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Porträtfoto: © Merle Brunner, Berlin

Heike Kati Barath

Auf der Kippe

„yours truly,“ heißt die aktuelle thematische Ausstellung im Museum Morsbroich in Leverkusen. Es geht in dieser Gruppenausstellung um das selbstbewusste, differenziert wahrnehmende „Ich“ im kommunizierenden Gegenüber, hier repräsentiert durch ein Kunstwerk, welches vom Betrachter mit allgemeiner und autobiographischer Inhaltlichkeit erfüllt wird und im Gegenzug eine konkrete Körperlichkeit zum Ausdruck bringt. „Ich“ definiert sich also durch den Anderen, und in der Kontaktaufnahme entsteht ein „Wir“. Aber lediglich ein Teil der Kunstwerke, die aus allen medialen Sparten stammen, zeigt Abbilder des Menschen (darunter einige Selbstporträts). Mitunter schauen sie uns an – oder kommt es uns nur so vor? Demon­strativ trägt Heike Kati Barath mit ihrer Malerei zu dieser Frage bei. Im oberen Stockwerk des Schlosses hängen zehn kleinformatige, kastenförmige Bilder auf Holz, die das menschliche Gesicht etwas abstrahiert als Ausschnitt im Verhältnis von ungefähr 1:1 zeigen. Die Partien aus Augen und Nase variieren leicht, zumal das Inkarnat in Helligkeit und Ton wechselt und „malerisch“ erfasst ist. Die Schlieren der Malhandlung steigern das Volu­men der Haut und evozieren Lichtreflexe und bringen – wortwörtlich – Vitalität, Präsenz und Denken zum Ausdruck: als Gegenüber auf Augenhöhe. Aber was sehen wir überhaupt, und was sind Augen? Im Anschauen entsteht Empathie. Heike Kati Barath hat die Scheiben der Augen mit Hingabe gemalt, jedes Mal neu und immer etwas anders.

Die Eindringlichkeit des ganz Direkten, das im Zeichnerischen Parallelen zu Comics aufweist, ist eine besondere Qualität der Malerei von Heike Kati Barath. In der Darstellung von Men­schen erzeugt sie Repräsentation mit vermeintlich einfachen Mitteln, die sich als malerisch komplex und raffiniert gekonnt erweisen und zum Beispiel mit Hautrötungen und feinem Mienenspiel „funktionieren“. Bekannt wurde Barath, die in Berlin und zeitweilig in ihrer Hei­mat­stadt Neuss lebt und an der HBK Bremen eine Professur für Malerei innehat, mit Gemälden von Mädchen und – seltener – Jungen, die als Ganz­figuren überlebensgroß auf schmalen hochformatigen Bildtafeln im Vordergrund stehen. Knapp umfangen von einem lauen Himmelblau, tragen sie anfänglich, in den frühen 2000er Jahren, Badekleidung, also wie am Strand, so dass sie süß, harmlos anmuten. Aber im Bewusst­werden der wenigen Accessoires und feinen malerischen Andeutungen sieht es schlagartig ganz anders aus. Schon dass die Jugend­­lichen in der Pubertät sind: zwischen Unschuld und Schuld, Nicht-Wissen und Wissen, Unbedarft­heit und Heraus­­forderung. Der Netz-BH ist verrutscht, aus dem Bikini oder der Badehose kräuseln sich Schamhaare, die als schwarze Fäden aus Acrylfugendichter plastisch über der Leinwand liegen. Das (Fremd-) Schämen gehört zum kalkulierten Effekt der direkten Ansprache, zumal die Kinder am unteren Bildrand in frontalem Gegenüber einsetzen. Wird nicht auch der Kult des Selfies kommentiert?

Aus der Nähe aber könnte sich allmählich etwas Bedrohliches und Fieses abzeichnen, erst recht seit die Jugendlichen in diesen Malereien Hoodies tragen, der Hintergrund verdunkelt ist und sie zu mehreren nebeneinander stehen, als Mit­glieder einer Gang vielleicht. Zum Furchteinflößenden trägt bei, dass die Figuren etwas Skulpturales besitzen und sich mit ihren klobigen Schuhen vor dem Betrachter regelrecht aufbauen. Und dann sind es die Mundwinkel oder die Nei­gung des Kopfes, der Blick aus stechenden oder zusammengerückten Augen als subtile, sorgsam erarbeitete, aber wie selbstverständliche Details, die aus der Figur einen eigenen, denkenden und planenden Charakter entstehen lassen. Derartige Malereien schließen an Kinderdarstellungen in der Ge­­schichte der Kunst an, als seltsam eigenständiger Beitrag neben den Gemälden von Paula Modersohn-Becker oder den Fotografien von Rineke Dijkstra, die immer auch zeitgenössische Informationen vermitteln. 2012 waren diese Bilder von Barath, montiert auf tiefen Holz-Stellagen mit einer weiteren Leinwandarbeit auf der Rückseite, im Museum Morsbroich, innerhalb der Ausstellung „Zeitgespenster“, zu sehen.

