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Kristina Buch, You can‘t walk unless the word runs, 2019, 10-Kanal-Videoinstallation, HD Video (Loop), Farbe, Ton, Filmstill, Installation GAK Bremen 2020, © Künstlerin
Foto: Simon Vogel, Köln

Kristina Buch

Sprache, Natur und das Unaussprechliche

Die Bremer Ausstellung von Kristina Buch ist ein guter Anlass zur Beschäftigung mit ihrem Werk. Einzelne Arbeiten wurden unter anderem in der Kunsthalle Düsseldorf, der Temporary Gallery und dem Kunstverein in Köln sowie der Bundeskunsthalle Bonn gezeigt bzw. aufgeführt. Auch war Kristina Buch an Überblicksausstellungen wie der documenta in Kassel und der Biennale Istanbul beteiligt. Aber sie entzieht sich einer linearen Biographie im Kunstbetrieb und unterläuft diese durch eine akademische Karriere in den Disziplinen der Biologie und der Evangelischen Theologie. Erst nach den universitären Studien folgte die konzentrierte Hinwendung zur Kunst: ab 2007 am Royal College of Art in London, dann an der Kunstakademie Düsseldorf (bei Rosemarie Trockel). Ein wesentlicher Impetus bleiben die natur- und geisteswissenschaftlichen Forschungen, verbunden mit dem Registrieren gesellschaftlicher Fragestellungen. Kristina Buch erhielt mehrere Wissenschafts- und Kunstauszeichnungen, zuletzt den Hans-Purrmann-Preis der Stadt Speyer.

Nun also eine Einzelausstellung in der Gesellschaft für Aktuelle Kunst. Die erste sinnliche Wahrnehmung nach dem Eintritt ist akustisch. Viele Stimmen reden gleichzeitig, ununterbrochen. Zehn Flachbildschirme an den Wänden zeigen Loops mit Nahaufnahmen von menschlichen Mündern, die sich zum Reden öffnen und schließen und die Zunge hinter den Zähnen auf- und abschnellen lassen. Von nahem als einzelne zu hören, lässt sich das Kontinuum fremder Laute nicht klassifizieren. Vielmehr bleibt es bei der Zungenrede als nach außen hin unverständliches Gespräch. Im Neuen Testament ist es eine Form des Betens zu Gott. - Ist das nicht das Gegenteil der Babylonischen Sprachverwirrung?, fragt Kristina Buch im Atelier in Düsseldorf. Hauptakteur ihrer Installation ist die Zunge als muskulöser Hautlappen, als Steuerruder, das Geschmacksnerven trägt, vor Vergiftung warnt und seinerseits von den Zähnen und dem Mund geschützt wird: Reden wird zum realitätsbildenden Moment, selbst wenn es nicht linear verständlich ist. Dabei befragt die Installation „You can‘t walk unless the word runs“ die Lebendigkeit des Wortes, des Sprechaktes selbst. Bringt das gesprochene Wort eine eigene, unaufhaltsame Durchsetzungskraft mit, die erschafft oder zerlegt?

