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Karl Krüll
Porträtfoto: © Steven Veldkamp

Karl Krüll

Von Hand

Zeichnen. Das ganze Werk von Karl Krüll dreht sich um Zeich­nung, auch wenn er mit weiteren bildnerische Medien arbeitet und auch wenn er das Zeichnen nicht als seriellen Vorgang versteht, bei dem Automatismen ablaufen, sondern jeweils als einzigartige Erfahrung. Mehr und mehr ist es zum Verfahren geworden, das aus dem Unterbewussten nach vorne tritt und das er mitunter noch distanzierenden und abstrahierenden Maß­­­­­­­­nahmen unterzieht.

Der Umgang mit der Linie bildet den Ausgangspunkt im Werk von Karl Krüll. Krüll wurde 1936 in Düsseldorf geboren, er hat hier zunächst an der Werkkunstschule studiert und ist 1960 nach Berlin gewechselt: erst an die Staatliche Akademie für Grafik und schon bald an die Hochschule für Bildende Künste, in die Klasse für Zeichnung und Druckgrafik. Im Atelier von Karl Krüll in der Friedrichstadt hängen zwei Blätter, die kurz danach, Mitte der 1960er Jahre, entstanden sind. Eines integriert in die Darstellung einen Text von Henri Michaux, der selbst unter Meskalin gezeichnet hat. Aus gestischen Bahnen ist eine schwarze abstrakte Fläche angelegt, die partiell an eine Frot­tage erinnert. Das andere Bild zeigt eine aufragende, in händischer Bewegtheit breit konturierte helle Fläche, darüber zwei gerasterte Kreisscheiben. Die Idee des Aufrisses ist hier schon angelegt, mit der sich Karl Krüll in diesen Jahren im Kunstbetrieb etabliert: Er gehört zu den wichtigen Vertretern der Pop Art in Deutschland. Krüll zeichnet akribisch den Querschnitt von einem Auge, von Feuerwaffen und von Autos. Mitunter ragen feine Striche mit Ziffern nach draußen, so dass die Darstellungen wie technische Informationen wirken. Als kleine Zeichnungen, aber auch als Malerei mit Kantenlängen über einem Meter liefern sie schematisierte Innensichten: das, was sonst unter der Oberfläche verborgen bleibt. Die Linie (als durchlässige Kontur oder als Pfeil) wird zum Verfahren der tieferen Erkenn­t­nis.

Trotz des Erfolges mit diesen Bildern, mit Ausstellungen in Berlin im Haus am Waldsee und in Düsseldorf in der Galerie Niepel, stellt Krüll sie um 1968 ein, „dann kam die Revolution“, sagt er lapidar: die Studen­ten­unruhen, ohne dass er sich dort übermäßig einbringt. Aber sie ändern seine Kunst. 1969 gründet er mit Ilona und Wolfgang Weber in Düsseldorf die Gruppe „Syndikat“, die mit subversiven Aktionen vor allem bei Kulturfestivals in Erscheinung tritt. Einen bleibenden Eindruck hinterlässt die Bekanntschaft mit tribalen Gemeinschaften der nordamerikanischen Indianer. Er gibt, ab 1971 zeitweilig in Amsterdam ansässig, die Zeitschrift „Indianer Heute“ heraus. Und er wendet sich dem Traum und der Trance als Wegen zur Notation zu. Die Träume hält Krüll in Texten fest. „Konnte den Traum im Wachwerden sozusagen noch atmen hören“, schreibt er in einer (undatierten) „Traumnotiz“.

In Trance aber, unter Hypnose (die er selbst auslösen kann) fertigt er bis heute kleine lineare Zeichnungen an, neben den rational bewusst ausgeführten Zeichnungen, meist mit Kugelschreiber. Bei beiden Gruppen trägt er häufig noch ein Treibmittel auf, das die Farblinie aufweicht oder auch selbständig ausblühen lässt. Eine weitere Maßnahme, die der Linie Raum, Plastizität und Intensität verleiht, ist die Transparenz übereinander liegender Schichten: als analoges Verfahren mit durchsichtigen Papieren oder mit digitalen Mitteln. Dazu scannt er die Zeichnungen ein und bearbeitet sie mit Photoshop und druckt sie dann als Unikat vergrößert aus. Die Zeichnung erweist sich als Verfahren des Zugriffs, des Zufalls und des Zulassens.

Man kann die Zeichnungen auch ohne dieses Wissen sehen. Aus Krikelkrakel wird Form; der Strich bricht ab, setzt wieder an, nimmt an Fahrt auf, bleibt alleine und tritt in Beziehung zum Liniengeflecht. So entstehen Figuren, teils in skizzenhafter Andeutung, teils ausgeführt, dann wieder als Körpergruppe oder als Tierwesen, die frontal ausgerichtet oder im Profil gegeben sind, aber auch einfach nur Fragmente von Landschaft oder Architektur, etwa eine Treppe im leeren Blatt – meist aber doch Figur zwischen Erscheinen und Verschwinden, als existenzielle Vergewisserung und eigene Bewusstwerdung. Karl Krüll fasst diese Zeichnungen bis heute in Publikationen zusammen und hat sie auch kontinuierlich ausgestellt, etwa im Museum Ratingen und in den Ausstellungsinstituten in Herne.

Vielleicht sind auch die Fotoarbeiten, die er in Schwarz-Weiß und Farbe als Einzelwerke, Paare und Se­quenzen seit den 1960er Jahren aufnimmt, unter dem Aspekt der Zeichnung zu verstehen: Weil sie die Struktur der Landschaft und die Textur von Natur im Ausschnitt fokussieren und weil sie als Medium die Unmittelbarkeit im Zugriff auf das Vorgegebene bewahren. Karl Krüll hat sie besonders auf Reisen in ferne, exotische Länder fotografiert: als Erfahrung und Dokumentation des Fremden.

Karl Krüll
www.karlkruell.de

TH

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