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Porträtfoto: Aljoscha in der Risa School, Süd-Kenia
Foto: Alice Yakubovich

Aljoscha

Utopie auf Augenhöhe

In der Johanneskirche ist das möglich. Von der Empore aus sieht man im Gegenüber auf die biomorphen, gewundenen Farbfetzen, die sich mit Abstand zueinander und versetzt übereinander mehrere Meter über dem Boden befinden. Man erhält ein Gespür für ihre Dimensionen und ihre Ausdehnung im Raum, so als würde man aus dem Flugzeug auf Wolken schauen oder als blickten wir mitten in eine Unterwasserwelt. Im schwebenden Zustand aber sind Zeit und Raum abhanden. Der je nach Lichteinfall luzid violette oder rosafarbene Ton wechselt mit der Ausrichtung über der Apsis in die glasklare Durchsichtigkeit, so wie sich die Form verjüngt und als dynamische Bewegung langgezogen ist. An diesem Ort und zu dieser Zeit wird sie vielleicht sogar zu einem Symbol für den Heiligen Geist zu Pfingsten. Aber Aljoscha illustriert nicht, er bildet nicht ab, es gibt für seine Formen keine Vorbilder, nicht in dieser Natur. Auch deshalb, so betonte er beim Podiumsgespräch in der Johanneskirche, handele es sich eben doch nicht um die Anzahl an Einzelteilen, wie es der christlichen Symbolik entsprechen würde: „Ich mag keine Interpretation“. Andererseits gehört zu seinem Verständnis die Be­seelt­heit von allem und damit ihre Zusammengehörigkeit.

Das Gleichzeitige von stofflicher Konkretheit und Transzendenz, Fassbarem und Unfassbarem, Gegenwart in ihrer Fragilität und Utopie kennzeichnet alle Ausformungen seiner Kunst und erinnert darin wieder an einen Windhauch – „Ruach – Atem – Wind – Geist“ heißt die aktuelle Ausstellungsreihe der Evangelischen Kirche im Rheinland – der kaum zu spüren ist, Fol­gen zeitigt und den das Übergeordnete, Veränderliche und Aktive auszeichnet. Dem ähnlich arbeitet Aljoscha auf der Grundlage eines präzise ausformulierten, an Biogenetik und Gentechnik anschließenden künstlerischen Manifests, wonach alle Materie aus lebenden Substanzen besteht und selbst, in der Zukunft, lebendig sein wird. Ab Ende der 2000er Jahre stellt er es in seinen Ausstellungen unter die Begriffe „Bioismus“ und „Biofuturismus“ und trägt damit auf eigene Weise zu einer aktuellen Strömung im Kunstgeschehen bei.

Aljoscha wurde 1974 in Glukhov in der Ukraine als Sohn russischer und ukrainischer Eltern geboren. Ab 2001 hat er an der Kunstakademie Düsseldorf und an der Sommerakademie Salzburg (bei Shirin Neshat und Shoja Azari) studiert. Er beginnt sein Studium bei Konrad Klapheck mit Malerei, und auch wenn diese mittlerweile gegenüber den Objekten, Installationen und Interventionen in den Hintergrund getreten ist, so entsteht sie nach wie vor. Aljoscha malt detaillierte, zugleich ausschnitthafte landschaftliche Schichtungen, und natürlich ist man versucht, zwischen dieser hoch präzisen Filigranität und der scharfen Akkuratesse im Magischen Realismus seines Lehrers Beziehungen herzustellen. Vielleicht kommt man weiter mit dem Hinweis auf den von Klapheck hoch geschätzten Richard Oelze und seine sich hinter einem Nebel gleichsam aus unscharfen Gesichtern aufbauenden Vegetationen, auch im Hinblick auf Aljoschas Objekte. Diese sind durch und durch Bildhauerei. Aber sie entstehen aus Malerei mit der Acrylfarbe als Substanz, die er mit dem Pinsel, stabilisiert durch ein feines Gerüst, in einzelnen, sich verhärtenden Tropfen wie Perlen aufeinander setzt, so dass schließlich Makro- und Mikrostruktur als idealistische Morphologie zusammenwirken. Die Zweige wuchern abstrakt, nervös vegetativ. Sie erinnern mitunter an Naturformen wie etwa Korallen und sind es doch nicht. „Alles, was man nicht kennt, versucht man zu klassifizieren“, hat Aljoscha in einem Ateliergespräch vor drei Jahren gesagt. Das Kostbare, Seltene wird weiter unterstrichen, indem sich diese Ob­jek­te unter einer Glasglocke befinden wie eine schützenswerte Spe­zies für das naturkundliche Museum oder die Wunder­kammer. Aber mit ihren mitunter abspreizenden Gliedern und ihrem Licht erfüllten, intensiv monochromem Farb­ton stehen sie überwiegend frei im Raum, dehnen sich dort in alle Richtungen aus und nehmen Kontakt zu ihrer Umgebung auf, und es ist konsequent, dass Aljoscha derartige Dimen­sionen und ihre Hand­hab­barkeit durch die Verwendung von durchsichtig farblosem oder eingefärbtem Acrylglas erweitert hat.

