kollektives Gedächtnis bezeichnet, ist kein Erinnern, sondern ein / Sicheinigen – darauf, daß dieses wichtig sei, daß sich eine Geschichte so und / nicht anders zugetragen habe, samt den Bildern, mit deren Hilfe die Ge- / schichte in unseren Köpfen befestigt wird.“, steht als Band unter den vier, mit unterschiedlichen Mitteln umgesetzten Zeichnungen bzw. collagierten Zeichnungen zu „Er wollte nur zur Arbeit gehen“ (2008), die den Ausschnitt eines Mannes zeigen, Aktentasche in der einen Hand und das Jackett über dem Arm. Was hier im besonderen, über diesen Grundton hinaus, behandelt wird, teilt der collagierte Text im Hintergrund des zweiten Blattes mit.

Eine wichtige Rolle spielt bei den Videofilmen der Sound, meist von Richard Ojijo, der Spannungsbögen aufbaut und hält und Vortragszitate beinhaltet und den Hans Nieswandt als „Übersetzung der Bilder in Töne“ bezeichnet (Kat. Düsseldorf 2021, 149). Häufig verwendet Odenbach eine zweite Projektionsfläche, die, nebeneinander platziert, wie ein Echo wirkt, das Geschehen fortsetzt oder, umgekehrt, wiederholt, näher rückt. Im rechten Winkel platziert, erfasst sie die Szenerie aus einer weiteren Perspektive, so etwa in der Doppelprojektion „Männergeschichten 1“ für die Biennale Istanbul 2003, die in einem türkischen Barbiersalon Aspekte von sexueller Selbstverwirklichung und Heimat und die Fesseln in dieser thematisiert und dazu Ausschnitte aus dem Film „Yol – der Weg“ integriert. Das Verteilen des Rasierschaums auf der Wange wechselt fließend mit der berühmten Filmsequenz des Mannes, der sich durch den Schnee und das Schneetreiben schleppt. Die visuelle Attraktivität und die überraschende assoziative Kombinatorik sind wiederkehrende stilistische Mittel dieser Videofilme. Er sei von Hitchcock geprägt, sagt Marcel Odenbach, von dessen Setzungen von Reizen.

Marcel Odenbach ist zunächst, in den 1970er Jahren mit Textzeichnungen sowie mit Performances und Konzeptzeichnungen zu diesen und den Videoperformances in Erscheinung getreten, die sich der eigenen Persönlichkeit, der Biographie und der Umgebung vergewissern. Die Hinwendung zum Video als damals neuem Medium erfolgt schon bald; in Deutschland gilt Odenbach als einer ihrer Pioniere. Mit Klaus vom Bruch und Ulrike Rosenbach gründet er 1976 in Köln „ATV“ (ab 1980: „Videorebellen“) als Label, mit dem er im folgenden Jahr den Piratensender „Alter­nativ-Television“ in die Fernseher in der Nachbarschaft einspeist. Die jungen Künstler_innen nutzen das Repertoire des etablierten Fernsehprogramms, indem sie es für ihre Zwecke der kulturellen und politischen Aussage verändern. Im Hinblick auf seine eigenen Beiträge sagt Odenbach: „Fernsehen war unsere Galerie“. Die Themen seiner frühen, ebenfalls im Ständehaus vorgestellten Filme sind die deutsche Wirklichkeit dieser Jahre, im besonderen die RAF mit ihrer Bild­sprache, weiterhin die damals einsetzende Scheidung der Nord- und der Südhälfte der Erde und, etwa bei Stipendien-Aufenthalten, das eigene Zurecht­finden in den oft fremden Zivilisationen. Schon in diesen frühen Videos auf einem Monitor arbeitet Odenbach mit dem Split Screen und den Möglichkeiten der Montage, mit Überschneidungen und Überblendungen und retardierenden Momenten, die Zeit bewusst machen.

Die Bildcollagen entstehen seit den frühen 1990er Jahren. In ihrer motivischen und farblichen Präsenz, bei der einzelne Sujets groß und prägnant im Bildfeld stehen und dazu im lasierenden Auftrag von Buntfarben malerisch auf die Fernwirkung angelegt sind, vollzieht sich aus der Nähe ein Umkippen: Was zuvor gegenständlich, figurativ lesbar war, wird abstrakt und zerfällt in ausgeschnittene Teile aus ihrerseits realistischen Darstellungen, darunter neben Fotografien und Zeichnun­gen Texte, die die Darstellung in ein völlig anderes Licht setzen, etwa auf das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo oder die vermeintliche Bergidylle im Nationalsozialismus oder den Machtmissbrauch von Joseph Kabile weisen.

