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Die Drei–Oktaven–Stimme

Die biograph Buchbesprechung von Thomas Laux

Was für ein Leben, was für eine Karriere, was für eine Frau. Die 1943 in Kanada geborene Sängerin und Songschreiberin Joni Mitchell gilt, obwohl sie seit 2007 nichts mehr produziert und nach einem Schlaganfall 2015 sich aus auch dem Szenenlicht auch komplett zurückgezogen hat, bis heute als einer der größten Stil–Ikonen der Popgeschichte, schlichtweg unvergleichlich. Ihre Musik, die Mitte der 60er–Jahre sich zunächst vor allem als gängige Folkmusik hervortat, durchlief im Laufe der Zeit alle denkbaren Pop–Genres, zeitigte vor allem in den 1970er–Jahren Experimente mit dem Jazz und mit Musikern aus der damals allerersten Reihe (Charles Mingus, Herbert Hancock, Jaco Pastorius, Wayne Shorter). Die 80er–Jahre gestalteten sich mit diversen Synthi–Pop–Versuchen dann als eher zäh und weniger erfolgreich. Doch Joni kehrte zu ihren Wurzeln zurück, um in den 90–ern nochmal richtig durchzustarten.
Ihre Alben sind, laut Yaffe, „Dokumente von Schönheit und Unvollkommenheit“. Das lässt sich in der Ambivalenz kaum besser ausdrücken. Yaffe suchte Mitchell über viele Jahre und noch bis 2015 regelmäßig auf, fast die gesamte Biographie beruht auf Gesprächen mit ihr und Leuten aus ihrer direkten Entourage, er kann immer wieder Anekdoten einstreuen, die das Bild dieser notorischen Kettenraucherin – bis zu vier Packungen am Tag – aufs Schönste ausstaffieren.
Zunächst sichtet er die kreativen Anfänge, erkennt bei der schlechten Schülerin (und „Sitzenbleiberin“) das Talent im Malen und im Verfassen von Texten, verweist aber auch auf eine „verräterische Verletzlichkeit“, die mit ihrer frühen Erkrankung an Polio – da ist sie gerade 10 – zusammenhängt. Doch die Krankheit soll sie letztlich weniger lähmen als ihre schöpferischen Kräfte mobilisieren.
Ihr Debüt als Folksängerin erfolgt im Oktober 1965 in einem Spartenprogramm des Fernsehens, viele damalige Pop–Größen werden schnell auf sie aufmerksam, allen voran David Crosby („Ich war ihr sofort verfallen“). Crosby produziert auch ihre erste LP, fördert nachhaltig ihre Karriere. 1969 ist sie laut Yaffe bereits eine „Boheme–Prinzessin“, das legendäre Woodstock–Festival verpasst sie, immerhin ist sie von diesem über 400.000–Leute–Spektakel so inspiriert, dass sie einen höchst erfolgreichen Song – eben „Woodstock“ – schreibt, der freilich erst in der Interpretation von Crosby, Still & Nash berühmt werden soll. Die Frau verfügte damals über eine drei Oktaven umfassende Stimme, ihre selbst geschrieben Texte, poetisch, rätselhaft, zuweilen auch eigenwillig profan (besonders dann, wenn sie auf verblichene Liebschaften zurückblicken), sind, wie der großartige „Song for Sharon (auf der LP/CD „Hejira“) Meilensteine des Pop geworden.  
Das ist vielleicht auch das Interessante an dem Buch: Indem viele Stars der Zeit zu Wort kommen, entsteht ein facettenreiches Bild der damals relevanten Pop–Welt. Mit Männern wie Leonard Cohen, James Taylor, Jackson Browne geht Joni Mitchell feste, wenngleich in der Regel nur wenige Jahre dauernde Beziehungen ein; bezeichnend, dass man, wenn es dann vorbei war, nie im Streit auseinanderging, sondern die kreativen Verbindungen weiter aufrecht erhielt.
Yaffe ist ein begeisterter, aber beileibe kein unkritischer Mitchell–Fan, er verliert sich nie in Lobhudelei. So übersieht er nicht, dass sie vor allem in den späteren Gesprächen eine Tendenz zu esoterischen Mustern pflegt, gerne von „Chakren“ und von „Schwingungen“ redet, die Astrologie verklärt und dabei der vermeintlich tieferen Bedeutung von Sternzeichen erliegt. Yaffe registriert auch gelegentliche aggressive, exzentrische Ausfälle, eine zunehmende Selbstverliebtheit. Aber gerade durch dieses breit angelegte Spektrum wird sein Porträt dieser Frau jederzeit gerecht.

David Yaffe: Joni Mitchell. Ein Porträt. Aus dem Englischen von Michael Kellner. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2020, 583 S., 28.-€

aus biograph 9/2020

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