Solche Objekte wachsen rot schimmernd und wie ein Geysir aus dem Wasser empor – im Vorge­birgspark in Köln 2016 und im Schlosspark Benrath 2017 – und sie ertasten den Ausstel­lungsraum, wie in seiner „Urpflanze“ als Referenz an Goethes Entwurf im Goethe-Museum Düsseldorf 2019. Dort erstreckte sich ein biomorphes Gespinst schlängelnd vom Boden bis an die Decke, verzweigte sich und erinnerte an Eisblumen, einen plötzlich gefrorenen Wasserfall oder an Spinnweben, auch hier: an die Natur also, ohne diese selbst zu sein. Andere, noch größere Installationen brei­­­ten sich über den Köpfen der Be­­trachter in sakralen und profanen Räu­men aus, in einer Kirche erstmals 2015 in St. Petri in Dortmund, danach etwa in der Barockkirche Santa Rita in Rom oder vergangenes Jahr in St. John the Devine in New York. Allein die vollständige Aufzählung würde belegen, wie gefragt Aljoscha ist und wie sehr er über den institutionellen Radius des Kunstbetriebs hinaus tätig ist. Dass es sich aber nicht nur um hinreißend schöne, mit dem Wechsel der Perspektive immer wieder neu zu erfahrene Schöpfungen handelt, sondern sich mit jedem Ort auch die Bedeutungen ändern und dass Aljoscha seine Objekte als Träger von (zivilisatorischer, kultureller) Energie und Selbstbehauptung versteht, verdeutlichen wieder andere Beiträge. Das „b-meeting #30“ etwa, bei dem Aljoscha an zwölf aufeinander folgenden Tagen im Oktober 2015 in der Ukraine zu den im Außenraum umgestürzten, fragmentierten Lenin- und Marx-Statuen rote „Bioismus“-Kreaturen stellte, die wie fleischliches Gewebe aussahen und das Gestein animistisch aufluden. Aljoscha hat derartige Strukturen auch in Innenräumen aufgestellt oder aufgehängt, wenn sich die Notwendigkeit ergab, etwa in einem Schulraum in Kenia oder in den letzten Mon­aten als geheime Vereinbarung und geistige Unterstützung mit den „Waffen“ des Künstlers, in seiner Heimat, der Ukraine, dort wo die Menschen leben und dem Krieg ausgesetzt sind. Aber schon zwei Tage vor dem russischen Angriffskrieg hielt Aljoscha – als Performance, vor allem aber als Widerstand des Menschen gegen das Unglaubliche – nackt an den überkreuzt ausgestreckten Armen jeweils ein langgestrecktes, wie von Schleiern umfangenes rosafarbenes Element dem über 100 m hohen Mahnmal der Mutter Heimat, das in Kiew an den Sieg der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg erinnert, entgegen. Er lieferte sich ihm in einer Beschwörung aus, zu der er selbst u.a. geschrieben hat: „Bioism condemns any violence against humans, animals and plants. The suffering and war must be stopped!“ (b-meeting #55, 22.02.2022) Aljoscha sehnt sich mit seiner Kunst nach paradiesischen Zuständen auf der Erde: als Entwurf einer Welt, in der Frieden, Glück und Respekt vor dem Anderen in seiner Einzigartigkeit als Basis für das Zusammenleben zusammentreffen, und zwar so bald wie möglich.

Einzelausstellungen mit Aljoscha sind derzeit zu sehen:
bis 12. Juni in der Johanneskirche, Martin-Luther-Platz
bis 23. Juli in der Galerie Beck & Eggeling, Bilker Straße 5, beide in Düsseldorf
bis 31. Juli, als Ausstellung des Kunstvereins Gelsenkirchen in der Alten Villa im Kunstmuseum Gladbach

TH

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