Ähnlich Klischee-behaftet und einzigartig unberechenbar sind die „Yetis“, die Heike Barath über die Jahre immer wieder (anschließend an Plüschhasen und Hunde) malt – aber was ist das überhaupt: Nun ganz der Realität entrückt, sind die dicht behaarten großen Wesen mehr gezeichnet als gemalt, massig und schwerfällig aufgerichtet, wie auf den Wandzeichnungen im Mannheimer Kunstverein 2001, die die ganze Höhe der Galerie einnahmen. Oder als halbplastisch aus der Wand ragende, zeichnerisch gestrichelte Malerei einer Figurengruppe in der Von der Heydt-Kunsthalle in Wuppertal-Barmen 2014. Ein weiteres wiederkehrendes Sujet, das ebenfalls auf den Ausstellungsraum eingeht, sind Bretter: Gemalt in braunen Farbtönen auf langgestreckten Leinwänden werden sie zu Holzbalken, aus denen sich Hütten im Aus­stellungsraum zusammensetzen oder die, aneinanderschließend, den Raum zum Schacht verengen, der wiederum von Lampions mit gezeichneten Gesichtern beleuchtet wird. Und so sehr sie doch die Oberfläche von Holz zitieren, so sehr sind sie gleichzeitig einzelne abstrakt expressive Maltafeln.

Interessant ist, dass Heike Kati Barath nach Beginn des Kunststudiums in Gent an die Kunstakademie Münster in die Malereiklasse von Ulrich Erben gewechselt ist. Erben ist alles andere als ein figürlicher Maler. In Ableitung von Landschaftsbeob­achtungen und in der Transzendierung von Raum- und Architekturerfahrungen hat er eine gegenstandsfreie Farbfeldmalerei entwickelt, die Licht und Farbnuancen erkundet, monochrome oder in lichten Farbschleiern modellierte Flächen aufeinander stoßen lässt und geometrische Innenfelder setzt und so untersucht, wie die Nachbarschaft die Farbwahrnehmung – das Sehen und Erinnern daran – beeinflusst. - Die Malerei von Heike Kati Barath kennzeichnet ebenfalls eine hohe Farb­sensibilität, die sie mit der Figur als Sujet geradezu provokant einsetzt: mit Hellblau für den Himmel und Rosa-Orange für die Haut, mit denen sie die Erkenn­barkeit ausreizt und den Betrachter vollumfänglich verantwortlich macht für das, was er zu sehen meint. Die Augen als radikale Zuspitzung finden sich als Paar aber auch ganz allein, etwa in ihrer Malerei eines tiefschwarzen, fließenden Grundes, aus dem sie hervorleuchten, wie auf den Gemälden ihrer Ausstellung im Osthaus Museum Hagen anlässlich der Verleihung des Karl-Ernst-Osthaus-Prei­ses 2017. Indem sie sich vom Gesicht lösen, ist unklar, zu welchem Geschlecht und welchem Alter sie gehören und ob es sich überhaupt um Menschen handelt. Bedrohen sie oder befinden sie sich selbst in einer bedrohlichen Situation? Die Geschichten sind an den Betrachter delegiert.Heike Kati Baraths Malerei – zu der auch Zeichnungen, Siebdrucke, Skulpturen aus Bauschaum und Trickfilme kommen – vermag leichthin Assoziationen auszulösen und zugleich herauszufordern. Bezogen auf den Menschen, entlockt sie ihm immer neue Facetten. Mit den Mit­teln der Malerei bleibt sie verführerisch, vermeintlich kinderleicht, und zwar so wie es eben nur die Malerei kann.

Heike Kati Barath nimmt teil an:
„yours truly“, im Museum Morsbroich Leverkusen
bis 29. Oktober, Gustav-Heinemann-Straße 80, 51377 Leverkusen

TH

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