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Ulrike Möschel, Academy of Fine Arts, Xi´an, China 2019
Foto: privat

Ulrike Möschel

Kaum zu sehen

Die Textzeilen auf der Brandmauer nehmen über 6 m Höhe ein, und doch ist Ulrike Möschels Intervention am Anfang der Ackerstraße ausgesprochen still. Der Worringerplatz, der zwischen dem Bahnhofsviertel und dem leichten Anstieg nach Flingern vermittelt, ist ein Schmelztiegel, der in alle Richtungen führt und den die Städteplaner nicht recht in den Griff bekommen, der zudem Not und Elend und ungestüme Vitalität versammelt. Ulrike Möschels Beitrag aus dem Jahr 2015 klärt die Struktur im Chaos und schafft Abstand, indem der Text auf der Mauer zum Maß wird. In kalkig weißen Druckbuchstaben steht linksbündig zeilig untereinander: DER HIMMEL HAT SEINE VÖGEL GENOMMEN UND IST GEGANGEN – ein Text des türkischen Schriftstellers Ílhan Berk, in der Übersetzung von Achim Wagner. Die so sachliche, dokumentierende Typografie hat Ulrike Möschel dem Schriftzug an einem damals frisch abgerissenen Geschäftshaus Ecke Klosterstraße - Karlstraße entlehnt: als diskreter Hinweis auf die Vergänglichkeit und das sich wandelnde Stadtbild. Entsprechend ist die Verwitterung der Schrift ein Aspekt der Arbeit.

Mit der skulpturalen Präsenz der Zeilen, mit der Rätselhaftigkeit und dem Lakonischen ihrer Aussage, noch im Verweis auf den Luftraum und damit die Konturen der Gebäude gerät die Leerstelle zwischen den beiden hohen Blöcken in den Blick. Ein paar Antennen ragen unorganisiert empor, und plötzlich wird das Häuserensemble als Scharnier wahrgenommen, das sich wie ein Riss geöffnet hat: aus dem sich die Gedanken als Bild aus Schrift formen.

Immer wieder zeigt Ulrike Möschel in ihrem Werk Bruchstellen, kleine Einschnitte und Abweichungen, die wie eine Wunde inmitten einer profanen architektonischen Situation hervorbrechen und diese in ihrer Ordnung befragen. Vorbereitet durch frühere Werke, die etwa mittels Projektion eine Tür an einer Wand simulierten, hat sich ihre Installation im Museum Kunstpalast zur Ausstellung „Zerbrechliche Schönheit“ 2008 besonders eingeprägt; mittlerweile befindet sie sich in dessen Sammlung. Aus einer schwarzen Tür, die wie der geschlossene Übergang zu einem anderen Raum wirkt, bricht im unteren Bereich die Verschalung auf und lässt zerbrochenes Sicherheitsglas als kristalline Splitter herausquellen; weiter unten ergießt sich weißes gemahlenes Glas in den Ausstellungsraum.

Bei einer anderen Installation pressen sich Glasmurmeln aus einem Spalt heraus, der sich im Holzboden öffnet. Mit solchen Installationen macht Möschel noch auf die Verfasstheit des vorgefundenen Raumes aufmerksam und zwar so zurückhaltend, dass die Arbeiten selbst übersehen werden könnten und sich doch im Bewusstsein festsetzen. So hat sie in die eng gerasterten Verkleidungen von Heizkörpern ein rautenförmiges Band aus dem Draht für die Bildaufhängungen geflochten (Kunstverein Regensburg 2011) oder den Kapitell-artigen Vorsprung ei­nes Bogens mit einem Vorhang aus weißen Baumwollfäden bis zum Boden verlängert (Galerie Marie Cini, Paris 2012). Licht und Helligkeit sind sinnliche Qualitäten in der vermeintlichen Leere. Das erreichen Scheinwerfer, die Möschel so ausgerichtet hat, dass sie sich selbst beleuchten und an der leeren Wand Schatten werfen. Und es kehrt wieder bei der Textarbeit an der Außenwand an der Ackerstraße, an der sich wunderbar der Lauf des Sonnenlichtes beobachten lässt.

