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Klaus Staeck, Porträtfoto: Wolfgang Schmidt

Klaus Staeck

Bilder und Worte

Es ging alles ziemlich schnell am 7. April 1984. In der Ingrimstraße in der Heidelberger Altstadt fand eine kurze, unspektakuläre Aktion statt, mit Klarnamen und offiziell angekündigt, ja, von Fernsehteams begleitet. Harald Naegeli, der als „Sprayer von Zürich“ berühmt geworden war, setzte eine seiner Graffiti-Figuren an die Fassade des Hauses von Klaus Staeck. - Ja, schreibt Harald Naegeli heute aus Davos, es sei denkbar, dass dies die erste öffentliche Sprayaktion war, wenngleich sie in der Ab­­wesenheit des Utopischen gänzlich anders zu bewerten sei als die anonym bei Nacht durchgeführten Sprayhandlungen.

Die beiden sich gegenüberliegenden Ge­­schäftsläden von Klaus Staeck waren schon in den 1980er Jahren eine Institution in Heidelberg. Die Schaufenster mit den eigenen Plakaten teilweise verdeckt, lehnten in den Auslagen Bücher von Heinrich Böll oder Günter Grass. Im picke-packe vollen Geschäftsraum, in dessen hinterstem Winkel schon immer der Schreib- und Arbeitstisch von Klaus Staeck stand, gab es dann die Editionen von Künstlern wie A.R. Penck und besonders von Joseph Beuys. Mit Beuys hatte Staeck bereits 1968 zusammengearbeitet – „wo Beuys war, war auch ich“, sagt Staeck. Und so hat er mit ihm zusammen 1984 Harald Naegeli an die Schweizer Grenze begleitet, wo dieser die Haftstrafe für die Sprayaktionen in Zürich absitzen musste.

Dass Klaus Staeck 1986 als Nachfolger von Joseph Beuys an die Kunstakademie Düs­sel­­­dorf berufen wurde, dort lehrte und noch heute als Honorarprofessor aufgeführt ist, gehört wiederum zur Geschichte der Kunst in Düsseldorf. Zu Düsseldorf hat Staeck ohnehin eine enge Beziehung. 1956, nach der Ausreise aus der DDR, hat er zunächst hier gewohnt, ehe er nach Heidelberg gezogen ist, und danach regelmäßig seine Eltern in der Landeshauptstadt besucht. Später holt Staeck die künstlerische Avantgarde des Rheinlandes nach Heidel­berg. Am von ihm mitorganisierten Kultur­festival „intermedia ‚69“ sind u.a. Imi Giese und Imi Knoebel, Lidl, Joseph Beuys, Günther Uecker und Klaus Rinke beteiligt. Im Grunde sammelt Staeck hier schon Er­fahrungen für seine späteren Großver­an­staltungen mit Dis­ku­ssionen und Konzerten etwa gegen die Springer-Presse (1981/82) und u.a. gegen die CDU/CSU als „Aktion für mehr Demokratie“ (1980-90). 1970 ist Staeck Mitbegründer der Internationalen Kunst- und Informations­messe, aus der die Art Cologne hervorgeht. 1973 ist er mit Joseph Beuys Gründer und Vorsitzender des Vereins „Freie Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre For­schung“. Als politischer Künstler und Aktivist wird er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, hat zahllose Ausstellungen und wird dreimal zur documenta eingeladen. Von 2006 bis 2015 ist er Präsident der Akademie der Künste in Berlin und seither deren Ehrenpräsident.
 
Klaus Staeck wurde 1938 in Pulsnitz bei Dresden geboren. Er ist in Bitterfeld aufgewachsen, das durch den von der DDR-Kulturpolitik proklamierten Bitterfelder Weg der Zusammenarbeit von Werktätigen und Kulturschaffenden um 1960 bekannt werden sollte. Seit 1956 lebt Staeck in Heidelberg. Er studiert Jura, engagiert sich im AstA und entwirft für diesen bereits die Drucksachen und wird Mitglied der SPD. Ab 1964 erstellt er halbabstrakte Holz- und Siebdrucke. Eine echte Politisierung der Kunst setzt für Staeck 1970 mit dem Offsetdruck und der Zusammenarbeit mit dem Göttinger Verleger Gerhard Steidl ein. Als Plakate – etwa an Litfaßsäulen oder Schau­fens­terscheiben – erreichen die Botschaften von Staeck den flüchtigen Passanten und hängen in den studentischen Wohngemeinschaften. Die Themen sind von Anfang an: Waffenexporte, Umweltzerstörung, die Not in der Dritten Welt, soziale Unge­rechtig­keiten, Ausländerfeindlichkeit, die verfehlte Aufarbeitung des Dritten Reiches, die Wohnungsnot, Gleichberechtigung. Die Feindbilder sind klar definiert, wobei Staeck nicht von Feinden, sondern von Gegnern spricht, die in den 1970er bis 1990er Jahren klar zu erkennen waren und die er eben mit Worten und Bildern duellieren konnte. Seine Plakate sind auf eine Aussage hin zugespitzt und extrem anschaulich. Als Fotomontagen in der Tradition von John Heartfield vereinen sie Motive aus der Tagespresse, der Kunstgeschichte, mit Emblemen und Piktogrammen, meist in klarer Trennung von Vorder- und Hintergrund. Die Textzeilen sind paradox, provokativ und immer eindeutig. Das Lachen bleibt einem im Hals stecken. Typografie und Schriftfarbe sind konstitutiv für die Wirkung der Plakate, die zugleich formalästhetisch gelöst sind.
Solche Plakate entstehen nach wie vor, flankiert von Postkarten, nun mit Angela Merkel und Uli Hoeneß, zur AfD, zu Trump und zu Amazon, das die Mitarbeiter ausbeutet und den Buchhandel zerstört. Das Erschreckende ist ja, sagt Klaus Staeck wortgewaltig und leidenschaftlich, dass sich keins der früheren Anliegen erledigt hat. Aber: „Das ganze Leben besteht aus kleinen Schritten.“

Klaus Staeck
Sand fürs Getriebe, bis 8. April im Museum Folkwang,
in Essen, www.museum-folkwang.de

TH

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