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Peter Piller

Bilder entdecken und sehen

Ganz am Schluss des Pressegesprächs in der Kunsthalle wurden zusätzliche Informationen aus erster Hand verteilt: „nach auflösung örtlicher frühnebel“ heißt der fünfseitige grafisch gestaltete Text, in dem Peter Piller der Frage nachgeht, warum er Vögel im Moment des Fliegens aus dem Sichtfeld der Kamera fotografiert, also dann wenn sich die Kontrolle beim Abdrücken entzieht und die Vögel nicht unbedingt ornithologisch ergiebig wirken. Im Kinosaal der Kunsthalle hängen Aufnahmen seiner Werkgruppe „Behind Time“ (2017) als Pigmentdrucke versetzt übereinander. „gern würde ich verstehen, wie es dazu kam, dass ich mittlerweile drei viertel meiner freizeit mit vogelfotografie verbringe und der welt abhanden gekommen bin“, hat Peter Piller geschrieben. Er hat verschiedene Vogelarten fotografiert, ist zum Teil um die halbe Welt gereist – und mit einem Bild zurückgekehrt, auf dem der Vogel abgewandt oder vom Rand angeschnitten ist. Also gerade nicht mit professionellen Aufnahmen, sondern solchen, die seine Individualität und Emotionalität zum Ausdruck bringen und ganz neue Zugänge eröffnen. Im übrigen, das Gesamtwerk von Peter Piller ist keine l‘art pour l‘art, sondern soziologisch oder politisch oder historisch motiviert, ohne sich damit in den Vordergrund zu drängen.

Für Peter Piller ist es eher der Sonderfall, dass er die Fotografien selbst aufgenommen hat. Die überwiegende Anzahl seiner Ordnungen und Serien basiert auf Fremdmaterial. Die Bilder stammen aus Zeitschriften, Ansichtspostkarten und Luft­­bildaufnahmen und sind dem Internet entnommen; er hat sie bei aufwändigen Kontext­recherchen in Bibliotheken gefunden und die Bücher gescannt oder es handelt sich gar um verwaltetes Bild­material, das nach der zielgerichteten Auswertung für alle Zeiten wegräumt wurde. Gemeinsam ist den meisten der Foto­vorlagen, dass sie von ano­ny­men Personen auf einen je­­weils speziellen Zweck hin aufgenommen wurden. Dass Piller auf der Suche nach anderem ist: Er ordnet, kategorisiert gegen die eigentliche Intention, wechselt dabei die Methode und findet mit Hintersinn und tiefschürfendem Humor andere Kriterien, aufgrund deren er sie zusammenstellt. Das Sehen ist für ihn ein kreativer Prozess, der zu Recht zeitaufwändig ist. „Ich schaffe Ordnung“, sagt Piller. Er probiere viel aus, mehr als er Regeln schaffe. Sich selbst einzubringen, ist für jeden Betrachter produktiv. „Was Sie missverstehen, könnte genauso wichtig sein.“ Und, „man muss nicht alles wissen“.

Geboren 1968 in Fritzlar, hat Peter Piller in Ham­burg zunächst Germanistik und Geographie studiert, ehe er an die dortige Kunsthochschule ge­wech­­selt ist. In dieser Zeit jobbt er bei einem Ausschnittdienst und sortiert misslungene Foto­grafien aus, etwa das erste, unbeabsichtigte Bild auf einem Rollfilm. Bereits 1994 initiiert er das „Archiv Peter Piller“, in dem er unter immer neuen Aspekten Bildersammlungen anlegt und damit unterschiedliche Bereiche unseres Lebens er­­fasst. Menschen sind in seinem gesamten Werk nur ganz selten zu sehen. Auf Vergrößerungen von Postkarten der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert etwa.

Mit der Serie „Nachkriegsordnung“ (2003) schließt er in der Kunsthallen-Ausstellung unmittelbar an die Erfahrungen beim Ausschnittdienst an. Sie unterscheidet sich von allen anderen Serien, indem sie sich lediglich einer fotografischen Aufnahme zuwendet und seine Intention mit händischen Einzeichnungen unterstützt. Er wendet sich gegen die „Behauptung von Präzision“ und betont die schwerwiegende Problematik des Scheiterns daran. Er hat ein Foto der Bombardierung Bagdads im zeitaktuellen Irakkrieg aus verschiedenen Zeitungen, im wechselnden Ausschnitt, jeweils zentriert auf ein Blatt Papier geklebt. Anschließend hat die Abstände zu den Rändern gemessen. Sichtbar wird die Unmöglichkeit, es exakt in der Mitte zu platzieren: eine Replik auf die angeblich Millimeter genauen, angeblich die Zivilbevölkerung verschonenden Bombeneinschläge.

