Wir leben längst in einer überdrehten Simulation von Realität. Politik wirkt wie eine Reality-Show, Gipfeltreffen wie Fototermine. Regierungschefs und Vorstände glänzen nur noch mit Gesten und Phrasen. Alles scheint ein diplomatisches Theater aus Posts und Worthülsen. In einer ganz ähnlichen Welt erhebt Molières »Menschenfeind« seine Stimme: Alceste, der radikal Aufrichtige, will keine Komplimente, keine ritualisierten Lügen, keine sozialen Schmierstoffe, sondern Wahrheit. Seine Weigerung, die Spiele der Gesellschaft mitzuspielen, macht ihn zum Außenseiter – und zum faszinierendsten Charakter dieser Komödie.
Was Molière damals am Hof Ludwigs XIV. beobachtete, ist heute allgegenwärtig: der Widerspruch zwischen Wahrheit und Inszenierung. Alceste reagiert darauf radikal: ein Mann, der auf jede Floskel mit der Wucht der Realität antwortet. Und doch zeigt Molière die Tragik: Radikale Wahrhaftigkeit isoliert. Alceste (Claudius Steffens) liebt ausgerechnet Célimène (Minna Wündrich), die Meisterin von Ironie und Uneigentlichkeit. Sie verkörpert, was er verachtet – und zieht ihn dennoch unwiderstehlich an. Wie in jeder Satire steckt hinter der Leichtigkeit ein Abgrund. Die höfische Maskerade ist harmlos gegen die politischen Inszenierungen unserer Tage, deren Lügen tödliche Folgen haben. Vielleicht bräuchten wir heute genau Alcestes Radikalität – um uns zu schütteln und zu fragen, was wir uns gegenseitig bieten und bieten lassen.
Regie beim »Menschenfeind« führt Sebastian Baumgarten, dessen Schauspiel- und Opernproduktionen seit Jahren weithin Beachtung finden und der in Düsseldorf zuletzt mit seiner Inszenierung von Brechts »Mutter Courage« vertreten war.
Der Menschenfeind Komödie von Molière
Fassung v. Botho Strauß
PREMIERE IM GR. HAUS AM 25.10.
Mit: Claudius Steffens, Heiko Raulin, Sebastian Tessenow, Minna Wündrich, Cathleen Baumann, Caroline Cousin, Rainer Philippi, Markus Danzeisen
Live-Musik Jovan Stojšin
Regie: Sebastian Baumgarten
Bühne: Thilo Reuther
Kostüm: Tabea Braun
Komposition: Thies Mynther
Videodesign: Philipp Haupt
Licht: Jean-Mario Bessière
Dramaturgie: Robert Koall
D‘haus
Gustaf-Gründgens-Platz 1
40211 Düsseldorf
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Telefon (Zentrale) 0211. 85 230
info@duesseldorfer-schauspielhaus.de
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