In Bremen setzt Kristina Buch derartige Überlegungen mit rosa-roten Bahnen aus Jacquardstoff fort, die von der Decke fast bis zum Boden reichen und auf ihren Vorder- und Rückseiten die Form von Zungen in Webform nachzeichnen. Der Ausstellungsbesucher sucht sich einen Weg durch die Schleier, die an Fahnen und deren kollektiven Zeichencharakter erinnern. Der Jacquardstoff, der ebenso auf die traditionelle Technik der Weberei verweist wie er bei der historischen Etablierung der digitalen Sprache verwendet wurde, kam bereits in Kristina Buchs Ausstellung in der Kunsthalle Bremerhaven 2016 zur Anwendung. Dort ließ er sich als Vorhang aufziehen. Die eingewebten schwarzen Bögen und Balken wirkten wie Fragmente fetter Druckbuchstaben: Sie sind Teil eines ausgedehnten Projekts auf der Basis kontextorientierter Texte, die sozusagen zu Streifen geschreddert sind, so dass nur die Scheitel oder andere Strata der Buchstaben übrig bleiben. Weitergeführt hat dies Kristina Buch im Kölner Interview-Magazin MOFF auf einer Strecke von fünf Doppelseiten (Ausgabe 16, 1/2018). Die Bögen und Balken sind in Reihen repetiert und in der Vertikalen wie ein vibrierendes Echo voreinander geschoben, so dass unsere kulturell determinierte Lesbarkeit von links nach rechts und von oben nach unten durch ein All-Over ersetzt ist, bei dem einmal die Schwarzwerte und einmal die Weißanteile dominieren. Verwandtschaften zur Notation von Musikstücken und nichtmenschlichen Lauten, Morse­zeichen und Lochkarten liegen ebenso vor wie zu den anwachsenden und abschwellenden Leuchtanzeigen etwa an Synthesizern. Auch stellen sich dichte Blöcke ein, die bei allem Minimalismus mit ihren harten linearen Schnitten eine immense Plastizität annehmen. Noch als Beitrag zur Aktualität Konkreter Poesie zu schätzen, wirft Kristina Buch mit ihren Recherchen zu Zeichentheorien und den Mikrostrukturen visueller Kommunikation Fragen des Übertönens, der Deutlichkeit und der Reprä­sentanz auf – in der audiovisuellen Installation in Bremen erfährt dieses komplexe Thema eine überraschende Fortführung.

Etwas aus der Konvention lösen und damit vorgegebene Regeln unterlaufen oder sukzessive bis zum Verschwinden bringen – beides erweist sich als wiederkehrende Strategie bei Kristina Buch, etwa in der Einmaligkeit eines nicht-aufgezeichneten Klavierkonzertes einer rudimentär erhaltenen Par­titur (2014) oder in der Einladung an die Besucher in Sammlungen moderner Kunst, ikonische Werke der gegenstandsfreien Malerei als leicht veränderte Reproduktionen aus verzehrbarem Zucker ab- und wegzulecken („later, Goliath. And then started humming“, ab 2013, schon da also mittels der Zunge) – wobei das Verstummen und Auflösen ja dahingehend vollzogen sein könnte, dass die Aktionen lediglich in den Publi­kationen des Kunstbetriebes behauptet werden. Wer weiß, ob sie tatsächlich stattfanden. Kristina Buch lässt eine Antwort auf diese Frage offen im Raum stehen.

Immer wieder und seit Beginn ihres künstlerischen Arbeitens setzt Kristina Buch die kulturellen Mechanismen unserer Gesellschaft mit der sich selbst überlassenen Natur in unerwartete Dialoge. In ihrer Master-Ausstellung in London befand sich auf einem Sockel ein Tonklumpen, „geformt“ von einer Gruppe Menschenaffen des Londoner Zoos. Daneben flatterte im Luftstrom eines Ventilators eine rosa-weiß ge­­streif­te Plastiktüte (2009): Von „life gestures“ spricht Kristina Buch bei diesen lakonischen, intensiven, teilweise performativen Ereignissen. Zur documenta 13, 2012 in Kassel hat sie auf dem Friedrichsplatz einen überbordenden Garten mit 180 Pflanzenarten angelegt, der an paradiesische sowie hypernatürliche Zustände und an Wildnis denken ließ. Sie besiedelte den Garten mit 2.000 Schmetterlingen, die sie in ihrer Wohnung nach und nach aufgezogen und jeden Morgen nach dem Schlüpfen hierher gebracht hatte: Vom Garten aus verteilten sich die Schmetterlinge über die Auen und die anderen Kunst­­werke hinweg im städtischen Raum.