Ein Beispiel für Pillers Sichtung von Firmenarchiven sind die Aufnahmen durch Gutachter der Baloise-Versicherung. Anlässlich der Auszeichnung mit deren Kunstpreis 2006 hat er aus dem Fundus digitale Fotos ausgewählt, die versehentlich am eigentlichen Schaden vorbei fokussieren. Hingegen treten die Umgebung, karge Ecken, Kacheln, Werkzeuge in den Vordergrund. Piller hat seine Abzüge als Block gehängt, in welchem das Neben- und Übereinander neue Sinnzusammenhänge anregen – gerade weil die Aufnahmen so belanglos und eher unangenehm wirken, und schon geht es mit der Kombinatorik los.

Ausgestellt sind in dieser Werkschau auch Beispiele der kleinformatigen Handzeichnungen mit Feder und Bleistift, die noch Hinweise auf seine biographischen Stationen enthalten. Das betrifft die „Hochschulzeichnungen“, die mit der Verwendung von Briefbögen gerade die Beiläufigkeit der Hinwendung zu diesem Medium betonen. Ab 2006 leitete er die Klasse für Fotografie im Feld der zeitgenössischen Kunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, seit 2018 ist er Professor der Klasse für Freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf. Die tagebuchartigen, aus sich selbst heraus entstehenden Blätter enthalten knappe Texte, die teils mit feinen, zerstreut skizzenhaften Liniensetzungen versehen sind und als Sentenzen wiederum Aufschluss über sein künstlerisches Programm geben. Zu lesen ist: „der Pfau verweigert ein Rad zu schlagen.“, „verödete Landschaften, mit Geschwindigkeit durchfahren“, „Herstellen, was jeder herstellen könnte. Gegen jede Kunstfertigkeit“ oder: „In Ruhe das aus Versehen geglückte Werk abwarten“.

Und es gibt die Zeichnungsfolgen der „Peripheriewanderungen“, erstmals 1994-95 zu Hamburg, wo er lebt. Piller hat über Wochen, begleitet von eigenen Fotografien, Gegenden umlaufen und dann erst, gegen jede routinierte Wirklichkeitswiedergabe, den zurückgelegten Weg aus dem Gedächtnis aufgezeichnet. Die Zeichnungen sind abstrakt und krakelig, von Richtungswechseln gekennzeichnet, wobei sich ein System einstellt. Perspektivisch fluchtende Partien finden sich ebenso wie Linien, die sich als Umrisse von Volumina organisieren: Beliebig ist hier nichts, Peter Piller arbeitet auch hier auf Verdichtung und Verbindlichkeit hin, deren Erkennen und Nichterkennen er dem Betrachter überlässt.

Schwerpunkt seiner aktuellen Arbeit aber sind Höhlen und die dortigen steinzeitlichen Malereien und Zeichnungen, die er vor allem in Südfrankreich und Nordspanien im Rahmen von Exkursionen erkundet. Er arbeitet anschließend auch hier an Zeichnungen dieser Begehungen, fotografiert selbst und arbeitet zudem mit fremdem Bildmaterial und stellt die verschiedenen Medien zusammen. Er interessiert sich für die Topographie, für die Bedeutung und Rezeption, aber auch die Formen der Höhlenmalereien und ihre Inhalte, für die kultische Bedeutung dieser Orte usw. Und dann schränkt er ein: „Es geht nicht so viel um Höhlen, sondern um meinen Zugang dazu.“ Und so finden sich in der linearen Hängung völlig verschiedene Beiträge, Aufrasterungen von Felsgestein, Vergrößerungen und Darstellungen, die scheinbar gar nichts damit zu tun haben. Darüber könne er stundenlang reden, sagt Peter Piller: Und das wird er inzwischen getan haben, in seinem „Höhlenvortrag“, Ende März im Salon des Amateurs.

Peter Piller – there are a couple of things that bother me
Bis 21. Mai in der Kunsthalle Düsseldorf
Außerdem ist er beteiligt bei: Fotonotizen, Werke aus der Sammlung Gegenwartskunst, bis 6. August im Museum für Gegenwartskunst Siegen

TH

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