Zunehmend ist das Schicksal des afrikanischen Kontinents in das Zentrum von Odenbachs Arbeit gerückt. Die halbstündige Zwei-Kanal-Videoarbeit „In stillen Teichen lauern Krokodile“ (2002/04) thematisiert den Völkermord radikalisierter Hutu an den Tutsi in Ruanda. Die Schilderung der Landschaft und des Arbeitsalltags wechselt auf vorsichtig verhaltene Weise mit Massengräbern und Leichen, am Schluss gefolgt vom andauernden Schrei eines einzelnen Jungen. Odenbach verwendet dazu Material aus dem Archiv der Vereinten Nationen und Radio­auf­nahmen, die zum Kampf gegen die Tutsi aufgerufen haben. Die Videoarbeit „Tropenkoller“ (2017) wiederum stellt die Geschichte der Ausbeutung im Kolonialismus neben die heutige Realität am Beispiel von Togo; neben filmischem Passagen sind rassistische und ideologische Textstellen der deutschen Kolonial­herrschaft in Frakturschrift eingeblendet.

„Das große Fenster, Einblick eines Ausblicks“ (2001) wendet sich der Lüge einer schönen heilen Welt der Nationalsozialisten am Beispiel der Aussicht aus Hitlers Feriendomizil auf dem Obersalzberg zu. Im Fenster tauchen Szenen auf, in denen Hitler Kinder liebkost und die Hitlerjugend die Natur genießt – im Wechsel mit Filmmaterial zerstörter Städte. Indem eine Hand den Vorhang des Fensters von innen her aufzieht, wird das Fortleben der Täuschungen und Propaganda in der Gegenwart angesprochen. Eine andere Form des Plastischen unternimmt „Beweis zu nichts“ (2016) als Zwei-Kanal-Videoinstallation, die das Denkmal von Fritz Cremer, geschaffen im Auftrag der DDR, für das KZ Buchenwald geradezu skulptural, körperlich nachvollzieht. Die Kamera tastet die Gesichter und Gesten der monumentalen Steinfiguren ab, auch hier unterlegt mit filmischem Material und einem Sound, der u.a. Heiner Goebbels „Eislermaterial“ hinzuzieht. Wie sehr Marcel Odenbach dabei am Aufrüttelnden, Mahnenden für die Gegenwart liegt, belegen noch sein Videofilm und seine kleinformatige Collage zum rechtsradikalen Attentat am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn im Jahr 2000, das nie aufgeklärt wurde: Sie sind wie eine Klammer an den beiden äußersten Rändern der Aus­stellung platziert.

Im räumlichen Zentrum der Ausstellung aber, im Videoraum, ist „Wer Leidet der Schneidet“ (2019) zu sehen: eine Hommage an John Heartfield, entstanden als Beitrag zu dessen Ausstellung in der Akademie der Künste in Berlin. Heartfield gilt als Erfinder der politischen Fotocollage, der seine Motive aus den Zeitungen schnitt und kombinierte und damit gegen die Verbrechen der Weimarer Republik und der Nazidiktatur wetterte. Da ist die Subjektivität seiner Handschrift, seiner künstlerischen Neuerungen, auf die er gegen alle Vorsicht und Konvention pocht: „Ich weiß schon, aber es scheint mir besser so zu sein“, sagt er im Hinblick auf die ideale Hängehöhe seiner Collagen, was auch im übertragenen Sinne zu verstehen ist. Und, an anderer Stelle im Video in Hinblick auf die fotografisch belegte Objek­tivität und nachhaltige Wirksamkeit seiner Bilder: „immer den Fakt ausdrücken“. Marcel Odenbach selbst hat dies für die Gegenwart und einige ihrer drängendsten Fragen auf ebenso eigene Weise beherzigt und fordert den selbstkritischen Umgang mit der Geschichte und die Konsequenzen aus der Erinnerung: „In so einer Ausstellung ist einem nicht zum Lachen.“

Marcel Odenbach – So oder so
bis 9. Januar, K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im Ständehaus
www.kunstsammlung.de

TH

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