Neben dem Flüchtigen, Vergänglichen, das sich unbeobachtet fortsetzt, ist in Bochum eine Arbeit für die greifbare Ewigkeit entstanden, die aber genauso mit Subversivität und Imagination spielt. Den Platz an der Friederikastraße, Ecke Erlenstraße ließ Kristina Buch mittels Ratsbeschluss offiziell als Grete-Penelope-Mars-Platz benennen. Ein Straßenschild sowie eine Bronzebüste der fiktiven Frau ohne Biografie wurden fest aus dem Platz installiert. Im angrenzenden Park siedelte Kristina Buch Leuchtkäfer an, die im Som­mer dieses halbfiktive, halbreale Bild der Frau in unserer Gesellschaft erhellen und selbst flüchtig, unfassbar bleiben: Rein durch den Glauben, vermittelt durch die Konvention von Platz und Bronze(!)-Büste(!) wird hier eine menschliche Existenz aufgerufen, die selbst nie gelebt hat und um so mehr für unbekannte, ungenannte Heldinnen steht (2014). Der Titel ist wie immer Teil der Arbeit, in Englisch und ebenso poetisch wie bedeutungsreich: „Some at times cast light“. Kristina Buch überträgt im Gespräch: „Manche werfen, gießen, betonieren, verteilen manchmal Licht“. - Anderes beleuchten, ins rechte Licht rücken und damit würdigen, selbst dabei verschwinden, und zwar vermittels zarter, behutsamer Gesten, die mit großer Radikalität verbunden sind: Vielleicht führt dies zum Kern des Arbeitens von Kristina Buch, die in ihrer multimedialen Praxis immer wieder frühere Fäden – Motive und Themen – aufgreift und aus dem Hintergrund nach vorne rückt.

In einer anderen Arbeit hat sie ein Huhn zu sich, also in die Menschenwelt, aufgenommen, dokumentiert durch ein Video und zahlreiche Fotos. Im ursprünglichen Konzept hatte Kristina Buch angekündigt, das Huhn für den Finissage-Empfang zu verkochen und gemeinsam mit den Ausstellungsbesuchern als Bouillon zu verspeisen, was aber (jedenfalls zunächst) nicht passierte (2012-15). Dies führte zu einer unerwarteten Folgearbeit: Kristina Buch wurde zu einem Künstlerbeitrag in der Süddeutschen Zeitung eingeladen, den sie in der präzisen Anordnung ausgewählter Fotografien zum Projekt und eines erläuternden Textes auf der großformatigen Seite in Korrespondenz zum textlichen Ablauf der gesamten Zeitung realisierte (2015-16). Freilich hatte die Leiterin des Kulturressorts in der Überschrift den Titel der Arbeit „Eines der Dinge, die mich an Dir erstaunen, ist, dass Du unermordet bleibst.“ eigenmächtig durch eine belanglose Headline ersetzt. Daraus entwickelte sich eine E-Mail-Korrespondenz mit Kristina Buch, die exemplarisch die unterschätzende Mutlosigkeit der Massenmedien, die Macht und Bedeutung von Spra­che und das Scheitern von Kommunikation vor Augen führte. Der Vollzug von Zensur wurde angesprochen und entlang des Begriffs des Kuratierens auf einem schmalen Grat diskutiert – Aspekte, die Kristina Buch dann in den Projekten für MOFF und zur Unverständlichkeit des Redens in Bremen weiterführt.

Von der Normierung und Dominanz von Kultur im harten Kontrast zur Natur in ihrer Beharrlichkeit handelt schließlich ein animiertes Zwei-Kanal-Video mit Sound, das mit dem Guggenheim-Museum in New York und dem Mount Everest zwei „Ikonen“ unserer Zeit nebeneinander stellt. Auf die stille betrachtende Einstellung folgen synchron gewaltige, auflösende Explosionen, deren Bildaufteilung und rhythmischer Ablauf Michelangelo Antonionis „Zabriskie Point“ entsprechen. Was nun aber in den Wind geblasen wird, sind auf dem einen Bildfeld Architektursplitter (mit der Präzision der Buchstabenscheitel) und auf dem anderen amorphe Brocken (die an Tonklumpen erinnern), die den Zustand der Zivilisation mit ihren zerstörerischen Kräften widerspiegeln. Dass während der Produktion des Filmes der IS in Nimrud und Palmyra wütete und kurz darauf der Mount Everest von einem Erdbeben heimgesucht wurde und der Titel damit traurige Wirklichkeit wurde, gehört zur Ge­­schichte dieses ahnungsvollen Loops: „Such prophecies we write on banana skins. (triangulation of criminal grace)“ – auch diese Arbeit, die für die Istanbuler Biennale 2015 produziert wurde, ist nun in Bremen zu sehen.

Kristina Buch, You can‘t walk unless the word runs,
bis 19. April in der Gesellschaft für Aktuelle Kunst in Bremen
Di-So 11-18 Uhr, www.gak-bremen.de

TH

Kunst.