Ein Vorläufer davon ist der „Spinnentanz“ (2008/09), eine Filmsequenz, als Loop projiziert an die Wandfläche des Kunstvereins in Bochum. Im Dunkel ist ein riesig scheinender Weberknecht auf der Form eines Dachgiebels zu sehen, wo er sich mit seinen langen Beinen staksig bewegt, während die Harfe eines mittelalterlichen Liebesliedes zu hören ist. Monströses und Zierliches treffen in den langen Gliedern zusammen, im Schwarz-Weiß stellt sich die Aura eines Gruselfilmes ein und doch bleibt alles galant und meditativ.

Ulrike Möschel wurde 1972 in Münster geboren, sie hat zunächst an der dortigen Kunstakademie – bei Ulrich Erben und Timm Ulrichs – studiert und ist dann an die Kunstakademie Düsseldorf gewechselt, an der sie als Meisterschülerin von Jannis Kounellis abgeschlossen hat; seither lebt sie hier. Wahrscheinlich wurde sie bei Kounellis weiter für den Umgang mit kostbaren Materialien sensibilisiert, mit Gold, Silber, Bronze, Kupfer, die sie als Drähte oder als Ummantelung nimmt. Dazu sind Gitter und Netze, auch Leitersegmente entstanden, die sich wie eine Brücke heben und senken, gestaucht sind oder sich als Module fortsetzen und in den Raum einpassen wie der Lichtmast, der, höher als der Ausstellungsraum, schräg in diesem verkantet ist. Neben die Labilität tritt das Instabile, so auch bei einer weißen Schaukel, deren Halteseile in Greifhöhe aufgedreht, teils auf die Sitzfläche gelegt und an einzelnen Fäden mit Silberdraht und Weißgold-Blättchen wieder verbunden sind und so „den Eindruck einer porzellanhaften Zerbrechlichkeit ebenso wie von Unberührtheit im eigentlichen, kindlichen Sinne“ erwecken (Markus Heinzelmann, Kat. Neues Rheinland, Museum Morsbroich 2010). Und im Hans Jonas Park in Mönchengladbach steht seit 2013 eine weiß lackierte Wippe, die so weit nach unten, zur Erde hin gerückt ist, dass das Schaukeln schlichtweg unmöglich ist. In dieser Verunsicherung über den Verlust des Zugriffs kommt etwas unspektakulär Erzählerisches zum Tragen, kaum erwähnenswert aber voller erlebter Gesten, in Verbindung mit halb verblassten Kindheitserinnerungen. Körperliche und mentale Bewusstwerdung ereignen sich gleichzeitig.

Neben den Installationen und Skulpturen hat Ulrike Möschel Videoarbeiten, Textblätter sowie Zeichnungen geschaffen. Sie filmt und fotografiert alltägliche Situ­a­­­tionen in urbanen Räumen und fokussiert anlässlich von Stipendien-Auf­ent­halten Gebäudestrukturen in den fremden Ländern. Die Zeichnungen entstehen vor allem mit Tinte, Kreide und Lack auf kleinformatigem farbigem Papier. Sie zeigen, erfasst wie Silhouetten und mitunter mit Referenzen an Pieter Bruegel, einzelne Figuren, Ausschnitte städtischer Module und vor allem Baumstücke und Vögel in Bäumen oder auf Mästen, den weiten Himmel im Hintergrund. - Natürlich hängt mit all dem der ganz neue, linear angelegte „Drachen“ zusammen, der sich mit seiner fragilen Gliederstruktur derzeit im Garten der ehemaligen Reichsabtei Kornelimünster von der Erde in die Bäume zu erheben scheint und von dort am Himmel verschwinden könnte.

Ulrike Möschel ist beteiligt bei: vom spiel der körper im licht,
bis 31. Oktober im Kunsthaus NRW, Abteigarten 6 in Aachen-Kornelimünster;

sowie bei: Papier, bis 27. Juni im Kunstverein Bamberg, Villa Dessauer.
Sie wird vertreten von der Düsseldorfer Galerie Rupert Pfab.

TH

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